Bin ich denn Ÿberhaupt ein Kabarettist?

Die einen sagen: Ja, selbstverstŠndlich! Die anderen schŸtteln den Kopf und sagen: Nein. Warum diese Differenzen? Weil ich nicht direkt politisch bin, eine Politisierung (und Polemisierung, denn mehr ist es meist nicht) der Menschen ablehne*? Weil ich wie in meinen Ÿbrigen StŸcken das Leben selbst am Schopf packe, das bestenfalls indirekt politisch ist, weil KunstausŸbung keine andere Absicht als die "absichtssichtslose" Wahrheit (und das ist nicht nur nicht politisch, sondern anti-politisch) zulЧt, will sie sie selbst bleiben? Weil ich zuviel Schauspieler bin, wie andere (diesmal nicht immer so wohlmeinend) meinen?

Aber es wird doch so viel gelacht - schauen Sie doch einmal in die GŠstebŸcher!? Sind diese StŸcke also "nur" Komšdien, ich ein Komšdiant?

Nein, sagen die SprechbŸhnenfachleute ...

Es wŠre mir ja an sich gleichgŸltig, ob mich jemand einen Kabarettisten nennt oder nicht. Weil mir jede Einengung, jeder Festmachungsversuch durch IdentitŠtsbegriffe die Gefahr einer EinschrŠnkung bedeutet.

Und wenn ich selber (oder die Werbeleute) den Begriff "Kabarett" fŸr manche meiner StŸcke verwende dann deshalb, um Ihnen, dem Publikum, Orientierung zu geben, denn ich bin der Meinung, da§ meine "Kabaretts" auch Kabaretts in bestem Sinn sind - aber in einer eigenen und neuen Form. In der sich Kabarett und gutes Theater verbindet: und zur

Kabaretttragšdie

wird. Hier spiele ich mit etablierten Formen, weil ich der Meinung bin, da§ der Mensch sich nicht verŠndert hat, immer derselbe ist. Und deshalb eine Darstellungsform braucht, die seiner Wirklichkeit entspricht - wo sie ihn abholt, um ihn dann mitzurei§en in den Katarakt der Geschehnisse. Auf da§ er sich dann am Schlu§ an einem Punkt wiederfindet, wo er vielleicht sogar Ÿber sich selbst erstaunt ist. Was kšnnte Theater, was kšnnte Kabarett an Freiheitsdienst mehr leisten? Und wozu sonst soll die BŸhne, soll die Kunst dienen - als dem Zugewinn an Freiheit? Aber die heutigen Unfreiheiten sind in hohem Ma§e geistiger Natur. Und die heutige Befreiung, in der Katharsis, braucht deshalb eine sehr ... zweitwirkliche Exposition ... man mu§ also schon davon ausgehen, da§ die Menschen wissen wie man tut wenn man wei§ da§ man wei§ da§ man wei§ ... Theater aber braucht das Staunen, will es Ÿberhaupt funktionieren. Mit ideologischen AnsŠtzen hat es noch nie funktioniert.

Pardon, jetzt wird es fŸr so ein (geplant) kurzes AufsŠtzchen zu ausholend. Und was interessiert das Sie, den Besucher dieser Seiten? Man sagt ja: Solche wollen alles nur knapp, zack zack und so. Also - wo waren wir? Genau: Beim ...

... Kabarett.  Und das wird immer schon sehr weit definiert. Die Form, die sie bei mir finden, nenne ich selber jedoch Kabaretttragšdien - und nachdem es so Schwierigkeiten gibt, das einzuordnen, gleichzeitig die Publikumsreaktionen mir zeigen, da§ es "funktioniert"(und wie!) mu§ es also eine etwas anderes sein, ja: Es ist eine richtig NEUE Theaterform! Immer noch steigt ja das Komische aus dem Tragischen, ja ist seine †bersteigerung: WorŸber wir lachen ist die †berhšhung des Mi§geschicks, des Irrtums, bis wir uns von ihm lšsen kšnnen. Mir sind schlicht berechenbare "Lacher" aber zuwenig, auch wenn man sie manchmal bewu§t einsetzt. Aber ich bin kein Possenrei§er. Und wenn man auf der BŸhne steht hat man zudem so seine Versuchungen - wie wollte man doch noch mehr geliebt werden.

Aber ich suche eine grš§ere Herausforderung. Meine Kabaretttragšdien spielen deshalb immer raffiniert mit der Dramaturgie, die selbst Darstellungsmittel ist. Und gerade in einer Zeit, wo wir mit Dramaturgien aus zweiter Hand - in Film und Fernsehen - pausenlos zugeschŸttet werden, ist es notwendig, sie sehr reflektiert einzusetzen. Meine StŸcke haben somit aber immer Figuren, die eine Entwicklung durchmachen, einen Handlungsfortgang, der wesentlich ist, der aber auf neue Weise mit Erwartungshaltungen spielt. Ich trete also nicht einfach als "ich" auf. Diese Kabaretttragšdien sind deshalb nicht einfach  nur "witzig" oder "amŸsant" ... sondern auch spannend. Es sind also StŸcke, die sich der Mittel des Kabarettbegriffs bedienen, aber immer auf viele unterschiedliche Weisen zu "lesen" sind. Wo ich also auf sehr freie Weise manche spontane Mittel einsetze, auch in der BŸhnenprŠsenz. Und bis hin zu den Liedern, die ich dafŸr schreibe.

*Ich halte es fŸr Betrug, den Menschen vorzumachen, sie hŠtten sich fŸr Dinge verantwortlich zu fŸhlen, die zu bewŠltigen sie gar nicht die Mšglichkeit, die Macht, noch weniger aber die Einsicht haben, weil sie sie auch gar nicht haben kšnnen - und SOLLEN. Es kann nicht jeder in allem kompetent sein, es reicht fŸrs Leben, sich in seinen unmittelbaren alltŠglichen Lebenshorizont, das NŠchstliegende, seine eigene Wahrnehmung zu vertiefen. Mit kaum etwas wir so viel gelogen und getŠuscht wie mit den Aussagen Ÿber die Mšglichkeiten der Demokratie

Eberhard Wagner als Herbert Woskocki

Zwei Seele - Keine Welt (2004-2005)

Zwei Seelen - Eine Welt (2002-2005)

 
     
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