| Teil 2 Die Philosophie Es ist symptomatisch, da§ mein immer schon bestehendes Interesse an den Grundfragen des Menschen in meiner Jugend immer mehr zu einer BeschŠftigung mit der Naturwissenschaft ausartete. PopulŠrwissenschaftliche BŸcher trugen so scheinbares Wissen in die Familien, und ich las was mir unter die Finger kam. So waren es zunehmend Publikationen Ÿber die Evolution, und erst spŠter habe ich festgestellt, wieviele Fragen da offen sind ... Dazu kam die Instrumentalisierung durch marxistische Literatur, in die ich mich verbi§: Der ãsoziale Aspekt", aber auch die Rebellion war es, der mich auf diese Welle aufspringen lie§. Und so fand ich mich immer tiefer in Gedankensystemen, die mich zum gedanklichen Nihilisten werden lie§en. Doch den Zirkelschlu§ des reinen Marxismus habe ich nicht erst durch JEAN AMERY entdeckt, diese Erkenntnis Ð und darauf bin ich stolz Ð hat mich eines Tages regelrecht als Konsequenz Ÿberfallen. Aber ich hatte noch zu gro§e Ehrfurcht um mir einzubilden, ich hŠtte diese Welttheorie widerlegt. Amery deutet ihn dann in seinen ãWidersprŸchen" an, und von da an wagte ich es auch zu behaupten. Sein ãHand an sich legen" hat auf mich nicht geringen Einflu§ ausgeŸbt. Mehr als der viel politischere Sartre allerdings hat mich die in seiner Literatur immanente Philosophie eines Camus fasziniert. Aber um zu zeigen, wo ich mich befand: Die fŸr mein Psychologie-Studium notwendig nachzuholende Philosophie-PrŸfung habe ich mit MŸh und Not bestanden. Und schon gar nicht habe ich wirklich etwas von diesem denkhistorischen Abri§ verstanden. Erst die Philosophiegeschichte von JOHANNES HIRSCHMANN war es dann, die mich fŸnfzehn Jahre spŠter die ZusammenhŠnge des Denkens erstmals so richtig begreifen hatte lassen. Auslšser aber war ein PŠdagoge, WALTER BRAUN (s.u.) Durch ihn bin ich mit Ð und ich will es so bezeichnen - wirklicher Philosophie in BerŸhrung gekommen, und er hat mich ungemein ermutigt, selbst an eisernen Dogmen von heute zu kratzen. Umso mehr, als wahre Philosophie dem Menschen nicht fremd ist, und Wahrheit ein entdecken von etwas Vorhandenem ist, kein Erfinden einer Theorie. Entsprechend aber war ich viele Jahre lang ausschlie§lich mit der Aufdeckung von IrrtŸmern und Befangenheiten auch in meinem eigenen Kopf beschŠftigt. Nicht als logisches Spielchen zu verstehen, sondern was wahr ist ist immer ein AUFDECKEN eines Wirklichen, nicht eine mathematische Gleichungslšsung (soviel das wiederum mit Wahrheit zu tun hat) Und Verstehen ist eben mehr als logisches Ergebnis, das alleine nur ein Grenzpfahl sein kann, aber nicht wirklich sŠttigt, es ist ein Aufnehmen von Form, ein ãwerden wie." Von Braun weg ging es sehr schnell zu THOMAS VON AQUIN, wobei ich damals nur sein DE ENTE ET ESSENTIA neben der SUMMA THEOLOGIAE las. Doch das darin erfa§bare Denken ... es war auch das in mir vorhandene. Und da begriff ich, da§ alles Denken auf der SENS RATIO des Menschen aufruht, dem so verpšnten gesunden Menschenverstand. Erst relativ spŠt kam ich zur SUMMA CONTRA GENTILES. Und wer die liest sieht sofort, da§ alles, aber wirklich alles schon einmal dagewesen ist und wir uns unsere OriginalitŠt nur einbilden. Einen Durchbruch im Verstehen der menschlichen ReflexivitŠt als einem der grundlegendsten PhŠnomene der Denkensverhinderung verschaffte mir WALTER HOERES mit seinem schmalen BŸchel SEIN UND REFLEXION. Denn alles Erkennen kann sich nur an einem Au§en orientieren, nicht an der Beobachtung der Reaktion auf ein Au§en. Hoeres zeigt schon in den fŸnfziger Jahren, was heute eine Volksseuche geworden ist. ROBERT SPAEMANN verdanke ich viel in seinen BŸchern GL†CK UND WOHLWOLLEN sowie PERSONEN. Auch seine Auseinandersetzungen mit dem Evolutionismus waren mir wichtig, wobei ich ihn fŸr zu vorsichtig halte. Was Kultur und Mensch als Persšnlichkeit Ÿberhaupt ist hat mich JOHANNES MESSNER immer besser verstehen lassen. Sein NATURRECHT sowie seine KULTURETHIK sind nicht nur leicht lesbar, sondern ich habe sie durchgeflogen um sie sofort weglegen zu kšnnen Ð sie haben nur zum Wort gefŸhrt, was lŠngst grundgelegt war. Ein ganz besonderes Buch Ð und auch dieses eine Kritik wie so vieles von dem, was ich damals las Ð war mir JOSEF SEIFERTÕs DAS LEIB SEELE-PROBLEM UND DIE GEGENW€RTIGE PHILOSOPHISCHE DISKUSSION. Wenn er auch nicht definitiv sagt, WAS die Lšsung sei Ð er zeigt ganz wunderbar, was es sicher nicht ist. €hnlich wie in manchem BŸchern von BRAUN hat man mit diesem Buch auf einen Schlag einen †berblick Ÿber viele gegenwŠrtige Denkrichtungen und findet sie Ÿberzeugend kritisiert. ãZufŠllig" wie so vieles, was ich las, hatte ich in einem Antiquariat AMADEO SILVO-TAROUCAÕs THOMAS HEUTE antiquarisch gefunden. Es war mir in vielem Schlu§stein. Schon in den drei§iger Jahren hat WOLFF das Prinzip der TELEOLOGIE als in der Natur vorherrschend wunderbar aufgezeigt. Soda§ ich mich zunehmend frage, warum man Ÿberhaupt am Dogma der Evolution weitergearbeitet hat. Man mu§ eine ganze Generation an Lehrern einfach beiseitegeschoben haben. †brigens finden sich schon in Thomas Ÿberzeugende Argumente. P…LTNERÕs EVOLUTION€RE VERNUNFT sei in diesem Zusammenhang erwŠhnt. Auch er zeigt den Zirkelschlu§ des sogenannten EpiphŠnomenologismus auf, mit dem Ð auf KrŸcken Ð die Evolutionstheorie daherkommt. Viel Hilfe war mir immer wieder BRUGGERÕs PHILOSOPHISCHES W…RTERBUCH: Leicht verstŠndlich, knapp, umfassend, einfach nŸtzlich fŸr so manche kleine Zwischenfrage, in der ein Denken oft genug einzustŸrzen droht weil ein Begriff nicht ganz klar ist. Und Erinnerung ist fŸr jedes Denken ein entscheidend Ding. HANS PFEIL mšchte ich nur am Rande erwŠhnen, so wie WEISCHEDELÕs DIE PHILOSOPHISCHE HINTERTREPPE. Alles nŸtzlich, alles gut zu lesen. Sehr bedeutend im Hinblick auf einen entscheidenden Schritt des Begreifens war mir PETER WUST UNGEWISSHEIT UND WAGNIS. Hier kam erstmals das Element der Angst und der Bedeutung der existentiellen Ungesichertheit des Menschen in mein Bewu§tsein. Aber nicht zuletzt mšchte ich die Bedeutung von JOSEF PIEPER fŸr mich hervorstreichen, ja mit ihm hat viel angefangen: Auch wenn er im einzelnen nicht immer klar genug und vor allem knapp bleibt, so habe ich bei ihm in der Melodie seines Schreibens das Wesen der Philosophia perennis erfa§t Ð und ich erwŠhnte es bereits: Als wahrlich menschliches Denken. Seine BŸcher Ÿber die menschlichen bzw. gšttlichen Tugenden, DAS DREIGESTIRN (Glaube-Hoffnung-Liebe) sowie die Traktate KLUGHEIT-GERECHTIGKEIT-TAPFERKEIT-ZUCHT UND MASZ (DAS VIERGESPANN im Sammelband) waren mir ganz wichtig: Nicht, weil man in Ihnen lernt ãtugendhaft" zu leben, sondern weil man begreift, was Ð noch einmal seiÕs gesagt Ð das Denken Ÿberhaupt ist. Im Laufe der Zeit habe ich von ihm fast alles gelesen, was erreichbar war, durchwegs in kleinen Einzelschriften. Erst heute habe ich einige BŠnde seiner Gesamtausgabe; er lebt ja noch und doziert in MŸnster einer begeisterten Zuhšrerschaft, soweit ich wei§. Ganz wichtig war mir seine Schrift Ÿber DER BEGRIFF DER S†NDE. Auch dies nicht, weil ich zur Fršmmigkeit anregen will Ð Glaube ist ein Geschenk, nicht Leistung Ð sondern weil ich immer mehr den Begriff des Seins verstand, und damit einhergehend den der Schšnheit als Vollendung bzw. der SŸnde als Mangel an Gut und der HЧlichkeit als Mangel an Sein. Dies war eine meiner Wenden, die mich nicht zuletzt den Moralismus durchschauen lie§, ja mir einen neuen Zugang zu Ethik und Moral generell vorbereitete. Apropos Moralismus: Von AUGUSTINUS mšchte ich hier nur sein DE BEATAE VITAE erwŠhnen: Ein geglŸcktes Leben als Ziel der Entelechie, der Lebensentfaltung eines Wesens. Ich habe ansonsten gegen ihn manche Vorbehalte, und die Berufung auf ihn findet man nicht zufŠllig vor allem bei ... ãHochmoralischen" ... wobei die Grenze zum Zynismus meist spielend Ÿberschritten wird. PLATO brauche ich hier wohl nicht zu erwŠhnen Ð auch wenn ich ihn kaum gelesen habe. Ebenso wie ARISTOTELES. Auf ihn bin ich bei THOMAS ja auf Schritt und Tritt gesto§en, der ihn ja nur ãDer Philosoph" nennt. Im Ÿbrigen bin ich der Auffassung, da§ sich Aristoteles und Plato weitgehend treffen, also mehr als ergŠnzen. Ihr Konflikt findet sich ja in der Auseinandersetzung zwischen Augustinus und Thomas wieder. €u§erst knapp und prŠzise kommentiert dies PRZYWARA in seinem AUGUSTINUS: GESTALT UND GEF†GE, wenn er auch den Gegensatz zu Thomas abschwŠcht (was schon stimmen mag): Ist erst die Idee als Erkanntes oder das Erkannte und in diesem die Idee. Ich behaupte, da§ das Abendland ohne den Thomasischen Ð und katholischen Ð Ansatz nicht das geworden wŠre war es ist: Welt als Entfaltung von Idee, erkennbar Ÿber das Gestalthafte. ãEt Deus videbat bonum erat" In diesem Satz steckt unsere Kultur, in der Bedeutung des Seins als Darstellung, Herausstellung Gottes bzw. des Wortes. An dieser Stelle mšchte ich erzŠhlen, da§ mein Denken lange Zeit wie dumpf war. Heute wei§ ich, da§ meine BeschŠftigung mit dem Marxismus bzw. dem Nihilismus daran nicht unbeteiligt war. Und aus der besonderen Situation meines Lebens heraus kollidierte es recht bald mit dem Leben, das ich fŸhrte bzw. fŸhren wollte. Das Denken schien mir Ÿberhaupt Ÿber viele Jahre kein zweckdienliches Instrument zu sein. Eine persšnliche Begegnung erst Ð es war im September 1992, also vor acht Jahren Ð hat mir einen Schleier zerrissen: In der ich erkannt habe, da§ es ein Denken gibt, das auch ich in mir trage und das auf meiner eigenen Wahrnehmung beruht. Heute wei§ ich, da§ es Ÿberhaupt nur so geht und welche Rolle das Gewissen dabei spielt in dem BemŸhen, redlich zu denken. Vieles mu§ ja nur ãentdeckt", keinesfalls erfunden werden. An dieser damaligen Wende in meinem Leben Ð ab da begannen sich ganz langsam die Nebel zu lichten, die um mich waren Ð war DIETRICH VON HILDEBRAND mit seinem DAS TROJANISCHE PFERD sowie DER VERW†STETE WEINBERG von gro§er Bedeutung fŸr mich. Jener Freund hatte mich darauf hingewiesen, und mir begann sich eine ganze Welt zu erschlie§en. So am Rande Ð weil sehr amŸsant zu lesen Ð erwŠhne ich REINHARD L…W und sein Buch DIE NEUEN GOTTESBEWEISE. WŠhrend er sich am Anfang noch intensiv mit allem mšglichen Kram der jŸngeren Zeit (Stichwort Tipler ...) auseinandersetzt, rei§t ihm sichtlich im Laufe des BŸchels der Geduldsfaden und mit einer (der Sache angemessenen) Handbewegung wischt er diese LŠcherlichkeiten vom Tisch. Eine Entdeckung aus meiner jŸngeren Vergangenheit mšchte ich Ihnen nicht vorenthalten: HEDWIG CONRAD-MARTIUS. Ihr Buch DER RAUM habe ich verschlungen, und auch wenn sie recht ãfrauentypisch" denkt, also sehr intuitiv, was in der Gedankenreihe manchmal eine LŸcke hinterlЧt, so finde ich diese (und das ist es im wesentlichen) Aristototeles-Rezeption gro§artig: Man kann wirklich begreifen, was Raum Ÿberhaupt ist und wie er mit dem Sein und dessen Entfaltung zusammenhŠngt. Aus vielen antiquarischen Entdeckungen Ð auch Conrad-Martius war eine solche Ð kann ich nur sagen, da§ die Epoche der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts geistig hšchst fruchtbar gewesen sein mu§. Kaum einmal ein Buch, das mich nicht bereichert hŠtte. Besonders intensiv weil brennend scheint mir die damalige Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften und ihren geistigen Grundlagen gewesen zu sein. NatŸrlich schadet es nicht, sich NIETZSCHEÕs ENTWICKLUNG DER TRAG…DIE AUS DEM GEIST DER MUSIK durchzulesen oder Ÿber so manches an Lebensklugheit bei ihm zu staunen, oder in SCHOPENHAUER etc. etc. zu schmškern. Sie alle betonen bestimmte Aspekte, die man mit der Zeit zu klŠren hat, doch allesamt mit Gewichtungen, die festen Ð vor allem metaphysischen - Boden bereits voraussetzen. Auch die Auseinandersetzung mit dem PhŠnomenologismus eines SCHELER oder PF€NDER ist m.E. so zu sehen. Und, wie gesagt, nicht eine Geschichte der Philosophie wollte ich schreiben, sondern bewu§t gewisse Schwerpunkte einfachhin empfehlen. Die Themen vermischen sich auch allenthalben, ich wei§, aber Ausgangspunkt jeder Wissenschaft ist nun einmal die Philosophie. Und nur weil dies vergessen wurde stehen wir heute in einer derartigen Verwirrung: Arbeiten mit z.B. Naturwissenschaften, deren gedankliche Voraussetzungen všllig verschwommen sind, weshalb wir es immer mehr mit einem Vielwissen Ÿber Nichts und Ð noch gefŠhrlicher Ð scheinbar logischen Kreisen zu tun haben, denen aber die Bezugspunkte fehlen. |
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