| Fakten
+ Material + Gedanken |
| Human
Intelligence |
| Zur
Ausdeutung von menschlichem Interpretieren |
| 01.06.2004
von EBERHARD WAGNER |
| Das
grš§te Kunstwerk - schlecht interpretiert - kann unkenntlich oder mi§verstanden
werden. (WŠhrend ein schlechtes Werk auch durch die beste Interpretation
nicht besser wird - sondern sich die Leistung auf eine neues Gebiet verlegt.) Kein Hervorbringer/Schšpfer hat dabei in allen Punkten UnabŠnderlichkeit festgehalten, und sei es weil auch er fehlbar ist. Sogar selbst sein eigenes Werkin fŸnf Jahren anders interpretieren wŸrde als er es zum Zeitpunkt der Niederschrift tat. (JEDER K†NSTLER SCHAFFT IMMER NUR AN EINEM WERK! Jedes Teilwerk ist nur Zeugnis einer Entwicklung.) Oder (ein interessantes Beispiel aus einem GesprŠch mit Christian Thielemann) die Connotationen gerade vorgefundenen Gegebenheiten anpa§te. (Beispiel: Brahms, der eine Notiz zur LautstŠrke nur deshalb einfŸgte, weil dieses eine Orchester bzw. der Kapellmeister bei der UrauffŸhrung an dieser Stelle zu laut gewesen waren.) Will der SŠnger interpretieren, so braucht er Werkkenntnis, -verstŠndnis und Freiheit bzw. GenialitŠt. Die Notenschrift liefert ihm dazu jene mimetischen Bausteine, aus denen er somit ein Werk "rekonstruiert." Um es dann - mit allen subjektiven FŠrbungen und Eckdaten seiner FŠhigkeiten - neu zu schaffen. Somit beginnt jede Interpretation bei der †bersicht, in Zusammenklang mit dem Detail. Selbst vorgegebener
Takt ist nicht einfach mechanistisches HerunterzŠhlen von immer gleichbleibenden
Intervallen, sondern jeder Takt ist eine Beschreibung eines organischen
Rhythmus', der denselben kaum merkbaren, aber doch so prŠgenden Unterschieden
und Spannungspunkten (siehe links) unterliegt. Sehr wohl gibt es das Kriterium subjektiven Geschmacks beim Zuhšrer - wie beim Interpreten. Und dieses entscheidet, ob ihm ein SŠnger, eine Art der Interpretation gefŠllt oder nicht. Ein "objektiv reproduzierbares Kunstwerk an sich" gibt es nicht. Schon gar nicht, wenn der Interpret KŸnstler, das Ergebnis Kunst sein soll - die nie ohne GenialitŠt (Selbsthervorbringung) beim Hervorbringer auskommt. Der SŠnger, Interpret
ist Instrument an sich. Dem eine vorgegebene Partitur mimetisch beschreibt,
was an Werk vom Hervorbringer gefunden wurde. Aus diesem EinfŸgen in ein
solcherart in ihm "Wiederhergestelltes" entsteht sein Handelnsimpuls.
Anders als eine mechanische Apparatur (z.B. eine Orgel, ein Musikinstrument)
ist ihm ein "technizistisches" Heruntergespiele nicht mšglich
weil wesenswidrig, das Personale vergewaltigend. Die Entwicklung der Musik zeigt wie jede Entwicklung eine Tendenz zur KomplexitŠt, zur immer weitergehenden Ausfaltung, zum Erfassen der Beitšne zu einer Hauptmelodie, einem Grundton. Was Auswirkungen auf die Methode der EinŸbung haben mu§. Denn immer mu§ dem einzelnen Glied der Mitwirkung das Insgesamt vorgestellt bleiben, aus dem er das Wesen der ihm entgegentretenden Harmonie erfassen und sich diesem eingliedern kann. Dabei ist sehr wohl das Subjekt des Komponisten ein wesentlicher Faktor, denn er spielt bereits mit dieser Ausfaltung. Es ist nicht dasselbe, 3/4-Takt in e-Dur bei Bruckner oder Mozart zu interpretieren. Dieselbe Erfordernis tritt beim Interpretieren NICHT aktuell geschaffener (also: Historischer) Musik entgegen, die in ihrem historischen So-Sein vom Interpreten erst erfa§t bzw. wachgerufen werden mu§. (Denn wir stehen ja auf dem kulturellen Erbe unserer Vorfahren, sind davon geprŠgt. Insofern ist das Heute immer auch ein Fazit aus dem Gewesenen.) Je hšher der Grad des KŸnstlertums beim Interpreten ist, umso aktueller hervorgebracht wird seine Wiedergabe sein, ja wird eine Wiedergabe zur Neuschšpfung. (Horowitz'sche Interpretation von Mozartschen Klavierkonzerten hat mehr als AnklŠnge an den Jazz! - als Beispiel) Wer eine Interpretation zum Auftrag gibt ŸberlЧt somit nicht nur das Werk, sondern auch seine konkrete Gestalt dem Interpreten. DEN kann er wŠhlen - nicht aber seine anschauungsgemЧe Interpretation ma§geblich bestimmen. |
| Artificial
Intelligence |
| Gibt
es den Horowitz-Faktor? Interpretieren |
| VON
DANIELA TOMASOVSKY (Die
Presse) |
| Gerhard Widmer und sein Team wollen mit Computerprogrammen Regeln der Musikinterpretation ausfindig machen. Alfred Brendel spielt Beethoven an ders als Friedrich Gulda, Glenn Gould oder Martha Argerich. Musi kalische Interpretation hšrt das PhŠnomenomen, das als Ausdruck kŸnstlerischer IndividualitŠt verstanden wird. Der Informatiker Gerhard Widmer versucht seit 1998 in einem FWF-Projekt, dem UnerklŠrlichen auf die Schliche zu kommen. Ziel ist es nicht, Pianisten kŸnftig durch Computer zu ersetzen. "Wir wollen herausfinden, was ausdrucksvolle Musikinterpretation ausmacht, ob es da bei einem StŸck gewisse RegelmЧigkeiten gibt. Es geht um Strukturanalyse - allerdings nicht mit dem klassisch geisteswissenschaftlichen Approach, sondern mit Hilfe mathematischer Methoden." Neben dem eigentlichen Notentext sind vor allem die verschiedenen Faktoren der Interpretation fŸr das Hšr-örerlebnis verantwortlich - allen voran Tempo und LautstŠrke. Widmer: "Der reine Notentext, mechanisch gespielt, klingt in der Regel scheu§lich. Gespielte Musik besteht aus Abweichungen von und ErgŠnzungen zu der Notation - gerade darin liegt ihr Reiz." Um allfŠllige? Regeln bei der Interpretation herauszufinden, hat das Forscherteam (Gerhard Widmer, Simon Dixon, Werner Goebl, Elias Pampalk und Asmir Tobudic) Tempo und LautstŠrke in Aufnahmen verschiedener Musiker vermessen und in Computer-Diagrammen verarbeitet. Ein aufwendiges und datenintensives Verfahren - doch es lohnt sich: Die Spielweise jedes Pianisten kann nun als "Wurm", der sich Ÿber den Bildschirm bewegt, sichtbar gemacht werden. Die Grundidee zu dieser Wurm-Visualisierung stammt vom deutschen Musikwissenschaftler Jšrg Langner. "Interessant ist es, die Wurm-Bewegungen verschiedener Interpreten miteinander zu vergleichen und sich anzusehen, wo es €hnlichkeiten und besonders starke Abweichungen gibt", so Widmer. Mit Methoden der Mustererkennung fanden die Forscher Stilmuster in den Wurm-VerlŠufen: "Wir haben Programme entwickelt, die lernen, Interpreten an ihrem Stil zu erkennen. Das funktioniert auch bei fŸr den Computer neuen Musikstilen. Der Rechner erkennt den Pianisten also auch, wenn er an Mozart-StŸcken gelernt hat und dann einen Chopin als Test bekommt. In jŸngsten Experimenten haben wir damit Erkennungsraten bis zu 80 Prozent erreicht! DarŸber hinaus arbeiten Widmer und sein Team an Lernmethoden, mit denen der Computer - durch Analyse von Aufnahmen wirklicher Musiker - selbst lernt, Musik ausdrucksvoll zu interpretieren und zu spielen. Aus der Beziehung zwischen Aufnahme und Notentext sollte der Computer wiederkehrende Ausdrucksmuster finden - und so herausfinden, wie geschriebene Musik "ausgesprochen" wird. Widmer entwickelte dazu einen eigenen Lern-Algorithmus. Die Analyse von 13 Mozart-Klaviersonaten mit diesem Programm fŸhrte zu 17 "Aussprache"-Regeln. Eine davon: Gehen zwei kurze Noten einer langen, betonten voraus, wird die zweite kurze meist etwas länger? gehalten Bei einem Wettbewerb fŸr Computer-Musikinterpretation in Tokio gewann Widmers Team mit dem lernfŠhigen? Programm sogar den zweiten Preis: Nur ein hŠndisch optimiertes Programm schaffte es, die Mozart Klaviersonate KV 280 (F-Dur) ausdrucksvoller zu interpretieren. Automatische Musikinterpretation mit dem Computer sei aber kein Ziel des Projekts, betont Widmer: "Es ist fŸr uns eine Mšglichkeit, um herauszufinden, ob die gelernten Regeln musikalisch Sinn machen." Gibt es schon Anwendungs-Perspektiven? Eigentlich hŠndisch er und sein Team das Projekt aus reiner Neugierde, als Grundlagenforschung begonnen, sagt Widmer: "Doch im Laufe der Arbeit haben sich zahlreiche Anwendungs-Ideen ergeben: Musikstudenten konnten etwa mit WŸrmern ihr Spiel sichtbar machen und dadurch vielleicht besser verstehen. Und im Kultur- und Bildungsbereich kann man Visualisierungen und Animationen dazu einsetzen, um komplexe musikalische Strukturen anschaulicher zu gestalten." . |
| |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||