Agnes, die Mutter

ErzŠhlung

Niemals hŠtte sie vorgehabt, in diesem …sterreich zu bleiben. Auch ihre Mutter hŠtte gemeint, da§ das doch niemals eine Umgebung fŸr sie sei, als jene sie einmal besucht hŠtte, damals, als sie noch am Bauernhof der Schwiegereltern in zwei Zimmern untergebracht waren. Nach Breslau hŠtten sie gehen wollen, wenn der Krieg vorŸber war, wo der Mann sicher eine gute Stellung am Bahnhof erhalten hŠtte. Aber es war eben immer alles anders gekommen. Schon die Heirat. Der, den sie eigentlich wollte, war eingezogen worden, hatte sich lange von der Front nicht mehr gemeldet, soda§ sie der Meinung war, es sei ihm nicht mehr ernst. Und da habe sie eben den Viktor kennengelernt. Er war Unteroffizier, die letzte Stufe vor dem Offiziersrang, wie sie betonte, und sah gut aus. Sie sahen sich šfter, denn er war Chefausbilder an der Funkerschule in Glatz, in deren RŠumlichkeiten im dreiundvierziger Jahr zunehmend Notbetten fŸr die Verwundeten aus den ZŸgen aufgestellt worden waren, die am Bahnhof als erster Zwischenstation auf der Fahrt von Ru§land nach der Heimat hielten und erstmals nicht ganz so notdŸrftig wie an der Front medizinisch betreut wurden. Wie beinahe alle ihre Freundinnen, ja alle Frauen der Stadt Glatz war sie Lazarettgehilfin, im Schnellsiedeverfahren ausgebildet, gleich nach ihrem Pflichtjahr im Hause des Hauptmannes. Wo sie gelernt hŠtte, wie man einen Haushalt wirklich fŸhren mu§te, und wie deutsche Kultur aussah.

Rasch war alles gegangen, nach drei Monaten die Hochzeit, ŸberstŸrzt im JŠnner, bei EiseskŠlte, der Winter von drei- auf vierundvierzig war unglaublich. Noch am Morgen der Hochzeit war sie wankend geworden, denn všllig Ÿberraschend lag da ein Brief von dem, dem eigentlich ihr Herz gehšrt hatte. Es sei alles ein Mi§verstŠndnis, und er wolle kommen, und alles wŸrde wieder gut. Zu spŠt. Aber es zerri§ sie innerlich.

Dann kam die Front immer nŠher, nur bei Breslau hielt sie noch stand, und man hšrte die Greuelberichte Ÿber das WŸten der Russen, nachdem sie deutschen Boden betraten. Da war die erste Tochter schon geboren, also eine Deutsche, so wie sie. Um sie bis zum Ende der sich abzeichnenden Wirren in Sicherheit zu bringen, vor allem auch der besser Versorgungslage wegen, denn sie war schon zum zweiten Kinde schwanger, verbrachte sie Viktor nach …sterreich. Dort gŠbe es auch in der NŠhe eine Stadt, freilich nicht so gro§stŠdtisch wie Glatz, aber immerhin. Aber am Bauernhofe der Eltern sei gut warten.

Sie, die Deutsche, die ihren schlesischen Dialekt sofort ablegte und in gestochenes Hochdeutsch verfiel, kaum hatten sie die Grenze Ÿbertreten, geformt in harten Schul- und Lehrjahren, von deutschem Offiziersethos und BŸrgertumsbegriff, den sie umklammert hielt und demgegenŸber sie vom Leben Respekt einforderte. Schon die Fahrt war ein Schock, Ÿber die immer weniger befestigten Stra§en, dann durch dieses Nest, das niemals eine Stadt war, und noch weiter ging die Fahrt, immer weiter sŸdlich, bis man im Dorf ankam, das die Heimat ihres Mannes war. Wo es noch Ÿblich war, am Tisch aus einer SchŸssel zu essen, den Lšffel nach dem Mahl eben mit der Zunge und in der SchŸrze oder an der Hose reinigend und ihn wieder zu den anderen in die Tischlade legend. Wo die Kinder nach dem Bade die frischgewaschenen Haare mit Schmalz eingefettet bekamen, um sie den Buben zurŸckkŠmmen und den MŠdchen zu einem festen Zopf flechten zu kšnnen. Wieder hatte sie ihnen die Kšpfe gewaschen, und wieder kamen sie hoch in ihr Zimmer und hatten sie glŠnzend vom Fett. Neuerlich wusch sie ... sie war nur die "Deitsche", die nur nicht glauben solle, sie sei was besseres.

Und dann kam ohnehin alles anders. Niemand hatte damit gerechnet, da§ Schlesien polnisch wŸrde. Alle vertrieben, niemals wieder RŸckkehr, was lange Hoffnung gewesen war und Kraft zum Aushalten. Nun schon gar nicht, zu den schmierigen Pollaken. Aber das war noch nicht alles. Erst hatte der Mann gro§mŸtig auf alle AnsprŸche und BeschŠftigungsgarantien der Bahn ihm gegenŸber verzichtet. Das ging noch, denn er war BŸrgermeister des Dorfes geworden, wohl auch in Ansehung seiner Verdienste in den letzten Kriegsmonaten um das Wiedererstehen des Staates. Und gro§ im PolitikgeschŠft, auf Wahlreise mit dem spŠteren Bundeskanzler, persšnlich befreundet gar. Als au§erordentliche Rednerbegabung, eine Art Vorprogramm, um die Zuhšrer warmzumachen. Bis er den BauernschŠdeln im Ort zu gro§ wurde, seine PlŠne zu ehrgeizig, mit denen er das Dorf umgestalten, als Wiege …sterreichs in die Zukunft fŸhren wollte. Bis man ihn gar absetzte.

Das ging auch noch, das war noch rechtfertigbar, wenngleich schmerzhaft. Nur getrunken habe er damals schon mehr als ihm guttat, sagte sie immer wieder, da habe alles angefangen. Dennoch blieb sie noch mehrfach geadelt: Einerseits als Frau BŸrgermeister, andererseits war es ja Neid gewesen, der sie in ihrer Stellung als "Deitsche", als etwas Besonderes also, nur bestŠrkt hatte. Noch mehr aber, weil sie an den Machenschaften ihres Mannes nie teilgenommen hatte, ja sich kaum in der …ffentlichkeit gezeigt hatte, als hŠtte sie es ohnehin immer gewu§t.

Die Verbindungen des Mannes reichten noch, er rette sich als Direktor und MiteigentŸmer eines Ziegelwerkes in der kleinen Stadt, wo sie selbstredend zur gehobenen Gesellschaft gehšrten. Sie, mit eigenem Chaffeur und Firmenwagen, und schon zum vierten Kinde schwanger. Ballkšnigin gar habe sie werden sollen, bestaunt habe man die "Deitsche", aber darauf habe sie keinen Wert gelegt, auch wenn es ihr Mann gerne gesehen hŠtte, mit ihr prahlte. Sie habe nur die Pflicht gekannt, und das waren die Kinder daheim. Nur zwei Jahre dauerte die Pracht, kurz, bevor der Kauf der Villa im Randbereich des Ortes Ÿber die BŸhne laufen sollte. Dann war die Firma pleite. Freilich hŠtte man ihn reingelegt, und ausgenŸtzt, dafŸr sei er immer anfŠllig gewesen. Aber auch die verdammte Sauferei. Kaum noch habe er Geld heimgebracht, Stammgast sei er in den Wirtschaften des ganzen Ortes gewesen, gern gesehen als brillianter Redner und gro§zŸgiger Zecher. Der es zuwege brachte, binnen weniger Minuten eine absolut Ÿberzeugende Rede fŸr die Kommunisten, und gleich darauf eine fŸr die Christdemokraten zu halten, da§ den Leuten die MŸnder offenstanden. WŠhrende sie zu Hause sa§, mit der ganzen Kinderschar, und immer hŠufiger nicht wu§te, was sie auf den Tisch hŠtte stellen sollen. Aber auch jetzt hatte sie es gewu§t, hatte ihn alleine seine gro§sprecherischen Auftritte absolvieren lassen, die ihrer Bescheidenheit nicht geziemten, wie ihr alle hoch anrechneten.

Sie wohnten nun gezwungenerma§en und auf Vermittlung des Pfarrers, der der Stadtverwaltung die Notlage eindringlich geschildert hatte, in jenem Neubauviertel, das man nach dem Kriege notdŸrftig fertiggestellt hatte, nahdem es von den Russen kurz nach Fertigstellung fŸnfundvierzig všllig geplŸndert worden war. Und in dem sich immer mehr Gesindel fand, vor dem sie ihre Kinder zu bewahren hatte.

Sie waren nach au§en keine …sterreicher, und schon gar nicht welche von denen da. Jeder Dialektausdruck wurde unmi§verstŠndlich korrigiert, mit HŠnden und FŸ§en die Hochsprache verteidigt, die in der Familie gesprochen wurde, in der sogar ein "Sie" der Mutter gegenŸber seinen Platz fand. Jeder Umgang mit der Umgebung war den Kindern weitgehend untersagt, die Nachbarskinder sorgfŠltig nach Stand und Rang der Eltern in Klassen geteilt.

Nach innen aber blieben die Kinder freilich was sie waren: Auch keine Deutschen, sie verwehrte es ihnen. Inmitten des Untergangs ihres Mannes wahrte sie den Ethos der Besserstellung, die sich in der moralischen QualitŠt ausdrŸckte, als letzte und ohnehin wichtigste Bastion von Kultur. Was sie auf ihren Mann schon lange nicht mehr anwandte. Seine Intelligenz war Blendwerk, wenn auch nicht ganz unwesentlicher Bestandteil der Auffassung von sich selbst auf dem RŸckzug von der Welt, die "alles verfra§", wŠhrend das Entscheidende denn doch das "Geistige" blieb. Denn er war ein Versager, ein SŠufer, der sie im Stich lie§. Und in dieser Geistigkeit wurden die Sšhne und Tšchter geschult, kein Fehlverhalten blieb ungeahndet. Mit untrŸglichem Instinkt las sie alles Schlechte in ihren Seelen, deckte jede MorbiditŠt der Gutheit auf, bis nichts mehr blieb. Der Mensch war sŸndig, ein verfaulter Sack, ging man den Dingen nach, lšste sich alles in Schlechtigkeit auf. Und schlecht waren sie, die Kinder, einfach alle, und die noch mehr, denn die wu§ten es nicht einmal, hielten sich fŸr jemanden, und ging man den Lebensgeschichten nach ... jede Suppe hatte ihr Haar.

Wenigstens Moral, das war auch der Tenor des Pfarrers, des Dechants, des Kaplans, der Frau Doktor Knetbrecht und der Frau Professor FŸhrenstief, eine der wenigen, mit denen sie sich standesgemЧ unterhalten konnte weil diese aus dem frŸheren Ostpreu§en stammte, Deutsche also war wie sie.

Die Kinder folgten bald nicht mehr dem Vater, denn er war schlecht, ein Taugenichts, der immer mehr im Suff verkam. Immer hŠufiger, ja dann bald tŠglich hatte sie mit ihm zu streiten, morgens, wenn er - bald aus dem Schlafzimmer auf die Couch in der kleinen KŸche verbannt - noch im Hause war. Ein Kind nach dem anderen kam dann, aufgeweckt durch ihr Heulen und Schreien, ihre VorwŸrfe und VerŠchtlichkeiten, denen er bald ebensolche folgen lie§. Er verstummte nur, wenn die Kinder die KŸche betraten. War er ein Versager, so war sie dumm. Die Kinder sahen die weinende Mutter, deren Leiden auf sie Ÿberging, und dort, dort im Unterleibchen, in der Hose, die graubraune HosentrŠger an seinem immer aufgeschwemmteren Leib hielten, dort sa§ der Schuldige. Von dem die Traurigkeit kam, die die Mutter beherrschte, aus der heraus sie sich immer hŠufiger zu entleiben drohte, was sie auch vor den Kindern aussprach.

Bald ha§ten diese den Vater, dessen Anweisungen waren eindeutig nicht zu befolgende, soda§ er zu immer drastischeren Mitteln meinte greifen zu mŸssen, um die AutoritŠt noch aufrechterhalten zu kšnnen. So schlug er, und die Mutter warf sich dazwischen, die Kinder schŸtzend. Er solle lieber arbeiten, Geld nach Hause tragen, wie es seine Pflicht sei, die Kinder bringe sie auch ohne ihn durch, die wŸrden sonst auch noch solche Versager, wie er es war. Die ganze Umwelt wŸrde es lŠngst bemerkt haben, und alle stŸnden auf ihrer Seite, erst unlŠngst sei sie wieder darauf angesprochen worden. Es sei ihr mehr als peinlich, deshalb sei sie flugs davongeeilt, kaum das Notwendigste erwiedernd. Sie, sie wŸrde vom BŠcker, vom Kaufmann, ja und zunehmend von den Gastwirten des Ortes angsprochen, wann die Schulden bezahlt wŸrden, und sie gebe das letzte, um die Schande abzuwenden, ohne zu wissen, was sie den Kindern auf den Tisch setzen solle.

Du nimmst mir die Kinder weg, sagte er immer zu ihr. Sie schrie ihn daraufhin an: Dann tu Deine Pflicht! Da brachte er eines Tages in wei§es Wachspapier eingewickelt ein gro§es StŸck Schweinefleisch, das habe er gŸnstig erstehen kšnnen, und Kartoffel, freilich nicht die schšnsten. Die Frau sah das, stŸrzte auf ihn zu, er solle ihr Geld nach Hause bringen, keine fettigen Schweinshaxen, packte das Paket in ihrem Zorne und warf es zum Fenster hinaus. Der Mann ging. Die Kinder sahen zu, wie er das Fleisch aufhob. Er war nicht gut. Dennoch war so eine merkwŸrdige Traurigkeit da. "Werdet nur ja nicht so, wie der Vater!" So sagte sie. Wenn sie doch einmal so waren, Dialekt sprachen, oder ein wenig auf etwas stolz waren, oder einen Streich ausgeheckt hatten, harmlos ... es gab keine Harmlosigkeit in den Vergehen. Man war auf dem besten Wege zu werden wie er. Wie fŸrchteten sich alle davor.

Dabei war er doch auch nett? Kaufte er ihnen nicht ihr Himbeerkracherl, wenn sie am Sonntag, auf dem Weg zur Kirche, oder von dieser kommend, beim Gasthaus vorbeigingen und er sie hereinholte? Das Gasthaus, in dem er hŠufig sa§. ZufŠllig erst, spŠter absichtlich, und die Kinder wu§ten es. Es wurde zu seinem Stammlokal. Dann zeigte er stolz seine Sprš§linge, es waren schon acht, dann neun, dann zehn, immer wieder hatte er ja geschworen, sich zu bessern. Und er lie§ ihnen allen der Reihe nach NŸsse vom Automaten herunter, der an der Theke stand, sie in einem umgeformten Bierdeckel auffangend. Oder bestellte gar WŸrstel, freilich nur fŸr je zwei ein Paar. Dann sagten sie Gedichte auf, die sie gelernt, sangen Lieder, die sie konnten, und rechneten vor aller Augen. Sie hatten die Intelligenz von ihm, das wu§ten alle. Und in solchen Momenten schŠmten sie sich nicht fŸr ihn, wie sie es sonst zu tun hatten, denn er konnte keine Arbeit halten, schon gar nicht die niedrigen, die er nur noch geboten bekam.

Von solchen zufŠlligen Treffen gingen sie nur auf einem Umweg zur Mutter heim, denn wehe, sie roch den Gestank, wie er sich nach einer halben Stunde in der Gaststube in den Kleidern festsetzte. Unterwegs stritten sie noch, jeder nur fŸr sich, die Argumente des anderen sich stets nur denkend, wen der Vater am liebsten hatte, und jeder wu§te insgeheim, da§ er es war. Lag in dieser oder jener Bemerkung oder Geste nicht der Beweis? Bemerkte die Mutter, da§ sie bei ihm gewesen waren, dann wŸrde sie ihnen bedeuten, sie sollten doch gleich zu ihm gehen, brŠuchten gar nicht mehr heimkommen, es sei ohnehin alles nicht gut genug, was sie fŸr die Kinder tŠte. Tag und Nacht schufte sie, rackere sich ab, und das sei dann der Dank dafŸr. Und vielleicht drohte sie dann, fortzugehen, oder tat es tatsŠchlich, indem sie den Mantel packte, und einfach verschwand. Die Kinder sa§en vielleicht gerade um den Tisch, schwiegen, und das eine oder andere stahl sich aus der Wohnung, ging sie suchen, wollte sie weinend heimholen. Denn sie hatte recht, sie wollten nicht so werden wie der Vater, der SŠufer. Und auch nicht so werden wie all die anderen, sie wollten anstŠndig sein, brav, und das mu§ten alle sehen, sollte die Mutter nicht blamiert werden.

Der Vater blieb des Tags immer mehr der ehelichen Wohnung fern. Zu Weihnachten war er denn doch einmal anwesend. Er sa§ dann in der KŸche und starrte vor sich hin, die Bierflasche mit der rechten Hand haltend, wŠhrend die Mutter mit den Kindern ins Schlafzimmer ging und die Feier um den Baum stattfand. Die Geschenke kamen per Paket von den deutschen Verwandten, die es alle geschafft hatten. Dort war nŠmlich alles besser, dort war man um viele Jahre stets allem voraus, denn es war ein Kulturvolk. Sie hatten lŠngst Mixer und Waschmaschinen, als hier noch in den WaschkŸchen die Kessel befeuert wurden und in gro§en Betonbottichen die milchig-wei§e Lauge stand, die ihr die feine Haut der HŠnde zerri§.

Irgendwann damals - nach dem Weihnachtsevangelium oder dem "Ihr Kinderlein kommet" - sagte die Mutter zu einem der Šlteren Kinder, es solle ihn holen. Viktor aber blieb in der dunklen KŸche sitzen, stand dann auf und verlie§ die Wohnung. FŸr die Kleineren war er nur noch ein dunkler Schatten. Die WohnungstŸre schlo§ er ganz leise.

Den Kleinsten brachte er manchmal etwas mit, Winzigkeiten wie einen blauen Kalender, den man an die BettenhŠupter festkleben konnte, mit einem Bleistift an einer Schleife. Die waren am nŠchsten Tag freilich verschwunden, von den Kindern nicht bewu§t bemerkt, aber im Welterleben fest verankert.

Die Mutter hatte in allem recht, ihr zu widersprechen wurde zu einem Akt des Widerspruchs gegen die gesamte Umgebung. Denn jene zollte unverhohlen Bewunderung, bestŠtigte ihr schweres Los, sprach in hšchsten Tšnen von der WohlanstŠndigkeit und dem gesitteten Benehmen der Kinder. Und aus allen wurde etwas. Schon gar, als die Mutter die Scheidung einreichte, um somit vom Jugendamt die von diesem vorgestreckten wenigen aber regelmЧigen Unterhaltsgroschen zu bekommen. Der Vater wurde vom Richter aus der Wohnung gewiesen. Jetzt hast du, was du wolltest, raunte er seiner nunmehr ehemaligen Frau beim Verlassen des Gerichtssaales zu. Der Richter war ihm gefolgt und kŸmmerte sich um die heftig aufschluchzende Agnes. Die noch jahrelang konfrontiert blieb mit den PfŠndungen durch die Gerichtsvollzieher, die mit TrŠnen in den Augen ihre Pflicht taten und die Schulden des Vaters eintrieben. Man wisse ja, da§ sie nichts damit zu tun habe, všllig schuldlos sei, sagte der eine, als er die Waschmuschel des Badezimmers abmontierte.

Nein, niemand wollte so werden wie der Vater, und die Welt bestŠtigte es: Wie die Mutter allerdings, so mu§ten sie werden, dort lag das Ma§. Sie teilte die Kinder auch ein: Jene wurden dieses, andere das, die waren intelligenter, jene nicht. Und mit welchen Augen sie die SchwŠchen aufdeckte. Ja, man war schlecht, wenn man sich nicht an sie hielt.

Solange Viktor noch lebte - und er tat dies fortan in zweihundert Kilometern Entfernung - drohte die zwangsweise Ausweisung ins Exil, wenn man bšse war. Der jŸngste Sohn schrieb ihm einen Brief. Doch weil er nicht wu§te, wie und wohin er ihn senden sollte, lie§ er ihn unter dem Teppich verschwinden, als wŠre er damit aus der Welt geschafft. Bis ihn die Mutter fand, als sie am Freitag auf den Knien liegend den Boden schrubbte. Sie stellte ihn zur Rede, und er weinte bitterlich, denn sie hie§ ihn zu ihm gehen, wenn es ihm hier nicht mehr gefalle. Nein, es hie§: Mit ihm "ziehen", als Begriff der das ewige Vagabundieren ausdrŸckte. Dieses war die Peitsche, die alle zu anstŠndigen Menschen machte. Bis der Vater dann verstarb. Sie habe ihn immer geliebt, sagte die Mutter, und werde ihn lieben bis zu ihrem Tode.

Viel zu frŸh heirateten alle, viel zu frŸh kamen die Kinder, viel zu gierig nach Wohlstand und Anerkennung waren die meisten. Die einen buhlten bestŠndig um die Gunst der Umwelt, alles vermeidend, was aus dem Rahmen fallen konnte, wie verdammt zur TŸchtigkeit. Sie arbeiteten im Rechtswesen auf Seiten des Staates, oder wurden Lehrer. Oder allseits geschŠtzte, sich bis zum €u§ersten fŸr die Agenden des Betriebes einsetzende Mitarbeiter, krank vor Ehrgeiz, immer aber verkannt. Allen gemeinsam war eine seltsame Unruhe. Einige versuchten sich in die SelbstŠndigkeit zu erheben, grŸndeten Unternehmen mit hochfahrenden PlŠnen, bis auch sie scheiterten und Zuflucht in geschŸtzten Bereichen suchten. Sie nahmen ihre Ehepartner wie Kreuze, die auf sie gefallen waren, und die sie krampfhaft festhielten, damit ihr Leben gerechtfertigt blieb. Sie gebaren oder zeugten Kinder, oder bauten HŠuser, die ihre Selbstsicht dokumentierten: Bescheiden und praktisch, oder protzig und wie aus Dekorelementen zusammengesetzt. Es war, als fŠnde niemand so recht seinen Stand, und prŠsentierte den anderen, wie er seiner Meinung nach richtig wŠre und dem Geschlecht zukŠme. Und sie ha§ten dumpf ihre Mutter, die unfa§bar fŸr die Welt vereinsamte, selbst keinerlei Kontakte mit anderen Menschen pflegte, und verachteten einander: Den, der sich erhob, weil er sich erhob, und den der sich erniedrigte, weil er niedrig war.

Etwa um das fŸnfunddrei§igste Lebensjahr aber war in allen je etwas ausgebrochen, wie ein Vulkan, dessen Eruptionen schon lange spŸrbar gewesen waren. So, als hŠtten sie plštzlich grš§te Schwierigkeiten, den Wagen ihres Lebens Ÿberhaupt noch auf der Stra§e zu halten. Die einen erhoben sich, warfen ihr gesamtes bisheriges Leben Ÿber den Haufen, ergriffen neue Berufe, suchten andere Partner. Es war stets wie ein Versuch, aufzustehen, zu dem aber denn doch bisweilen die Kraft fehlte: Man vermochte den Himmel nicht zu heben, er drŸckte sie wieder zurŸck.

Zwei BrŸder gingen schlie§lich fort. Weit fort. Und brachen alle BrŸcken hinter sich ab.

Dann kamen die Tode: Zumeist an Krankheiten, die man gemeiniglich als Zugesto§enheiten erklŠrt, gegen die man machtlos ist: Krebs, Immunversagen, rŠtselhafte Nervenleiden. Wenn man Krankheit als etwas von au§en Herantretendes definiert, vermag man sie von der Person abzulšsen. Eine Form der Heimatlosigkeit, in der man den Dingen der Welt Boshaftigkeit zuschreibt: Viren, Gene, Umweltfaktoren, UnfŠlle.

Von den acht im Lande verbliebenen Geschwistern verstarben fŸnf "in der Mitte des Lebens"; wie man das nennt. Drei fristeten in Nervenheilanstalten ihr Dasein, mit einer seltsamen Krankheit, die unbeholfenerweise "LŸgenkrankheit" genannt wurde. Denn sie belogen ihre Umgebung nicht nur in selbst alltŠglichsten Dingen und verzweifelten zugleich daran, sondern arbeiteten ein undurchdringliches System der SelbstentwŸrfe aus, prŠsentierten es und glaubten selbst nicht daran, weshalb sie unentwegt darŸber sprachen, wie sie einst gewesen waren, sich gewisserma§en zu rekonstruieren suchten. Bis das System der Selbstbilder und Hinterfragungen in všlliger Zerfleischung endete und sie sich schon vor sich selbst verstecken wollten. Und die Nerven všllig versagten. Oder eine Form von Wahnsinn sich Šu§erte, in der der Mensch wie aus der Welt herausfŠllt, bis alle Organe versagen, nachdem sie sich jahrelang heftigst gegen die Herrschaft des Kopfes gewehrt hatten, der es sogar vermochte, dem Herzen seinen Schlag zu diktieren. Ihre Gesichter blieben allesamt erstaunlich jung, formbar wie Wachs, wechselten ihr Aussehen beinahe tŠglich.

Die Leute sagten dann, da§ dieser Frau aber wohl auch nichts erspart geblieben sei, ja sie rieten ihr, zu rebellieren gegen Gott, ihm entgegenzuschleudern, da§ es genug sei. Erst der Mann, und dann die Kinder.

Agnes verstarb schlie§lich im hohen Alter von achtundachtzig Jahren. Zuletzt war sie in einem Altenheim gelandet. Es lag in den Genen, sagte der Arzt, sowohl das hohe Alter, das die Gro§eltern vorgezeichnet hatten, als auch ihre Blindheit, an der sie in den letzten Lebensjahrzehnten gelitten hatte. Am Grabe sprach der Pfarrer vor einer gro§en Trauergemeinde - die halbe Stadt war erschienen - von der HeldenmŸtigkeit, mit der diese Frau das Leben zum Vorbild fŸr viele gemeistert hŠtte. Und da§ es - er fŸgte das befreit lŠchelnd hinzu - nun gottseidank in vielem anders sei. Als Trost, gewisserma§en, denn die allgemeine wirtschaftliche Lage war mittlerweile katastrophal geworden, allerorten hatte sich ein lŠhmendes GefŸhl von Aussichtslosigkeit breitgemacht. Die Frau generell aber sei heute nicht mehr gezwungen, ihr Los einfach hinzunehmen, wie es damals noch aufgrund der gesellschaftlichen UmstŠnde und der patriarchalischen Formung notwendig gewesen war.

Man flŸsterte sich vielfach etwas zu, als sich die beiden einzigen beim BegrŠbnis anwesenden Kinder - es waren die von weither angereisten BrŸder - abwandten und schweigend gingen. Aber es war ja auch kein Wunder: Es waren jene Rebellen, die in ihrem Leben am wenigsten zuwegegebracht hatten, stŠndig Gescheiterte, die heute in sehr einfachen und fragwŸrdigen VerhŠltnissen lebten und arbeiteten, als KŸnstler ohne Brot, wie gemunkelt wurde: Der eine fertigte Goldschmiedearbeiten an, von denen er gerade leben konnte, der andere verfa§te BŸcher, die niemand verlegte. Die waren eben verantwortungslos, wie der Vater.

1997

 

 
     
johannes
darstellung
ambrosius
sprache
EBERHARD
stimme
WAGNER
©
wort
   
 
Home  
   
 
         
         
Der Albatros ARS ACTU - Verein zur Fšrderung der KŸnste