Eine kurze, aber heftige Affaire

BrieferzŠhlung (Berlin, im Juli 1997)


Hallo, KŸnstlerin!

Ich sitze hier všllig vereinsamt in meinem kahlen Untermietzimmer (mein Gott, welch spartanische Disziplin!) und verliebe mich stŠndig in meine Romanfiguren, die immer mehr zu dem geworden sind, was ich mir im realen Leben wŸnschte. Als ich nun mit der Rohfassung fertig war dachte ich mir: Todsicher, man wird mich fŸr einen Erotomanen halten, dabei glauben alle, ich wŠre so serišs. Ich schreibÕs jetzt wahrscheinlich auf einen mehr kulturkritischen Versepos um. Das ist besser fŸrs Image. Vor dem, was so alles in mir drinnen ist und immer mehr hervorbricht, habÕ ich sowieso Angst.

Und doch gehe ich vorsichtig drauf zu, weilÕs mich sonst zu beherrschen anfŠngt. Deshalb schreib ich Dir, auf diese Anzeige hin. ãKŸnstlerin sucht Erotomanen ... Bin dunkel, langhaarig ... usw. usf. Auch Briefromane, GemŠlde etc. sind o.k.Ō Also, irgendwie habe ich mich da angesprochen gefŸhlt.

Bin .. Jahre, 178 cm hoch, und …sterreicher. Was Du so von Dir schreibst, das kšnnte ich auch Ÿber mich sagen. Aber fŸr einen Menschen, der sich wie ich gebunden hat, gehšrt es sich nicht, Kontaktanzeigen zu schalten. Das ist gar nicht so sehr des Images wegen, aber irgendwie hat man schon gewŠhlt, und alles andere sind Versuchungen, denen man besser nicht nachgeht. Jaja, repressive Persšnlichkeitsstruktur oder so, aber irgendwas mu§ das Leben schon halten. Man glaubt sich ja sonst bald selber nicht mehr.

Aber ... ob wir uns trotzdem mal sehen kšnnen? So ganz auf die Neugierige ...? Welche Kunst betreibst Du?
Bin nur von ... bis ... in Berlin, mach rasch!

(Absender)

2. Teil) 22 Uhr drei§ig)

Ich kannÕs noch nicht abstellen. Die Nacht ist so dunkel, und es ist hier so still. Nur ab und zu jault eine dieser schrecklichen Polizeiauto-Sirenen. Mensch, hier gehtÕs zu.

Wei§t Du, warum ich eine Erotikerin als KŸnstlerfreundin suche? Eben lag ich schon im Bett, und da hab ich mir unsere ganze Beziehung vorgestellt.

Der erste Abend war nicht gar so inspirativ. Wahrscheinlich bist Du vorsichtig, ich auch, und dann redet man nicht so viel, oder viel Blech, so wie man Nebelschwaden Ÿber die GeschŸtzstellungen zieht, damit die Richtung, aus der das MŸndungsfeuers kommt, nicht gleich sichtbar wird. Aber am Schlu§ des ersten GesprŠchs habÕ ich dann herumgekiefelt. Die ursprŸnglichen Versionen waren so banal und langweilig, und man stellt sich das denn doch etwas ãoffensiverŌ vor. Warum nicht einmal in den Vorstellungen mal anders ... So habe ich denn doch eine Variante gefunden - und schon ist sie mir wieder entfallen.
Du mu§t jetzt Malerin sein, ja? (WennÕs gar nicht anders geht halt was anderes ...)

Wir werden wahrscheinlich furchtbar Ÿber Kunst streiten; ich bin unbeugsam in meiner Meinung. Aber Du mu§t mit mir malen. Das ist ein verschŸttetes Talent bei mir.
Einmal sag ich dann zu Dir, da§ ihr Frauen sowieso nicht malen kšnnt. Du willst mir einen KŸbel Farbe raufschŸtten, quer durch Dein Atelier. Ich seh die Farbe des Lichts. In der Ecke beim Fenster steht Dein Bett. So ein Stahlrohrding. Mit rot-grŸn-blau-kariertem StrickŸberwurf (Patchwork nennt man das wohl.) Ich zieh Dich aber an der Hand zu mir, auf den Stuhl, gleich neben der Staffelei. Und Du setzt Dich so auf meinen Scho§, da§ sich die ... naja, Du wei§t schon ... berŸhren. Dann sagÕ ich: Denn Euch Frauen fehlt das da (ich rŸcke mit der HŸfte ein wenig nach vor); der ãHaken in die Welt.Ō Darauf stš§t Du aus: ãMachoschei§.Ō

Wahrscheinlich wirst Du Dich furchtbar in mich verlieben, ich sehÕ das kommen. Und Rotz und Wasser heulen, wenn ich von Berlin wieder weggehe.
Aber wir werden ganz zarten Kontakt behalten; als zwei, die sich nicht kriegen konnten. Er wird nie abrei§en. Ganz kleine Nachrichten. Weil wir uns irgendwie Kraft geben, uns in der Welt halten. Und uns eigentlich ... sehr lieben. (Mach nur keinen Schei§, eij!)

Sonst war auch so manche Szene. Mein Gott, jetzt erdrŸckt das schon alles. Ich frage mich, warum wir uns noch kennenlernen sollten, ich wei§ ja schon alles ... Weil ich gerne ãneben Dir aufwachen wŸrde?Ō (Anzeigen 15, 16, 17, 19ff, 34 etc.) Ab und zu? Oder ãBršsel im Bett kein ProblemŌ sind (Anzeige 25, 98 ...)? Oder Du was ganz †berraschendes, was Liebes, sagst, noch ganz schlaftrunken (KŸnstler schlafen ja lang ... nach irren NŠchten oder so.) Ich hŠtte Dir nicht geantwortet, wenn ich nicht aufgeatmet hŠtte: Nicht dieses ominšse ãKein BBB (Bier-Bart-Bauch)Ō, oder ãnicht unter 186, schlank, durchtrainiertŌ ... wie lange hat man denn schon dieses Kapital, und gerade die, die solche Anzeigen schalten.

Nein, KŸnstlerin, da hoffte ich schon auf ein Auge fŸr das, was ist ... das traut man sich allerdings kaum noch, ja hat Angst davor. Weil man in dem Film eben nicht vorkommt ... sogar SpontaneitŠt hat da schon seinen Part im Drehbuch.

Hast Du quer durch den einen Teil Deines Ateliers eine WŠscheleine gespannt? An der immer eine Decke hŠngt? Ich frag nur so.

3. Teil) Null Uhr zwanzig)

Dann lŠdst Du mich zu Dir ein, auf einen Rotwein. Dabei trinkst Du nur Kamillentee, wegen Deines Magens, und ich hŠttÕ lieber ein Bier. Wir kriegen dann furchtbar die Schei§erei. Denn Du hast den Chateau beim Vietnamesen am Bersarinplatz gekauft, und der fŸllt ihn direkt vom Fa§ in leere Rhizinusflaschen (wegen der tollen Form), weil sein Bruder betreibt (illegal) eine Apotheke, soda§ er gŸnstig an das Zeug rankommt. Und steckt mit diesem Cousin von Dir (genau, dem) - der Dir den Tip gab, nur dreifuffzig die Bottle, Original Portugieser, ein edler Tropfen, wie er sagte - unter einer Decke, der mit irgendsoeiner GeschŠftsidee schnell reich werden will. Am nŠchsten Tag bringt die ÔMorgenpostÕ exclusiv: ãGeheimnisvolle TyphusfŠlle in Berlin.Ō NatŸrlich ein PR-Artikel, steht auch ganz klein drunter. Aber auf derselben Seite wie zufŠllig ein halbseitiges Inserat, wo dieser Vietnamese mit einem neuartigen Sofortmittel gegen Typhus wirbt. Wir entdecken den ganzen Schwindel natŸrlich, und ich gehÕ dann zu dem hin und scheuere ihm eine, wŠhrend Du im Hintergrund vor Freude hŸpfst und mich anfeuerst.

Aber Du bist in Deiner LeichtglŠubigkeit unŸbertrefflich: Zwei Tage spŠter servierst Du mir supergŸnstigen Whiskey aus einer všllig unbekannten, aber phantastischen schottischen Destillery ...

P.S. Es ist natŸrlich alles erlogen.

Teil 4) Zwei Uhr fŸnfzig)

Noch ein Tip: Du solltest Dich von Deiner Fixierung auf Deinen Cousin lšsen. Du siehst ja, was es Dir eingebracht hat. Nur, weil er an Dir, als Du sechs warst, in der Scheune bei Gro§mutter in Mecklenburg mit Stroh und allem mšglichen Zeug herumgemacht hat? Ich bitte Dich!
GlaubÕ mir, es gibt Untersuchungen, wonach 64 % aller Frauen Deutschlands solche Erfahrungen mit Cousins hatten. Doch nur 0,3 % fŸhren spŠter zur Heirat! Du siehst, eine emotionale Ablšsung ist mšglich. ProbierÕs! Sag ihm ganz einfach, da§ Du an seinen Spirituosen nicht interessiert bist. Das schmerzt kurze Zeit, aber dann istÕs Ÿberstanden. 

P.S. WennÕs Dich beruhigt: Den Rotwein nehme ich mit. Meine Cousine kennt da einen absolut zuverlŠssigen Kubaner.

1997

 
     
johannes
darstellung
ambrosius
sprache
EBERHARD
stimme
WAGNER
©
wort
   
 
Home  
   
 
         
         
Der Albatros ARS ACTU - Verein zur Fšrderung der KŸnste