DorothŽ, die blšde Kuh

ErzŠhlung

Ich kannte sie noch, als sie als SekretŠrin bei Swigart in seinen Anfangszeiten als Unternehmer gearbeitet hatte: HŸbsch, schlank, mit langem, schwarzem Haar, aber mit einer furchtbar schrillen Stimme, als wŠre sie nicht ganz ... na sie wissen. Nicht deshalb nur war sie mir aufgefallen, sondern weil sie mir - obwohl mit ihm beinahe offiziell liiert - schšne Augen machte.

Das merkt man als Mann, und wei§ gar nicht so recht, warum. Als hŠtte man einen PrŠszionsme§apparat in den Augen, ja allen Sinnen eingebaut, der jede Bewegung, jede €u§erung im Erscheinungsbild registriert, obwohl man dann oft erst nach Stunden oder Tagen oder wie hier Jahren feststellt, da§ da eine Abweichung war von dem, was es hŠtte sein sollen. Das war nicht nur jenes Verhalten, das sich auf všllige Absichtslosigkeit aufgrund einer Gebundenheit bezog, und sei es unbewu§t gewesen. Man liest aus einer Richtung der Physiognomie gewisserma§en, die dem Wort aber verborgen bleibt, und die eine Art Unbedecktheit ausdrŸckt, wie ein offenes GefЧ, das um FŸllung heischt.

Zugegeben, auch ich war damals durchaus kein stilles WŠsserchen, und in meiner Physiognomie nicht absto§end. Kein Bauch und kein Doppelkinn wie heute. Damals hatte ich au§erdem ziemlichen Erfolg. Heute bin ich eben zufrieden.

Mit Swigart selbst hatte ich zu jenen Zeiten gelegentlich GeschŠfte getŠtigt, ihn fŸr mich arbeiten lassen. Nicht oft, denn bald war mir seine mangelnde ZuverlŠssigkeit bei meinen eigenen Kunden auf den Kopf gefallen: Igendetwas stimmte bei seinen Zusagen nie. Wobei er unglaubliches Talent darin hatte, den Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Er wu§te viel besser als ich, was mšglich war, und schien immer im Geld zu schwimmen. Vorauszahlungen in unmšglichsten Situationen wurden ihm Ÿberantwortet, und immer kam der Katzenjammer, und stets blieb ich Ÿbrig und hatte es auszubaden. Als ich ihn Jahre spŠter wieder traf, schwor er mir SeriositŠt, der er sich beflei§ige, und im Ÿbrigen biete er mir einen Abend mit einigen ihm zufŠllig bekannten MŠdels an. Ich lehnte mit einem seltsamen Ziehen in der Bauchgegend ab, denn kurz vorher hatte ich ihm erzŠhlt, da§ ich mein Leben všllig moralisch gestalte und der Kirche der Freigemeinde Gottes beigetreten sei. Jesus lebe, meinte ich, und es war mir, als liefe mir mein Mund davon.

Ja, wenn das so sei ... nun, er sei durchaus ... er habe aus der Konkursmasse eines Baubetriebs seiner Gro§tante seinen Betrieb auf ganz legale wenn auch nicht unkluge Weise herausgerettet, und sei mittlerweile ein vermšgender Mann, und ich solle nur nicht glauben, was man so Ÿber ihn rede. Das sei nur der Neid. Ich glaubte weder den Neidern, noch mochte ich ihm trauen, wollte ihn eher meiden, warum konnte ich nicht sagen. Hatte auch den Kopf mit meinen Problemen genug voll, darunter war der Neid der anderen nicht das geringste.

Wieder einige Zeit spŠter hšrte man, es gehe mit ihm und seiner Firma wohl bald zu Ende. Auch diesmal glaubte ich nicht den Neidern, und ich sollte Recht behalten. In den folgenden Jahren wuchsen seine FirmengebŠude, und die Autos auf den FirmenparkplŠtzen wurden immer stattlicher.

Ich selbst kam bedauerlicherweise zunehmend in eine recht ... unangenehme ... Situation, die man auch als "Scheitern" bezeichnen kšnnte. Aus einem furiosen Unternehmer war ein Bankrotteur geworden, was schlie§lich aus verschiedenen Verkettungen der Ereignisse sogar die Notwendigkeit zur Folge hatte, da§ ich als Bittsteller vor ihn treten mu§te und unter Auflebenlassen der alten Bekanntschaft eine Anstellung bei ihm erbat.

Es war erstaunlich, wie verŠndert er schien. Nicht sein seltsam verkniffenes Gesicht, das immer schon ausgesehen hatte, als bade er tŠglich in SalzsŠure, wobei er durchaus nicht hЧlich zu nennen war: Er wirkte wie eine Wachsstatue seiner selbst. Es war sein Vortrag Ÿber MoralitŠt und Willenskraft, den er mir hielt, der mich ziemlich Ÿberraschte, und ich mu§te mir erst so manches in Erinnerung rufen, um nicht vor Scham- und VersagensgefŸhlen in den Boden zu versinken.

Er trinke im Gegensatz zu frŸher keinen Tropfen Alkohol, wie er meinte, nur Tee. Auch rauche er keine einzige Zigarette mehr, und das schon seit fŸnf Jahren. Lebe hingegen strengste DiŠt. Seit ungefŠhr fŸnf Jahren, als er DorothŽ geheiratet hatte, und seit damals habe die Firma auch einen ungeahnten Aufschwung genommen. Er sei mittlerweile Chef eines Paradeunternehmens der Branche, und was auch die Leute munkeln wŸrden - was tatsŠchlich der Fall war - er sei ein gemachter Mann und habe sein Scherflein auf der Seite, das kšnne ich beruhigt glauben. Ausschlie§lich seiner TŸchtigkeit habe er es zu verdanken, es zu etwas gebracht zu haben, und das trotz der Unzahl Neider, die ihm PrŸgel vor die FŸ§e geworfen hŠtten. DafŸr habe er Tag und Nacht gearbeitet.

Ganz gegen seine Gewohnheit, wie er betonte, aber in Erinnerung an frŸhere Zeiten, lud er mich nach Beendigung des GesprŠchs zu einem Glas Bier in eine GaststŠtte um die Ecke ein. Man begrŸ§te ihn Ÿberaus freundschaftlich. Schon nach kurzer Zeit war er vom Gang auf die Toilette nicht wiedergekommen, ich suchte ihn im Lokal. Er sa§ mit balzenden Gesten ins GesprŠch mit einer jŸngeren Dame vertieft am Tresen, ja fiel ihr nachgerade ins DekolletŽ, zwinkerte mir zu und bedeutete, zu warten, ich kšnne auf seine Rechnung ruhig konsumieren.

Als er nach mehreren Stunden zurŸckkam, meinte er mit schwerer Zunge und einem Kieksen, das als Lachen seinem Kehlkopf entstieg, da§ die Weiber allesamt nur blšd und auf die primitivste Weise rumzukriegen seien. Schlie§lich wankten wir um fŸnf Uhr des darauffolgenden Morgens zu seinem Luxuswagen. Er wŠhlte auf seinem tragbaren Telefonapparat eine Nummer. Ja, er sei es, und sie solle ihn holen. Und nicht weiter maulen, da und dort stehe er. DorothŽ mu§te sich sofort auf den Weg gemacht haben, denn nach wenigen Minuten fuhr sie im schnittigen Sportwagen vor, und lie§ ihn und mich einsteigen, kaum sprechend, und schon gar nicht protestierend, und brachte uns jeweils nach Hause. Meine Frau war rasend vor Zorn. Immerhin aber hatte ich eine Anstellung.

Mein Aufgabenbereich war die Kalkulation, wohl aufgrund meiner Erfahrung. Auf Veranlassung von DorothŽ, die in den letzten Jahren auch nicht gerade schlanker geworden war, und ihr letzter Aufenthalt in einer Beauty-Farm lŠge schon mehrere Monate zurŸck, wie sie betonte, sa§ ich nur wenige Meter von ihrem Schreibtisch entfernt an einer provisorisch angebrachten Platte als StŠtte meines Wirkens. Wenn ich auch erst einen gewissen Verdacht hatte, nicht zuletzt aufgrund ihrer Sitte, den vorbeigehenden Monteuren, die sich sŠmtlich besten Aussehens erfreuten, einen neckischen Knuff in die Seiten oder auf den Allerwertesten zu versetzen, so wurde ich bald eines besseren belehrt. Die Ablehnung, die sie mir offen entgegenbrachte, hatte auch nichts mit meiner Mitgliedschaft in der Kirche der Freigemeinde zu tun. Aus der war ich schon vor Jahren wieder ausgetreten, als ich mit den Resultaten des dringenden Rates des Kirchenoberen nicht zufrieden war, der unbedingt dem Hasten nach Geld, wie er meine GeschŠftstŠtigkeit bezeichnete, všllige Nichtigkeit zuschrieb und stattdessen stundenlanges Gebet als Gott wohlgefŠllig diktierte, bis ich bankrott war.

DafŸr wurde ich nach wenigen Tagen von Swingart gerufen. Er wisse, da§ ich zuviel telefoniere, zu umschweifig rede, und darŸberhinaus meinen Arbeitsplatz nicht aufrŠume. Au§erdem hŠtte ich dann und dann das BŸro um erst drei, dann zwei Minuten zu spŠt betreten, und es erst am letzten Tag um vier Minuten zu frŸh verlassen. Ich war verdutzt. Mir sei das nicht aufgefallen ... Er schnitt mir den Satz ab: Das sei unerhšrt, und er verlange volle Leistung, denn schlie§lich bezahle er mich ja auch voll, und das nicht zu knapp. Es sei typisch fŸr mich, darum hŠtte ich es eben zu nichts gebracht. Er aber habe stets gewu§t, was er wolle, und mit eiserner Selbstdisziplin dŸrfe man von den Wegen, die man zu beschreiten habe, nicht abgehen. Dies werde er auch mir noch beibringen, es komme eben auf jede Kleinigkeit an, das Geld komme nicht von selber geflogen.

DorothŽ sah mit zufrieden verkniffenen Lippen an mir vorbei, als ich mich wieder an meinen Platz begab.

Gereizt setzte ich abends meiner Frau zu, sie mŸsse mich nun bereits tŠglich um zehn Minuten frŸher zur Arbeit fahren, was ihren ganzen morgendlichen Ablauf Ÿber den Haufen warf und mich fast tŠgliche Debatten kostete, die immer hŠufiger im Wort "Hosenschei§er" endeten, das sie mir entgegenschleuderte. Ich schluckte es mannhaft. Wegen einer solchen Lapalie konnte ich meinen Arbeitsplatz nicht riskieren.

Sie sind ihr zu wenig gutaussehend, meinte ein Kollege, der meine Verzweiflung bemerkte, nachdem ich in immer kŸrzeren AbstŠnden vor Swingart stand und mich wegen aller mšglichen Angelegenheiten, die in meinen Augen niemals des Aufhebens wert gewesen wŠren, ma§regelte wie einen kleinen Jungen. Er selbst eilte von Erfolg zu Erfolg, war gar zum Unternehmer des Jahres nominiert, und fiel mir vor allem dadurch auf, da§ er immer wieder fŸr einige Tage kurze Zwischenurlaube einschaltete. Es sei ihm nur zu gšnnen, meinte DorothŽ dazu, auch ein Mann brauche seinen Freiraum. Und sie wŠhlte eine Nummer in BrŸnn, um fŸr ihn ein Hotelzimmer zu bestellen. Als er von dort zurŸckkam, berichtete er aufgelšst von traumhaften Feten in den dortigen Nachtklubs, und vor allem koste es nicht viel.

†berhaupt schien aber seine Bemerkung hinsichtlich des Alkoholkonsums sich nur auf sehr kurze ZeitrŠume beschrŠnkt zu haben. Kaum eine Woche verging, in der er nicht fŸr einen halben oder gar ganzen Tag ausfiel, da der Vorabend, der auf fast wunderliche Weise dennoch von gewaltigen Erfolgen gekennzeichnet war, in ein všlliges BesŠufnis Ÿbergegangen war. Die Erfolge schrieb er seinen professionellen Verkaufstechniken zu, die auf Theorien beruhten, die als Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen die Geheimnisse des Menschen zusammenfa§ten. Diese todsicheren Methoden habe er in nicht gerade billigen Seminaren erlernt. Da wŸrde man nur so staunen, wie das funktioniere. Man mŸsse nur ab und an die Kniffe wieder auffrischen. Und es sei auch gut fŸr die Motivation, man komme dann wie neugeboren zurŸck, so voller Kraft, wisse wieder, was man wolle.

Mir selbst wurde die †berwachung, der ich mich mittlerweile ausgesetzt sah, immer mehr zum Problem. Denn kaum konnte ich etwas tun, um mich nicht hinterher haarkleiner Kritik ausgesetzt zu sehen, bis Swingart mir bedeutete, ich mŸsse damit rechnen, da§ man mich aufgrund meiner mangelhaften Leistungen bald wieder freisetzen werde. Man wisse exakt Ÿber mich Bescheid. Als ich sein BŸro verlie§, warteten drei weitere Mitarbeiter davor. Der nŠchste nahm mir kreidebleich gleich die Klinke aus der Hand und schlo§ die TŸre hinter sich.

Es sei unertrŠglich in der Firma, seit sie seine Ehefrau sei, meinte einer der Wartenden. Man werde permanent Ÿberwacht, und zwar von ihr, und alles Wohl und Wehe in dem Unternehmen als Angestellter hŠnge nur von ihrem Wohlwollen ab. Wer in Ungnade sei, wŸrde so lange bei Swingart denunziert, bis er mŸrbe sei oder von selber ginge, oder Swingart den Betreffenden entnervt hinausschmei§e.

Als ich an meine Schreibplatte zurŸckkam, war es bereits Abend geworden. Swingart nahm seine Zurechtweisungen, sein Arbeiten am Gesamterfolg, an dem ja jeder Mitarbeiter in gleicher Weise partizipiere, wie er es nannte, grundsŠtzlich erst nach Dienstschlu§ vor.

DorothŽ hatte wohl noch nicht mit mir gerechnet, und zuckte erschrocken zusammen, als ich sie am Kopierer stehend fand, in der einen Hand KontoauszŸge, in der anderen die jeweiligen Kopien. Oh, meinte ich, ich wolle nicht stšren. Sie wurde verlegen, was mir unangebracht erschien, denn ich fand die Situation nicht verfŠnglicher als Ÿblich. Und deshalb prŠgte sie sich mir ein. Auch, weil sie die Kopien merkwŸrdig rasch in der Schublade versenkte, als Swingart das BŸro betrat und von ihr verlangte, sie solle ihm ein Abendessen kommen lassen. Das ginge nicht, er mŸsse sich beeilen, den nŠchsten Kundentermin noch zu erreichen. Er wisse ja, die Verkaufszahlen seien noch nicht erreicht in diesem Monat, er wŸrde alles riskieren. Wenn das diese Wochen nicht besser wŸrde, mŸ§te er unbedingt ein Auffrischungsseminar absolvieren, sie wŸrde gleich morgen den nŠchsten Termin buchen. Swingart nickte.

Ich bin zufrieden, meinte DorothŽ, als ich ihr zu ihrem Wohlstand gratulierte, den sie nicht zuletzt durch wšchentliche Bestellungen via Internet in den besten Boutiquen Mailands und FlorenzÕ zu genie§en schien. Ich habe ja auch lange genug dafŸr gearbeitet. Man mu§ nur wissen, was man will. Das unterscheidet eben Erfolgsmenschen von solchen, die ihr Leben lang kleine WŸrstel bleiben und von all den Dingen nur trŠumen, die sie aber nie erreichen werden.

DorothŽ ist eine blšde Kuh, sagte Swingart an einem der nŠchsten Abende in seiner Stammkneipe, wobei er Spucke Ÿber mein Jacket versprŸhte. Sie meint, sie hŠtte etwas zu sagen, und wŸrde etwas leisten. Dabei sage ich dir, meinte er leutselig, der gebe ich noch den Laufpa§. Was tut die schon, als mir ein paar kleine Dienste organisieren. Ich brauche die wirklich nicht dazu, die Erfolge habe ohnehin nur ich. Jetzt ist sie mir noch nŸtzlich, aber in ein paar Jahren will ich nicht mehr arbeiten. Mir steht die Ehe bis dahin, ich lasse mich mit Sicherheit scheiden, und dann tŠuscht sie sich, wenn sie meint, sie bekŠme eine gute Abfindung. Ich sagte: Ja, du hast wahrscheinlich recht. Der Chef bist ja noch immer du. Genau, sagte er, sichtlich zufrieden. †brigens, DorothŽ hat mir etwas ... naja, du wei§t schon ... besorgt, magst Du probieren? Man wird ja noch depressiv in dieser dauernden TretmŸhle.

1997

 
     
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