| Kugelrot ErzŠhlung Von den wundersamen Wirkungen einer Kur ist ja hinlŠnglich berichtet worden. Wie eine Saugglocke stŸlpt sich eine eigene Welt Ÿber einen. Erst wird alles fortgepre§t, was an festen Bestandteilen eines Leben ausmachte. Drei Wochen befindet man sich wie in einem Vakuum, alles was war wird ãausgeschnittenÒ und in einem Zwischenspeicher abgelegt. Um am Ende der Kur in einem fast schockartigen Vorgang wieder in diese Tabula rasa ãeingefŸgtÒ zu werden. Gnadenlos. Unbarmherzig. Nichts hat sich verŠndert, alles ist wieder am alten Platz. Meistens zumindest. Die Erwartung an diese Zeit ist hoch gesteckt. Und richtet sich auf das, was in solchem neutralisiertem Zustand die Tragekraft des wei§en Blatts stŠrken soll. Entsprechend wird sie auch gestaltet, wird der Ort ausgewŠhlt. Ob aber immer richtig? Ich fŸr meinen Teil bezweifelte dies jedenfalls. Bad Aussee. Ein všllig uninteressanter Ort, der mit einem Namen lockte, den er seinen Nachbarorten verdankte. Ich hatte deshalb auch um Bad Ischl angesucht! Und in Blockbuchstaben am Antrag vermerkt: KEINE DI€T! Ich bin au§erdem... jung. Aber die €rzte kannten kein Einsehen. Jede Einrede blieb ungehšrt. Also blieb mir keine andere Wahl, als mich diesem Exil všllig hinzugeben. Und hielt mich eisern an jede Anweisung, spulte verbissen bemŸht jede der verordneten Therapien ab. Auf weitere drei Wochen Lebensverlust kam es auch nicht mehr an. Um mich abzusichern hielt ich nun stets die Biographie von Gau§ unter den Arm geklemmt, die endlich zu lesen ich mir vorgenommen hatte. Mit mir gab es nichts Gemeinsames. Man kann natŸrlich diskutieren, ob ãKegelbraungrau Ò ein Begriff ist, der eine menschliche Erscheinung begreifbar macht. Immerhin haben Kegel fŸr gewšhnlich keine Beine. Und dazu ãbraungrauÒ - was eher verschimmelte €pfel vor Augen bringt. Nicht diskutieren aber kann man, ob dieses Wort in mir aufstieg, als Herr KrŸgel am ersten Abend in der DoppelflŸgeltŸr zum Speisesaal auftauchte. Und weil an meinem Tisch, mir gegenŸber, noch ein Stuhl frei war ging ich richtig davon aus, da§ KrŸgel fŸr die nŠchsten Wochen mein Tischgenosse sein wŸrde. Ich habe eben immer das GlŸck ... Neben der pensionierten Schneiderin aus Kšflach, die stets die Augen heftig blinzelnd zusammenkniff, als wŸrde ihr Wind ins Gesicht blasen. Mit zur Linken hatte ein noch ãaktiverÒ Angestellter der Sozialversicherungsanstalt den zugewiesenen Platz. Ein Grazer, der auch auf diesem Wege das Jahr bis zu seinem lŠngst fixierten Pensionsantritt ãwenigstens sinnvoll nutzenÒ wollte. Denn heute sei ãsowieso alles nur noch verrŸckt!Ò Wiewohl: So unsympathisch war KrŸgel gar nicht, nur etwas unbeweglich. In seiner braunen Weste, der ausgebeulten Cordhose, dem karierten Hemd, das ich richtig mit ãMŸhlviertelÒ assoziierte: Er sei Kaufmann aus Urfahr, lŠngst in Ruhe, entnahm man seiner durch die KrŸcken so umstŠndlichen Vorstellung, da§ er dem am Nebentisch sitzenden ehemaligen Vorstandsdirektor die Brille von der Nase stie§. Was Anla§ zu heiterem Hin- und Hergerufe zwischen den Tischen bot. Er sei hier, um abzunehmen, wie alle. Mein Zorn kam wieder hoch. KrŸgel lie§ seine gut 150 Kilo in den Stuhl fallen. Meinem Sitznachbar blieb keine Chance, weiter von seiner Frau zu erzŠhlen. Die er nŠmlich davongejagt hatte. Stattdessen starrte er nun mit provokant prŸfendem Blick auf seinen Aufschnittteller. Was gab es da zu prŸfen? Immerhin sei er, KrŸgel, nicht mehr in der Lage, sich ohne Gehbehelf aufrecht zu halten. Auch schwindele es ihn oft. Bluthochdruck. Ergebnis einer LebensfŸhrung, die nichts als Pflicht und Leistung gekannt habe. Wobei er freilich bis vor einem Jahr Alkoholiker gewesen sei. Es hŠtte keiner ErwŠhnung bedurft, da§ eine Psychotherapie dieses Laster weggeschmolzen hatte. So, in entwaffnender Offenheit geŸbt, berichtete er sogar, da§ er zuhause nur noch dasitze. Vor dem Fernseher. Als Band, das das FrŸhstŸck mit Mittagessen, SchlŠfchen, Nachmittagsjause und Abendessen umschlo§. Ehe der Tag auf der Couch endete. Auf der er morgens wieder aufwache. Zu jeder Mahlzeit erfuhr man mehr Ÿber ihn. Sein Leben sei stets ordentlich verlaufen. Mit Hšhen und Tiefen, gewi§, aber auf der Basis einer guten Ehe, die bei ihm die ãGoldeneÒ lŠngst hinter sich hatte, lie§e sich alles bewŠltigen. Dem Grazer war spŠtestens jetzt das Steak zu zŠh. Die Beziehungen zu seinen Kindern, Enkeln wŠren allerdings všllig zum Erliegen gekommen, die zu frŸheren Freunden sowieso. Freunde, pah. Die heutige Zeit sei doch verrŸckt, alle wollten nur noch raffen, genie§en. Mein Nachbar nickte heftig und lie§ frech die HŠlfte des Steaks zurŸckgehen. Die Kšflacherin hatte wenigstens aus Anstand Reduktionskost gewŠhlt. So war KrŸgel kaum noch etwas die MŸhe wert geworden, sein Haus zu verlassen. Dort habe er ja alles, seine SatellitenschŸssel, sein Radio, seine Zeitungsabonnements, ja gar mit dem Internet habe er sich soweit angefreundet, der BankgeschŠfte wegen. Wozu mŸsse man da noch fort? WŸrde das nur seine Frau auch so sehen. Die sei nŠmlich unruhig, ja lasterhaft, selbst in diesem Alter. Besuche Gymnastikkurse, sei immer ãauf FlugÒ. Statt froh zu sein, da§ sie es endlich ruhig hŠtte. Und er es ihr in seiner TŸchtigkeit so wohl eingerichtet hatte. Auf ihr DrŠngen hin habe er nun sogar die Kur angetreten. Meist stillschweigend oder mit leichtem Sarkasmus nahmen wir hin, wenn er TagesaktualitŠten kommentierte, die hereinwehten und von einer fremde gewordenen Welt kŸndeten. Nur noch Verbrechen, Scheidungen ... alles sei nur noch verrŸckt. Der Grazer bot Pommes Frittes zum Tausch gegen unsere Gurken an. Die Kšflacherin war schneller. Der Grazer. Auch diesmal sprang er auf, sobald er sein unfair frugales Mahl hinuntergeschlungen hatte. Als wollte er es nur wegfressen. Jaja, die Jugend, meinte KrŸgel. Immer auf der Suche nach Abwechslung. Sie kšnne nicht mehr sitzen bleiben, genie§en. Und die Folgen? Chaos. VerŠchtlich spuckte er das Wort auf den Tisch. Wie sehne er sich doch nach seiner Heimat Bšhmen, die er 1945 aufgeben hatte mŸssen. Dort, ja dort sei alles noch so ... na, richtiges Leben halt gewesen. Ach, er warte nur noch auf den Tod, das Leben sei es heute kaum noch wert, gelebt zu werden. Am Servierwagen dšste lasziv eine Ÿbersehene Olive. Ich nickte heftig, zur TŠuschung. Das mi§lang.
Stattdessen festigte sich seine FehleinschŠtzung, da§ er mich trotz oder
gerade wegen meiner maskenhaft-hšflichen ZurŸckhaltung als VerbŸndeten
zu sehen hatte. Sobald er nun ein Problem aufgriff, nicht selten mit aggressivem
Unterton, dessen Lšsung doch so einfach sei, wandte er sich immer ausschlie§licher
nur noch an mich. Wir verstŸnden uns. Herrgott, ich hatte mich doch einfach
erholen wollen. Was sich nun vor meinen Augen entwickelte erinnerte mich sehr an meinen Kater. FrŸh kastriert und immer feig hatte der nie das Haus verlassen. Bis zu diesem einen Tag. An dem er abends gar stolz mit einer toten Maus zurŸckkehrte. Seine Augen funkelten eigenartig. Nicht genug, blieb er abends weg. AmŸsiert legte ich den HausschlŸssel unter den Fu§abstreifer. Am nŠchsten Tag fand ich ihn. Am Stra§enrand. Totgefahren. Die VerŠnderungen, die in KrŸgel vorgingen, mu§ten Šhnlicher Natur sein. Er blŸhte regelrecht auf. Seine zuvor fahlen Wangen bekamen Farbe, die Augen blitzten. Dann begann er sich wieder regelmЧig zu rasieren. Ja einmal plazierte er bei Tisch gar das Wort ãEroberung,Ò als wŸrde er es aus lŠssig geschwungener Hand werfen. Das wŠre noch angegangen. Aber die Wolke aus Parfum war penetrant. Der Grazer verschluckte sich blo§stellendem Lachen an seiner Pizza Mexicana. Es sei untersagt, zwischen den Mahlzeiten aus der KŸche Brot zu holen, wie oft mŸsse sie das noch sagen, bellte die DiŠtassistentin durch den Raum. Ich mied nervšs ihren Blick. Auch in den GesprŠchen Ÿber Politik fiel KrŸgels Wandlung auf. Selbst bei frŸheren Reizworten wie Jugend, Drogen, Linke. Es waren noch die alten Phrasen, aber mehr und mehr schien seine Sichtweise der Dinge ... wie ein aufgegebener Karren, der in den tiefen Spurrinnen solange es bergab ging weiterrollte, bis er aus den Augen war. Was hallte aber fŸr ein Scherzen und Lachen Ÿber die GŠnge, wenn er mit seiner ãBekanntenÒ schŠkerte. So nannte er sie auch bei Tisch. Mit einem Augenzwinkern, das den Ehrgeiz der Kšflacherin aufstachelte. So ausgelassen wurde es bei seinen Plaudereien auf den GŠngen bald, da§ sich die Kurleitung veranla§t sah, ihn um RŸcksicht zu bitten. Immerhin seien Leidende im Hause. Die Ruhe brŠuchten. Manchmal siegt doch das Recht. Also belegte
er fŸr die ihn so belebenden Stunden fortan die Terrasse, wenn es nicht
gerade regnete. Oder wie an einem Tag bis ins Tal herunter schneite. Im
September! LŠngst brauchte er keine KrŸcken mehr. Es nahm mich somit gar
nicht wunder, als er eines Tages mit einem alten Nissan vorfuhr, den er
als seinen Wagen vorstellte. Keine fŸnf Minuten spŠter war er bereits
mit seiner ãguten BekanntenÒ unterwegs. Ja, es sei herrlich am Stoderzinken, man sŠhe bis weit in die Hohen Tauern! Und dann die Luft! Man mŸsse etwas unternehmen, bei dem Wetter Ð das sei Pflicht! Der nŠchste Kornspitz. Nun wurde der Grazer brutal: Die Krapfen bei Lewandofsky kšnnten nie eine SŸnde sein. Die hŠtten nicht mehr Kalorien als Zitronen. Wenigstens dem Geschmack nach. Krapfen, Ð KrŸgel hatte noch nicht fertiggekaut Ð pah! Mein Nachbar beŠugte mi§trauisch sein Putenschnitzel. Aus dem von KrŸgel durch meine Resignation definitiv gestellten NaheverhŠltnis heraus war es keineswegs ungewšhnlich, da§ er mir zu Beginn der dritten Woche mitteilte, da§ seine Frau sich Ÿberraschend fŸr den kommenden Donnerstag angekŸndigt hatte. Nun hie§e es fŸr ihn wieder einen Gang zurŸckschalten. Und ... hinsichtlich seiner ãBekanntenÒ ... Ich versprach Diskretion. Seine Augen lachten. Er hatte wieder etwas zu verheimlichen. Umso Ÿberraschender war, als ich ihn an jenem Nachmittag, so gegen vier Uhr, auf eine der Sitzgarnituren in den GŠngen hingesunken antraf. Die KrŸcken lagen am Boden. Ich setzte mich zu ihm, legte demonstrativ die Biographie von Gau§ auf den Tisch. Seine Frau sei hier gewesen. Das habe er mir doch erzŠhlt! Ja, aber um ihm mitzuteilen ... da§ sie ihn verlassen habe! Sie habe in den letzten Wochen jemanden kennengelernt. Und sich entschlossen, ihrem Leben noch eine Wende zu geben. Alles sei arrangiert, in diesen Stunden verbringe ihr nunmehriger LebensgefŠhrte alle persšnlichen Habseligkeiten in seine und nun auch ihre Wohnung. Er dŸrfe alles behalten, das Haus, das Inventar. Nur um das Auto habe sie gebeten. Ach du liebe Zeit! Und? Kaum fŸnfzehn Minuten habe das GesprŠch gedauert. 15 Minuten fŸr 55 Jahre! Er habe ihr, Ÿberrumpelt, die AutoschlŸssel ausgehŠndigt. Ich sprang auf. Dadurch erwachte er. Er sei ein Idiot! Eindringlich bat er mich, ihr nachzulaufen. Er habe ihr etwas Wichtiges zu sagen! Hastig beschrieb er sie. Ich nahm die Treppe, um den Lift zu Ÿberholen, den sie genommen hatte. Unten sah ich sie auch wirklich noch: Eine kleine, agile, in ihrer Kšrperhaftigkeit fast runde Frau. Sie durcheilte, nein: durchrollte - fršhlich schnaufend - die Empfangshalle, hielt auf den Ausgang zu. Ich lief. Was fŸr eine Quirligkeit sie doch hatte, alles an ihr bewegte sich. Als wŠre sie selbst gar nicht fa§bar - nur die Luft, in die sie mit ihren Bewegungen farbige Wirbel schlug. Mit festem, kurzem Griff stie§ sie die AusgangstŸre auf. Der Grazer hatte erzŠhlt, da§ in den Zargen DurchleuchtungsgerŠte installiert seien. Ich blieb stehen. ãKugelrot!Ò Das Wort stolperte in seinen Silben fast heraus. Sie verschwand in Richtung Parkplatz. Abends ging ich zu Lewandofsky. Der Grazer flirtete gerade mit der Kšflacherin, als ich ein ãCordon bleuÒ bestellte. Er blinzelte mir zu. 2006 |
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