| Lilith, die Wirtin ErzŠhlung Anfang der siebziger Jahre hatte sie das konsequent angesteuerte Ziel erreicht, demzuliebe sie die FŠden der Wirklichkeit ihres Lebens nur dort aufnahm, wo sie ihrem Traum dienten: Schlu§ mit dem beschissenen Dasein einer Serviererin, in dem sie ohnehin nie die Schnauze halten konnte. Sie hatte sich immer geholt, was sie wollte. Schon damals, als das Kind gekommen war, und sie dem unertrŠglichen GefŠhrten, der es sich bei ihr einrichten wollte, den Laufpa§ kurzerhand gab. Wozu sich das Leben mit so einem faulen Mannsbild vollkotzen? Die Tochter freilich hatÕs ihr nie verziehen, und als sie erwachsen wurde, jeden Kontakt mit ihr abgebrochen. Das mu§te schon wehtun, auch wenn sie nie darŸber sprach. Das war ein Teil ihrer Lebensweisheit: Die Resignation, die nichts erwartet, die davon ausgeht, da§ alles so wird, wie man es sich richtet. So warÕs wohl in ihrem Leben immer gewesen. Als das GrundstŸck aufgeteilt wurde, das LilithÕs Mutter nach ihrem Tode an die drei Kinder hinterlie§, der Vater war ohnehin schon lange hinŸber und ein Taugenichts gewesen, hatte sie zwar das grš§te StŸck erhalten, aber es war nicht mehr als eine aufgelassene Schottergrube gewesen, die erst mit Bauschutt aufgefŸllt werden mu§te. ZŠh war die Bebaubarkeit abzuringen, nichts wurde einem geschenkt, und sie wollte auch nichts geschenkt. FŸr dieses Lebensziel lohnte sich sogar Geduld, die ihr eine Haltung wurde, in der sie die Welt an sich vorbeiziehen lie§, alle Beteiligung nur vortŠuschend, bis sie sich von seinem vorbeilaufenden Flie§band ihr StŸckchen herauspicken konnte. Mit dem buchstŠblichen Nichts in der Tasche, den letzten drei Monatslšhnen und einem Wucherkredit begann sie ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Dort, an der Hauptstra§e, etwas au§erhalb gelegen, unweit der Kreuzung, an der sich die Viertelsstra§en treffen, erstand mit Pfuschern ihr eigenes Wirtshaus, das zu Anfang nicht viel mehr war als eine Imbi§bude. Aber wenn man das Zeug zusammenhielt, konnte man was draus machen. Als eine der ersten erkannte sie kurze Zeit spŠter den Bedarf nach Diskotheken, die in den Orten niemand haben wollte ob der LŠrmentwicklung, der noch spŠt nachts an- und abfahrenden Autos, der lŠrmenden Jugendlichen. Sie sah nur den gro§en schottrigen Grund, sah die Preise, die im DŠmmerlicht bei lauter Musik fŸr lŠcherlich billig eingekaufte Spirituosen erzielt werden konnten - ihr schwindelte schon beim †berschlagen der Zahlen - und erweiterte. Wen stšrte die HЧlichkeit des Klotzes, der aus einfachen Schalsteinen hochgezogen wurde, gleich noch mit einem Obergescho§ mit einem halben Dutzend Fremdenzimmern. In einem Jahrzehnt, in dem Funktion und Cash zŠhlte. Eine Schachtel mehr unter vielen. Nachts sind alle Katzen schwarz, und die Welt verliert ihr Au§en. Lilith war gute einsachzig gro§, und dŸrr. Die Ecken ihres kantigen Knochenbaus verdeckte ihr Arbeitskittel kaum. Wen hatte es zu interessieren. Das Gesicht war herb, die strohblonden Haare der Einfachheit halber kurzgeschnitten. Ihre Sprache in Floskeln festgefroren, die bis in den Ton den Notwendigkeiten ihres GeschŠftes angepa§t waren. Das verlieh ihrem Reden eine immer seltsamer verzerrte Singlage, so wie sich Gelenke von Maschinen ausschlagen und die Enden in den Bewegungen nach oben und unten immer weiter hinausgetragen werden, Amplituden beschreibend. Selbst das fiel ihr aber schon schwer, als ich Mitte der achziger Jahre mit meiner Frau das Haus daneben bezog, und allenthalben auf einen Schlummertrunk bei ihr vorbeischaute. Weil es gut war fŸr ein Gasthaus, ja sich erst dann gutes Geld verdienen lЧt, wenn der Anteil jener GeschŠfte, die nicht exakt von der Finanzbehšrde kontrollierbar weil quantifizierbar waren - und man spŠter Ÿberhaupt nur noch so Ÿberleben konnte - heiratete sie den Fleischhauergesellen, den sie zufŠllig nŠher kennenlernte. Schwer gichtig als Berufskrankheit, spŠter von nicht mehr zu bŠndigender Zuckerkrankheit in einen Zustand der Dauerangst vor einem Schlaganfall fallend, dick und um mehr als einen Kopf kleiner als sie. Allein. Ganz allein. Keine Verwandten, oder alle tot. Sie hielt ihn, wie andere sich einen Hund hielten. Er wollte nichts von ihr, sie schon gar nichts von ihm, au§er da§ er half das Geld zusammenzuhalten. Was sie sonst brauchte, fiel so nebenher genug ab, trug ihr mit den Jahren einen Ruf der Verruchtheit ein, der sie aber nicht weiter stšrte. Irgendwann wŸrde man ohnehin unter der Erd liegen, das Kapital mu§te nur bis dorthin reichen. Dann, wenn er seinen langen Mittagsschlaf hielt, oder wie Ÿblich abends frŸh zu Bett ging. Es gab immer genug Jugendcliquen, die ihre Erfahrungen machen wollten, wo die Dynamik des Geschehens das Ansehen der Person unwichtig macht, und sie bestimmen konnte, wann es genug war. Und die dann auch noch ihr Geld dalie§en, wer rechnete genau? Forderungen werden auf der Grundlage eines schlechten Gewissens am gro§zŸgigsten beglichen, und die Begierde hat bei Jungen noch jene Kraft, die Schuld ertrŠglich erscheinen lЧt.. Er half ihr, so gut er konnte, bis das Haus abbezahlt, alle Schulden beglichen waren. FrŸhaufsteher, richtete er die FrŸhstŸcke fŸr die HausgŠste, die sich dem Niveau der immer abgewohnteren Zimmer gemЧ erst noch aus Vertretern, dann immer mehr aus Monteuren und schlie§lich Gastarbeitern vorwiegend aus dem Ostblock zusammensetzten. Den restlichen Vormittag verbrachte er am Fischteich, den sie gepachtet hatte. Sah die Gewerbebehšrde in den ersten Jahren Ÿber so manche nicht genau eingehaltene Vorschrift deshalb hinweg, weil man ihr helfen, das Leben nicht unnštig schwer machen wollte, sicher aber auch, weil sie sich wie zufŠllig stets auf die Seite jener Partei stellte, die gerade den regierenden BŸrgermeister stellte, so spŠter deshalb, weil ihr Standardspruch immer mehr wurde, da§ sie ohnehin nur noch ein paar Jahre hŠtte, dann schei§e sie auf den ganzen Kram. Der ihr immer unertrŠglicher wurde. All die Idioten, die sich besoffen, und mit denen sie auszuharren hatte, bis die an der EingangstŸre kundgetane Sperrstunde erreicht war. Die ihr ganzes Gelabere Ÿber ihr Leben vor ihr ausbreiteten, auf das mit ihren Standardfloskeln zu antworten sie immer weniger Kraft hatte. Trotzdem schien sie sich zu Šrgern, wenn man den inoffiziellen Namen, den man ihrem Haus und auch seiner Wirtin gegeben hatte, šffentlich nannte: Knochendiele, und sie war der "Boanahaufen". Anfangs fa§te sie ein wenig Vertrauen - ich nahm ab und an auch meine Frau zu ihr mit - und redete sich ihren Ekel von der Seele, wŠhrend sie - das eine Auge auf die GŠste gerichtet, um nur ja keinen Wink zu Ÿbersehen, der Umsatz bedeutete, mit dem anderen uns beobachtend - eine Suppe schlŸrfend lšffelte sowie ein Glas Bier trank. Ekel vor all den VŠtern, die ihren Lohn vertranken, in der Gaststube ihr Maul aufrissen und doch nichts als Versager waren, einmal wenigstens den starken Mann herauskehren mu§ten, und sei es, da§ sie zuhause Frau und Kinder schlugen. Im Wirtshaus, wo alle das galten, was sie fŸr sich beanspruchten, denn jeder war verkannt. Aber nach einigen Vierteln oder Halben zŠhlten nur noch die Wortwolken, die jeder von sich gab, die von niemandem mehr Wirklichkeit beanspruchten, nur noch WellengekrŠusel waren. Derweil die MŸtter mit den BŠlgern zu hause festgenagelt waren. Recht geschah ihnen, wenn auch jene ihre TrŠume hatten, ihre FreirŠume erkŠmpften, wŠhrend sie die Hosenschei§er hŸtete wie einen Kindergarten, stets mit ihrer SchŸrze die abfallenden Groschen sammelnd. Oder jene, die Ÿber wirre Phantasien nie hinausgekommen waren, ledig geblieben, mit vierzig schwer gezeichnete Gesichter hatten, und nun Abend fŸr Abend wenigstens anderer Menschen ansichtig werden wollten. Niemand bemerkte LilithÕs verŠchtlich verzogenen Mund, dessen Lippen von den falschen vorderen Gebi§reihen fast ŸberwŠltigt wurden wenn sie "Trottel" rollte. Sie alle wollten die Illusion des Verstandenseins, sie brauchte nicht viel dazu beitragen, mit ihrer Gaststube - lŠngst gesichtslos und schŠbig - nur da sein. Alle trugen ihre Umgebung mit sich herum, alles darŸberhinaus versank im Nebel, bis eine Art Scheuklappendasein zur Gewohnheit wurde. SpŠter aber wurde sie auch mir gegenŸber auffallend distanziert, als wŠre sie der Meinung, sie hŠtte sich in mir getŠuscht. Als das fŸnfte Kind unterwegs war, und ich also auch ein "solchener" sei, man sollte mich "schneiden" ... Als sie Ÿberraschend einen KŠufer gefunden hatte, wartete sie nicht mehr die zwei Jahre, die sie bis zur offiziellen Pension hatte, sondern griff zu. FŸr den fertigen Kasten war nicht mehr mehr zu kriegen, noch dazu wie in diesem Fall zur HŠlfte schwarz. Im GeschŠftsleben hatte doch schon jeder mehr Verborgenheiten als offizielle Gebahrung. Sie war durchgetaucht, hatte es endlich Ÿberstanden. Jetzt fing ihr Leben an, sagte sie immer wieder, nun kšnnten sie alle gerne haben. Und zeigte stolz die Bilder des Hauses, das sie sich nun als Alterssitz in einiger Entfernung angeschafft hatten. Sogar mit dem getankten RasenmŠher in der Garage. Der Trottel, dem sie das Gnadenbrot gnŠdig gewŠhrte, irgendwo aus Dankbarkeit, und weil er niemanden sonst hatte, wŠre selbst dafŸr ungeeignet. †ber Nacht waren sie dann verschwunden, hatten niemandem Lebewohl gesagt als wer gerade zufŠllig in der Gaststube war. Als ich sie kŸrzlich einmal zufŠllig traf - sie sa§ im Wagen, hinter dem Lenkrad, wŠhrend ihr Mann mit dem Einkauf aus dem GeschŠft kam - war es mir aber dann doch, als hŠtten ihre Bewegungen etwas Liebevolles gehabt, als sie ausstieg und ihm den Kofferraum šffnete, damit er den vollen Bananenkarton,, den er mit beiden HŠnden vor dem Bauch hielt, leichter einladen konnte. 1997 |
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