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| Freiheit der Kunst Ð Wer ist fŸr ihre moralische QualitŠt verantwortlich? Anla§: Die sogenannte "Container-Aktion" von C. Schlingensief im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 fŸhrte zu heftigen Diskussionen in den Medien. Von Eberhard Wagner Die Frage nach der Freiheit, den Mšglichkeiten, der Verantwortung der Kunst ist in letzter Zeit verstŠrkt ins Blickfeld geraten. Ausgelšst diesmal von der Aktion Schlingensiefs am Rathausplatz, die vielerorts Empšrung hervorrief, wurde in verschiedenen Medien eine Diskussion begonnen (oder weitergefŸhrt?) wieweit sich Kunst alles erlauben kšnne oder zu beschrŠnken sei, wo denn auch ihre Verantwortung liege. So geriet auch die Forderung nach der ãFreiheit der Kunst" und ihrer (mšglicherweise notwendigen) BeschrŠnkung in eine SchrŠglage, die nicht selten von der DiffusitŠt der Argumente und Kriterien der ãGenehmheit" lebt. In derselben Ausgabe zum Beispiel, in der die auflagenstŠrkste Zeitung dieses Landes Schlingensief erstmals kritisierte (und die Leserbriefe diesbezŸglich rei§en bis dato nicht ab) prangte ein Bild am Titelblatt, das ein von verschiedenen Sportlern fabriziertes Machwerk zeigte, von dem besagte Zeitung vollmundig verkŸndet, da§ ãdieses Kunstwerk" zugunsten eines guten Zwecks versteigert wŸrde. Zu sehen waren SchirennlŠufer, die vor einem farbigen, gemeinsam (sic!) gemalten Kreis mit verschmitztem LŠcheln standen. Oh ja, die Guten, ich verga§ ... Aber kann ein KŸnstler ãmoralisch" und damit verantwortlich sein? Noch mehr: Kann er moralisch, ethisch sein WOLLEN, sein Handeln und Schaffen danach ausrichten? Leidet die QualitŠt der Gegenwartskunst Ÿber weite Strecken nicht gerade an diesem Postulat? Ist nicht die zu beobachtende Ideologisierung (und nichts anderes wŠre es, ãethisch" sein zu wollen) Schuld an einer Sichtverschiebung bei den KŸnstlern eben, die mit einem Werk moralisch wirken Ð und nicht mehr ãwahr sein" - wollen? Auch wenn sich Wahrheit und moralischer Aufruf nicht widersprechen mŸssen, so kann letzterer nicht wirklich PrŠmisse und Kriterium eines Werks sein. Das Gro§artige an der Darstellung der Grubenarbeiter eines van Gogh liegt nicht am moralischen Aufruf, sondern an der Wirklichkeit, die darin erfa§t ist, und die bestenfalls den Betrachter anwegt zu einem moralischen Tun. Wohl leidet der KŸnstler so wie alle an Ungerechtigkeiten (die ohne Wahrheit sehen zu wollen ja nicht mšglich ist) und Verbogenheiten, die in seinem Land herrschen. Ja, sie sind ihm vielfach Antrieb und provozieren ihm ein Werk, geben ihm vielfach die Inhalte, die er seiner Wahrnehmung gemЧ abstrahiert, indem er Tangente anlegt, Einzelnes damit allgemein gŸltig zeigt und darstellt. Aber seine Aufgabe ist, sich vom rein subjektiv-invertierten Leid zu befreien, um seinem Werk die Spiegelhaftigkeit zu bewahren. Diesem eben keine Richtung zu geben, soda§ es figural wirke. Ein Kunstwerk kann nicht figural wirken wollen, es kann nur darstellen. Fehlt dieses allseits offene Ringen um Sein, fehlt dem Werk einfachhin Wahrheit. Und damit die Grundbedingung von Schšnheit. Kein KŸnstler kann sich die Frage stellen, ob sein Werk ãmoralisch" ist. Er kann sich nur fragen, ob es seinen Kriterien von Ganzheit, Gelungenheit, Schšnheit, Wahrheit entspricht Ð nur darin ist er verantwortlich und dient immanent dem Aufbau des Guten. Seine einzige Aufgabe ist aber jene Freiheit zu erringen, in der er všllig frei von ãHandlungs-Willen" wiedergibt. Wenn ein KŸnstler diese Grenze Ÿberschreitet, versŸndigt er sich an der Kunst und an sich selbst. Er kann nur ETWAS darstellen, Imperative sind Sache der anderen. Wie schwierig ist es nachgerade heute fŸr einen KŸnstler, gerade jene moralischen Imperative auszuheben, die ihn in seiner Wiedergabekraft fesseln, beeintrŠchtigen, weil wir von ãSollen" und ãGutheitsforderungen" nur so Ÿberschwemmt werden. Er kann sich nur hinnehmen. Der KŸnstler kann so gesehen nur ReaktionŠr sein, ob er das wei§ oder nicht. Insofern ist auch die Frage nach der Container-Aktion von Schlingensief keine Frage nach der Freiheit der Kunst. Wer diese beschrŠnkt (wie es Ideologien eben tun), beraubt sich des vielleicht sogar einzigen Heilsmittels, das er besitzt (und ich stehe nicht an, hier auch Liturgie als Ð prinzipiell vollkommenstes - Kunstwerk einzustufen) Dem nur offen und uneingeschrŠnkt zu begegnen ist, sonst verschlie§t es sich. Es ist wohl die Frage, ob Ÿberhaupt Kunst ist, was Schlinge(l)sief da macht. In keinem Fall sehe ich es Ÿber die Arbeit eines Regisseurs hinausgehen Ð dem mšglicherweise die Inhalte fehlen. Niemanden aber habe ich z.B. sagen gehšrt, ob ein faktisches Ding (ãechte Asylanten" etc.) Ÿberhaupt Kunst sein kann! Wieweit besagter Aktionist in seinen Stra§enaktionen (denen man ja OriginalitŠt nicht absprechen kann) nicht einfachhin POLITISCHE und nicht K†NSTLERISCHE AktivitŠt setzt. Und wieweit Symbolismus (in welchem ja ein Big-brother-Container als Metapher fŸr die Lage der Asylanten gar nicht ohne Sinn ist) eben bereits an Kunst durch PhŠnomenologisierung einer QualitŠt, die in der Darstellung Ÿber das Sein hinausgeht, vom Sein abgelšste, diesem aber immanente QualitŠt ist, vorbeirennt weil er Sein nicht sinnlich wahrnehmbar macht sondern dessen ãQualitŠt" interpretiert (und damit nicht wirklich Erkennendes darstellt sondern z.B. Disput fŸhrt.) Welche Form von Kunst ãKonzeptkunst" Ÿberhaupt ist, und ob sie Ÿberhaupt Kunst ist bzw. Wenn, wo ihr kŸnstlerisches Moment denn liegt. Dazu wŸrde eine schŠrfere Diskussion auch Ÿber so manche BŸhnenblŸte notwendig sein. Aber einerseits Kunst auf kriterienlosen Subjektivismus mit Šsthetischen ãIrgendwassen" als Hervorbringung zu beschrŠnken Ð sehe sich doch einer an, was an unseren Schulen, KindergŠrten an ãKreativitŠt" gelehrt wird, somit offizielle Staatsdoktrin ist Ð und anderseits sich Ÿber die FrŸchte da und dort zu beschweren ist ein quasi offizieller Widerspruch. Es ist eben nicht alles Kunst, und noch schwieriger ist die Frage zu klŠren, WER denn ein KŸnstler sei. Schon gar fŸr den Werkschaffenden selber. Aber sicher ist KŸnstler auch nicht jeder, der Pinsel und Blatt benŸtzt. Und nur ein KŸnstler, der archetypenlos eben ein figural Herausgehobener ist, kann Kunst schaffen. Es geht seinem Werk einher. Positivistische Moral als Quastelchen dazuzuhŠngen ist mit Sicherheit der falsche Weg. So verlockend dieser Ausweg fŸr den KŸnstler selbst auch sein mag, denn ãMoral" bietet figurale Rechtfertigung, deren er sich gerne bedient um vor sich selbst davonzulaufen ... als ursŠchlichen ãSchweber Ÿber dem Nichts", der so wie alles in dem Ma§ ãwird", wie er schafft. Nur wenn er frei ist wird auch der Wert des KŸnstlers fŸr die Gesellschaft, fŸr ein Volk klarwerden: Als Prophet, als Seher, als HŸter und mutiger Darbieter der Wahrheit Ÿber alle zeitbedingten Nebel hinaus, auch wenn es schmerzt, scheinbar ãprovoziert". Aber er darf sich nicht mit einer ãharten Schale" eines Gesollten umgeben, er braucht Formbarkeit und AperzeptivitŠt. Das Dargestellte kommt aus dem Gesehenen, Ÿber die Sinne aufgenommenen Ð fŸr den Inhalt ist er nicht verantwortlich, der ist ihm vorgegeben. Und sein Werdegang entschied, welchem Sein er sich zuwendet, und Frucht seines Ringens um Wahrheit ist die Sehnsucht nach der Schšnheit, dem Gesicht des Wahren und Guten. Er mu§ dem Erinnerten vorbehaltlos begegnen kšnnen, das in ihm Fleisch, Form wird und das seine Hand fŸhrt. Die Verantwortung fŸr Inhalt wie Wirkung von Kunst liegt nicht am KŸnstler Ð er MUSS sich um grš§tmšgliche Freiheit bemŸhen (und das hei§t auch: Unbedarftheit, aber noch mehr: Streben nach Wahrheit, auf da§ er selbst wahr werde), sonst geht er an seiner Sendung vorbei, wird sein Werk unbrauchbar und schal, er selbst bestenfalls zum Symptom. Es ist sinnlos, den KŸnstler anzugreifen. Moralische Verantwortung liegt vielmehr beim Verbreiter, dem Veranstalter, dem Zulasser, dem gebildeten (und nicht nur begŸterten) MŠzen, bei den Lehrenden und nicht zuletzt beim Kritiker! SIE brauchen zuallererst und hšchst dringend eine grundsŠtzliche Diskussion um die Kunst, um ihre Kriterien und ihre QualitŠt Ð der Kunst selber aber kann man nur mit Respekt begegnen und mu§ auch alles unterlassen, das ihr AutoritŠt nimmt. Denn Erkenntnis ist nur mšglich unter der Zuerkenntnis, da§ mir das Begegnende etwas zu sagen hat, das ich eben noch nicht wahrnehme. Wird ein solcher Disput nicht bald gefŸhrt, ist die Freiheit der Kunst tatsŠchlich (noch) mehr gefŠhrdet als uns lieb sein kann, ja wird Kunst všllig aufhšren. |
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