Was wird von den landwirtschaftlichen Familienbetrieben wirklich bleiben?

Ein Artikel von Eberhard Wagner nach dem EU-Beitritt …sterreichs (1995)

Die "Nachrichten der Katholischen Sozialakademie" (4/95) berichteten, da§ im Alpenraum in den letzten Jahrzehnten radikale VerŠnderungen stattgefunden hatten. So ist eine deutliche Konzentration der (insgesamt zunehmenden) Bevšlkerung auf Gunstlagen wie TŠler und Becken festzustellen, die eine VerstŠdterung mit sich bringt. Das hat dazu gefŸhrt, da§ strukturschwache Gebiete zwar etwas kleiner wurden, aber dafŸr total veršden (SŸdwestalpen, sŸdfranzšsische und gro§e Teile der nordfranzšsischen Alpen) "Der alpine Lebensraum wird durch beide gegenlŠufigen Tendenzen gefŠhrdet: †bernutzung in den Gunstlagen (Problembereiche Vekehr, Agrarindustrie, Schadstoffe) und Unternutzung in den Ungunstlagen (Problembereiche Landflucht, Destabilisierung der Kulturlandschaft) sind die Folge."

Weiter fŸhrt der Bericht aus: " Zentrale Ursache dafŸr ist eine VerŠnderung der europŠischen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung. Die europŠische Agrarentwicklung setzt die alpenvertrŠglichere Berg- und bŠuerliche Landwirtschaft trotz aller Subventionen stark unter Druck. Zudem entwickeln sich die FreizeitbedŸrfnisse der vorwiegend stŠdtischen Bevšlkerung stŠndig weiter, so da§ laufend neue Infrastrukturen fŸr den Tourismus gebaut werden mŸssen. Durch die Atomisierung von Wirtschaft (Arbeitsteilung) und Gesellschaft (Ausdifferenzierung der Lebensbereiche) und die Herausbildung unterschiedlichster Interessensgruppen wird zudem eine zentrale Voraussetzung nachhaltigen Wirtschaftens zerstšrt, die gemeinsame Umweltverantwortung."

Was hier in "Soziologendeutsch" gesagt wird ist, da§ im EU-Raum die Zielsetzung, eine bŠuerliche Landwirtschaft zu erhalten, als Gesamtziel verfehlt wurde. Man versucht es jetzt zu reparieren. Doch ist zutiefst Skepsis angebracht. Denn die Dimension, die man meistens Ÿbersieht, ist die Dimension des Sinnes. Man kann Sinn nicht machen, man mu§ ihn in der Wirklichkeit finden. Der Bericht zeigt, da§ die Verlagerung des Sinns der Landwirtschaft zur Deckung eines Freizeitbedarfs "Kulturlandschaft" unzweifelhaft diesen nur dort erfŸllt, wo Freizeitindustrie vorhanden ist - in den ZentralrŠumen. Trotzdem ist nicht einmal dort die umfassende Funktion einer Kulturlandschaft, wie sie als FOLGE einer sinnvollen kleinstrukturierten Nahrungsmittelproduktion von selbst vorhanden ist, gewŠhrleistbar! Selbst, wenn man nun die Kleinbauern - ihrer eigentlichen Funktion als WIRKLICH notwendige Nahrungsmittelerzeuger beraubt - mit Ausgleichszahlungen finanziell befriedigt, selbst wenn man Ihnen die Landschaftspflege bezahlt ... man beraubt die flŠchendeckende Landwirtschaft ihres Gesamtsinnes.

Sind die Folgen Ÿberhaupt absehbar?

Aber nicht nur das: Die Auswirkungen auf das GemeingefŸge sind bei weitem grš§er, als man meint. Heute stellen hauptsŠchlich die Bauern gemeinsam (mit vielen Kleingewerbebetrieben) einen Sockel an gesundem Menschenverstand dar. Nicht umsonst belegen z.B. sŠmtliche Statistiken weitgehende Deckungsgleichheit von Gebieten mit hohem lŠndlichen Bevšlkerungsanteil und Kirchenbesuchszahlen. Aus diesen Familien erwachsen auch wiederum Menschen mit ebensolchen Grundlagen, und es ist kein Zufall, da§ wirtschaftlicher Aufschwung und Abwanderung aus den lŠndlichen RŠumen zusammenfielen: Bauern bildeten stets ein hervorragendes ArbeitskrŠftereservoir, man darf ruhig die Reihenfolge umdrehen!

Eine tragende SŠule des Wohlstandes waren die Bauern, deren TŸchtigkeit zum allgemeinen Wohlstand durch niedrige (aufgrund effizienter Produktion) Lebensmittelpreise, zum anderen durch die Arbeits- aber auch Gesamtmoral ihrer Nachkommen ma§geblich beigetragen hat. Aber sie waren es nicht aufgrund irgendwelcher Einzelfaktoren wie Naturverbundenheit oder Freiheit, sie waren und sind es aufgrund ihres SO-SEINS, das nur INSGESAMT betrachtet werden kann. Wenn man nun so massiv und irreversibel eingreift, sie in Teilbereichen funktionalisiert, soweit man halt die Aufgaben als notwendig erkennen kann, greift man massiv in die Wirklichkeit der Gesellschaft ein. Das wird ungeahnte Auswirkungen haben und die Situation fŸr den gesamten Staat nicht einfacher machen!

Man mu§ deshalb an die Politik die Frage richten, ob diese Faktoren genŸgend berŸcksichtigt wurden, als man die bŠuerliche Struktur nationalen Gesamtinteressen (durchaus wšrtliche Zitate von den jŸngsten Bauerntagen) unterordnete sprich aufs Spiel setzte. Die EU beweist, da§ die Zukunft allen AbsichtserklŠrungen der Fachressortleiter zum Trotz der Agrarindustrie gehšrt. Vielleicht kann man sich die eine oder andere Nische erhalten, aber man mu§ sich als Christ die Frage stellen, ob dieses "Bauernopfer" die Sache wert war. Oder ob nicht vordergrŸndige RationalitŠt - und Wirtschaft wird mehr und mehr zur reinen Zahlenschieberei - Allgemeinwohl ausschlie§lich als allseits gefŸllte Bšrsen versteht.

10. MŠrz 1995

 
     
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