Michael
BlŸmel schrieb:
lieber
eberhard wagner,
avantgarde sein heisst, nicht seiner poetik en vogue zu folgen,
sondern um deren abwesenheit wissend, an ihrer unmšglichkeit leidend
zu schreiben, sagte einmal burkhard spinnen. um auf b. spinnen
zu reagieren: ich denke, dass es eine sich ganz klar abzeichnende
poetik en vogue gibt. dichter klauen wie die raben, seit nicht
einmal fŸnf jahren reimen sie sogar wieder - und es lЧt sich
nicht feststellen, wer das wieder erfunden hat,
es existiert nichts, was nicht schnell aufgenommen und in den
eigenen formelvorrat eingebracht wird. das ist etwas, das alle
jahrhunderte, alle dichtergenerationen ausgezeichnet hat. ich
denke sehr wohl, dass man die deutsche dichtung in jahrzehnten
klassifizieren kann.
es
gab eine zeit lang eine sehr politische dichtung, dann eine naturdichtung,
die nicht nur von der rezeption so definiert wurde, sondern auch
durch die produktion der dichter. und das ist letzlich auch ein
geschlossener kreislauf. wenn b. spinnen sagt, dass es eine abwesenheit
gibt und das man an der unmšglichkeit seiner poetik en vogue leidet,
dann kann ich dem nicht zustimmen.
ich glaube auch nicht, das es so etwas wie ein fortschrittsmodell
der literarischen formen gibt, ganz im gegenteil. zum einen gibt
es nichts an literarischen kunstgriffen, was nicht schon in alten
texten vorhanden wŠre. die metapher gab es schon lange, das simile,
das asyndeton, bestimmte formen des reims gabs schon ewig. eher
ist es so, das bestimmte kulturen oder dichtergenerationen bestimmte
elemente aus dem ewigen werkzeugvorrat, aus dem instrumentarium
der poesie, benŸtzen.
das ist immer eine auswahl die man trifft, immer etwas das man
unterstreicht, immer etwas das man im vordergrund benŸtzt. manche
arbeiten lieber mit dem hammer, andere lieber mit dem schraubenschlŸssel,
manche vorzugsweise mit der sŠge. insofern glaube ich, gibt es,
und das mag auch biologisch und neurologisch bestimmt sein, gewisse
ausdrucksmuster, ausdrucksraster, sprachliche formen und strukturen,
die immer schon vorhanden waren und die uns als menschen einfach
nahe liegen. und die dichtung benŸtzt diese, natŸrlich auch die
malerei in anderer form. man denke an den dadaismus, der eine
der wesentlichsten avantgarde-formen des letzten jahrhunderts
war, die dada-abende waren u.a. getragen von texten, die rŸckgriffe
waren. hans arp hat dŸrers tagebuch gelesen, hugo ball die troubadours,
man entdeckte die griechen und die ršmer neu. es gibt ein lautgedicht
von kurt schwitters, das plinius dem jŸngerern zugeschrieben ist,
ja ja.
die wurzeln dessen, was man als avantgarde bezeichnet, sind nur
das hervorholen dessen, was man lŠngst vergessen hat, ich glaube
so Šhnlich formulierte es einmal walter benjamin. die visuelle
poesie hat es bereits im 3. jahrhundert vor christi gegeben, bei
den alexandrinern, spŠter auch im barock, lautgedichte ebenso.
all das sind aktualisierte alte formen, dessen man sich neu bedient.
dieses wiederentdecken alter formen muss nicht unbedingt bewu§t
geschehen, diese formen sind einfach in uns drinnen und erhalten
dann irgendwann, in einem bestimmten kontext, eine neue form.
insofern ist die literatur ein begrenztes spiel, das dem schachspiel
Šhnlich ist. es gibt bestimmte figuren, die bestimmte zŸge ausfŸhren
dŸrfen. nur, kein schachspiel Šhnelt dem anderen.
viele grŸsse
michael blŸmel
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Die Antwort
von Eberhard Wagner:
Lieber
Michael BlŸmel,
endlich die schuldige Antwort auf Ihre AusfŸhrungen:
> ... sondern um deren abwesenheit wissend, an ihrer unmšglichkeit
leidend zu schreiben, sagte einmal burkhard spinnen.
Ich denke schon lange Ÿber diesen Satz nach, aber ich fŸrchte ihn
nicht ganz zu verstehen. Wenn gemeint ist, da§ das durch das mimetische
Wort HinzugefŸgte als das der Welt Fehlende vom Dicher empfunden
wird, was zugleich jenen Eros ausmacht, aus dem heraus er angewegt
wird zu schreiben, ein Werk zu verfassen, kšnnte ich das noch.
Verfolgt man Ihre Theorie so mu§ es dennoch irgendwann einen Anfang
gegeben haben. Ich sehe die Dinge aber doch etwas anders: Denn der
Dichter birgt wie schafft die Welt, wahrer und vollkommener als
sie in ihrer Gefallenheit ist. Da§ sein Schaffen mit einem gewissen
Kulturzyklus in Zusammenhang steht mag den Eindruck erwecken, als
unterlŠge alles einfachhin einer GesetzmЧigkeit und Wiederholung.
Insofern also, als sich kulturelle Entwicklungen abstrakterweise
wiederholen, wenn man die Geschichte kennt, und hier bin ich nach
wie vor ein gro§er WertschŠtzender der Antike, denn hier liegt uns
eine sehr vollkommene, abgeschlossene, nachvollziehbare Kulturgeschichte
vor, die exemplarischen Wert hat, wiederholen sich nicht nur Formen
sondern finden sich klarerweise AffinitŠten von Dichtern anderer
Epochen zu Gewesenem.
Die Zerstšrung der Formen, die Rebellion (lesen Sie Handke's Rede
zum Schriftstellerkongre§, ich glaube 1968 oder 69, liegt ein einem
schmalen BŠndchen vor) die ich sogar zum Teil nachvollziehen kann,
fu§t m.E. heute grš§tenteils auf einem všlligen UnverstŠndnis des
Menschen, der Geistesgeschichte und der Kultur, ist insoferne pubertŠr.
Hier wurde drei§ig Jahre (und bis heute) versucht das Rad neu zu
erfinden, bis man - v.a. bei den Jungen beobachtbar - bemerkt hat,
da§ das nichts hergibt. Also versucht man heute oft (auch ich beobachte
das) alte Formen wieder aufzugreifen. Leider, wie ich meine, oft
mit sehr voluntaristischem, mechanistischem VerstŠndnis.
Denn jede Form in der Kunst hat ihren Bezug zu einer Wirklichkeitsauffassung,
zu einem GefŸge. So wie es von der Lyrik zum Roman, von der Stanze
zur Symphonie kam, jeweils aus der Religion Ÿbrigens hervorgehend,
so ist eine gewisse Entwicklung m.E. ablesbar: NŠmlich in einem
zunehmenden Wagnis, Welt auch immer universaler dazustellen weil
sie verstehend - vermeint oder wirklich, beides sind Mšglichkeiten
und Realien.
Die "Globalisierung" (die es ja auch immer schon gab,
schauen Sie nur aufs Ršmische Reich) mit der Einflu§nahme anderer
Kulturen, in je anderen Stadien, hat natŸrlich auch ihre Auswirkungen
auf lokale Kunst. Insoferne entstehen hier AffinitŠten (aus denen
das Abkupfern entsteht) auch zu Kulturen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien.
Diese WirkverhŠltnisse meine ich beschreiben zu kšnnen, sie sind
aber enorm vielfŠltig und im Einzelfall komplex wie geheimnisvoll,
und sie darzustellen wŸrden hier jeden Rahmen
sprengen.
Insofern stimme ich bedingt zu, da§ es Epochen gibt, die klassifizierbar
sind, wie Sie schildern. Aber sie haben m.E. klaren Bezug zum historischen
Zustand einer Kultur. Ich erwŠhne hier nur eine Bemerkung von H.v.Doderer
in seinen Commentari: "In anbetracht dieser Zeit (1938 ff,
Anm.) ist es erlaubt, das Gebiet der Poesie zu verlassen und sich
mit Tagesproblematik zu beschŠftigen." (SinngemЧ.)
Der KŸnstler ist der, der die Neurose der Zeit nicht nur trŠgt sondern
eben Ÿberwindet, das macht ihn fŠhig in die Zeit hineinzusprechen
weil aktuell. Jede Fixierung auf Form, die ich einem Moralismus
vergleiche bzw. sind heute die ZusammenhŠnge (ich behaupte, da§
wir in einem extrem moralistischen Zeitalter leben, wie dichtest
umstanden von Sollensaufforderungen) offenbar, bringt eine EinschrŠnkung
des Wirkens. Die Form hat engste ZusammenhŠnge mit dem jeweiligen
Gewissen, das zu pflegen oberste Pflicht des KŸnstlers ist, ja seine
fast einzige Lebensaufgabe: FREI zu werden. Denn man kann nur etwas
wahr darstellen von dem man nichts mehr will.
Wo also eine Kulturepoche bestimmte Stimmungen (vereinfacht gesagt)
hervorbringt ist die gewŠhlte Form fast absehbar und logisch, insofern
auch wiederholt, legitim. Und weil der Mensch immer der gleiche
war, was heute ja so hochmŸtig Ÿbersehen wird, wie fortschrittlich
sind wir doch ... oder umgekehrt: Wie esoterisch verbrŠmt der archŠologistische
RŸckgriff oft ... ist auch ein Wiederholen der Formen logisch.
Dennoch bleibt das absolute Kriterium der Kusnt besetehen. Wenn
es auch Epochen gab wie von Doderer erwŠhnt, Epochen politischer
Dichtung etc., so warendiese zwar Zeiterscheinungen, im VerhŠltnis
zur Kunst aber ein Scheitern bzw. nicht-Ÿber-das-neurotische-Hinauskommen.
Denn dem KŸnstler ist Figur a priori Neurose, Schaffenshindernis
bzw. mi§brauchtes Schaffen. (Ich denke da z.B. an Thomas Bernhard,
den ich fŸr einen gro§en KŸnstler halte, der aber durch seine persšnliche
Geschichte und historische Situation nit zum Werk kam und DESHALB
so wŸtend war. Er ist aber Symptom geblieben, leider. Und der KŸnstler
mu§ mehr als Symptom sein.)
Ich behaupte aber, da§ auch ohne Kenntnis eines Plinius (selber
schon ein Plagiator, die Beziehungen Ršmer-Griechen sind ja hšchst
interessant) etc. die selben Formen auftauchten, freie KŸnstler
und damit ... Genie ... vorausgesetzt. Gerade heute bekrittele ich
ja die Ideologisierung der Kunst, nicht zuletzt von einer hysterischen
Akademikermafia initiiert. Hier wie oft wird mit der Grundversuchung
des KŸnstlers gespielt, und heute erliegt er meist auch, wenn auch
eine Gegenbewegung m.E. erkennbar ist: Endlich dem dauernden Schweben
Ÿber dem Nichts zu entkommen und feste IdentitŠt und Geborgenheit
(ich nenne das PlacentoiditŠt) zu erhalten. Endlich ... sicher sein.
Es ist Verrat an seinem Stand.
Es finden sich heute - v.a. in …sterreich, das so klein ist - regelrechte
"Geborgenheitsmafiosi" am Werk und an den Schalthebeln,
und sie sind aggressiver als man meint. In letzter Zeit Ÿbrigens
erlebe ich zunehmend wie das System sich gegen sich selber wendet
- z.B. ein Regisseur, hoch anerkannt und vielbeschŠftigt, Wien,
der immer aggressiver sich gegen das wendet, was er selbst mit inauguriert
hat. Aus dessen Mund Dinge wie "Schwulenmafia" und "Feministendiktatur"
kommen. Man hŠtte ihn vor zwanzig Jahren gefragt ... Er wagt es
kaum, das was er Ÿbers Theater erkannt hat, umzusetzen, denn er
wŸrde Brot und Existenz riskieren. Wieviele KŸnstler kenne ich,
die ich fŸr gro§e KŸnstler halte, die aber schrecklich scheitern.
Denn sie haben nicht die Kraft sich zu sich selbst zu erheben, zu
eigenen
Formen, denen sie sich verbunden fŸhlten, weil sie damit die Einbettung
in Anerkennung durch diktatorische Moralismen verlieren wŸrden.
Und die sich so zur langfristigen Impotenz treiben.
Niemand ist so sehr auf sich und sein Gewissen geworfen wie der
KŸnstler, schrecklich oft genug, weil so einsam machend. Aber Gewissenhei§t
auch, sich historisch zu stellen, der eigenen Historie, sich selbst
als "Wahrheitsmaschine" zu begreifen (natŸrlich nicht
mechanistisch zu denken) und zu akzeptieren, da§ auch eine dagewesene
Form zutreffend sein mag. Aber nur, weil sich die Wirklichkeitsformen
Šhneln bzw. auch wiederholen.
So gesehen stimme ich dem Satz zu: Da§ es kein Fortschritts-Modell
... gibt. Weil es keinen "Fortschritrt" gibt, im Gegenteil
Ÿbrigens, sehe ich doch die Entwicklung der Menschheit vom Paradiesischen,
Vollkommenen rŸckschreitend. Wir sind heute m.E. weniger weit als
die Menschheit vor zweitausend Jahren.
Deshalb meine ich, da§ hinter diesen unsinnigen (und aus Dummheit,
ja, Dummheit stammenden) Fortschrittsmodellen bzw. -ansprŸchen (Avantgarde)
lediglich primitive Materialismus-Ideologie steckt, und sie erkennen
es aber nicht.
Betrachte ich aber die Entwicklung des Abendlandes (bis ins 16.
Jhd. v.a.) so stelle ich klar eine Weiterentwicklung fest. Den Roman,
wie ihn ein Cervantes hervorbrachte, das ist wirklich eine Innovation
gewesen, eine Entwicklung bis zur Spitze des Ÿberhaupt Menschenmšglichen.
Worum es mir aber eigentlich geht? Den Zusammenhang zu sehen zwischen
literarischer Form und Wirklichkeit. Da bestehen nicht ZufŠlligkeiten
und blo§e Plagiate oder Imitationsmodelle, sondern ZusammenhŠnge
zwischen Begegnendem und Freiheitsgrad der Kunst bzw. KŸnstler.
Weshalb ich ZusammenhŠnge auch sehe zwischen dominierenden philosophischen
Stršmungen und literarischen Formen.
Der Dadaismus war fŸr mich (und ist es, ich liebe ihn ja) eine Antwort
auf die erkannte KomplexitŠt der Welt, eine Antwort auch auf den
Moralismus der Romantik/AufklŠrung, der Europa so devastiert hat.
Eine Aufforderung zum Staunen, der einzigen Erkenntnis ermšglichenden
Sicht. Insoferne aber auch Symptom! Gegenbewegung gegen eine scheinbar
einzementiert festgefŸgte Welt. Von daher seine Sehnsucht
nach Archaik. Wie sie die Griechen nŠmlich wirklich noch hatten,
man sehe €schylos, oder auch noch Sophokles. Befreiungsversuch.
Legitim, ja. Und wichtig, ja. Den Rest der Kusntgeschichte des 20.
Jhds. (v.a. bildnerisch) sehe ich aber fast nur als Symptom, nicht
als Werk. (Und eines der Kennzeichen von Symptom ist die direkte
Zuwendung zu PhŠnomenen, zum Frui, die ansonsten immanente FrŸchte
der Erkenntnis sind.) Ich bin mir aber nach wie vor nicht sicher,
ob die Kunst nicht damit ihre Grenzen Ÿberschritten hat. Aber auch
das wŠre nicht das erste mal, wie die Geschichte lehrt.
Liebe Gr٤e
E. Wagner |