Es gibt kein Fortschrittsmodell literarisch-kŸnstlerischer Formen

Aus einer Korrespondenz vom Mai 2003 mit Michael BlŸmel, Leipzig 

Michael BlŸmel schrieb:

lieber eberhard wagner,

avantgarde sein heisst, nicht seiner poetik en vogue zu folgen, sondern um deren abwesenheit wissend, an ihrer unmšglichkeit leidend zu schreiben, sagte einmal burkhard spinnen. um auf b. spinnen zu reagieren: ich denke, dass es eine sich ganz klar abzeichnende poetik en vogue gibt. dichter klauen wie die raben, seit nicht einmal fŸnf jahren reimen sie sogar wieder - und es lЧt sich nicht feststellen, wer das wieder   erfunden  hat, es existiert nichts, was nicht schnell aufgenommen und in den eigenen formelvorrat eingebracht wird. das ist etwas, das alle jahrhunderte, alle dichtergenerationen ausgezeichnet hat. ich denke sehr wohl, dass man die deutsche dichtung in jahrzehnten klassifizieren kann.

es gab eine zeit lang eine sehr politische dichtung, dann eine naturdichtung, die nicht nur von der rezeption so definiert wurde, sondern auch durch die produktion der dichter. und das ist letzlich auch ein geschlossener kreislauf. wenn b. spinnen sagt, dass es eine abwesenheit gibt und das man an der unmšglichkeit seiner poetik en vogue leidet, dann kann ich dem nicht zustimmen.


ich glaube auch nicht, das es so etwas wie ein fortschrittsmodell der literarischen formen gibt, ganz im gegenteil. zum einen gibt es nichts an literarischen kunstgriffen, was nicht schon in alten texten vorhanden wŠre. die metapher gab es schon lange, das simile, das asyndeton, bestimmte formen des reims gabs schon ewig. eher ist es so, das bestimmte kulturen oder dichtergenerationen bestimmte elemente aus dem ewigen werkzeugvorrat, aus dem instrumentarium der poesie, benŸtzen.

das ist immer eine auswahl die man trifft, immer etwas das man unterstreicht, immer etwas das man im vordergrund benŸtzt. manche arbeiten lieber mit dem hammer, andere lieber mit dem schraubenschlŸssel, manche vorzugsweise mit der sŠge. insofern glaube ich, gibt es, und das mag auch biologisch und neurologisch bestimmt sein, gewisse ausdrucksmuster, ausdrucksraster, sprachliche formen und strukturen, die immer schon vorhanden waren und die uns als menschen einfach nahe liegen. und die dichtung benŸtzt diese, natŸrlich auch die malerei in anderer form. man denke an den dadaismus, der eine der wesentlichsten avantgarde-formen des letzten jahrhunderts war, die dada-abende waren u.a. getragen von texten, die rŸckgriffe waren. hans arp hat dŸrers tagebuch gelesen, hugo ball die troubadours, man entdeckte die griechen und die ršmer neu. es gibt ein lautgedicht von kurt schwitters, das plinius dem jŸngerern zugeschrieben ist, ja ja.


die wurzeln dessen, was man als avantgarde bezeichnet, sind nur das hervorholen dessen, was man lŠngst vergessen hat, ich glaube so Šhnlich formulierte es einmal walter benjamin. die visuelle poesie hat es bereits im 3. jahrhundert vor christi gegeben, bei den alexandrinern, spŠter auch im barock, lautgedichte ebenso. all das sind aktualisierte alte formen, dessen man sich neu bedient. dieses wiederentdecken alter formen muss nicht unbedingt bewu§t geschehen, diese formen sind einfach in uns drinnen und erhalten dann irgendwann, in einem bestimmten kontext, eine neue form. insofern ist die literatur ein begrenztes spiel, das dem schachspiel Šhnlich ist. es gibt bestimmte figuren, die bestimmte zŸge ausfŸhren dŸrfen. nur, kein schachspiel Šhnelt dem anderen.

viele grŸsse
michael blŸmel


Die Antwort von Eberhard Wagner:

Lieber Michael BlŸmel,

endlich die schuldige Antwort auf Ihre AusfŸhrungen:


> ... sondern um deren abwesenheit wissend, an ihrer unmšglichkeit leidend zu schreiben, sagte einmal burkhard spinnen.

Ich denke schon lange Ÿber diesen Satz nach, aber ich fŸrchte ihn nicht ganz zu verstehen. Wenn gemeint ist, da§ das durch das mimetische Wort HinzugefŸgte als das der Welt Fehlende vom Dicher empfunden wird, was zugleich jenen Eros ausmacht, aus dem heraus er angewegt wird zu schreiben, ein Werk zu verfassen, kšnnte ich das noch.

Verfolgt man Ihre Theorie so mu§ es dennoch irgendwann einen Anfang gegeben haben. Ich sehe die Dinge aber doch etwas anders: Denn der Dichter birgt wie schafft die Welt, wahrer und vollkommener als sie in ihrer Gefallenheit ist. Da§ sein Schaffen mit einem gewissen Kulturzyklus in Zusammenhang steht mag den Eindruck erwecken, als unterlŠge alles einfachhin einer GesetzmЧigkeit und Wiederholung. Insofern also, als sich kulturelle Entwicklungen abstrakterweise wiederholen, wenn man die Geschichte kennt, und hier bin ich nach wie vor ein gro§er WertschŠtzender der Antike, denn hier liegt uns eine sehr vollkommene, abgeschlossene, nachvollziehbare Kulturgeschichte vor, die exemplarischen Wert hat, wiederholen sich nicht nur Formen sondern finden sich klarerweise AffinitŠten von Dichtern anderer Epochen zu Gewesenem.

Die Zerstšrung der Formen, die Rebellion (lesen Sie Handke's Rede zum Schriftstellerkongre§, ich glaube 1968 oder 69, liegt ein einem schmalen BŠndchen vor) die ich sogar zum Teil nachvollziehen kann, fu§t m.E. heute grš§tenteils auf einem všlligen UnverstŠndnis des Menschen, der Geistesgeschichte und der Kultur, ist insoferne pubertŠr. Hier wurde drei§ig Jahre (und bis heute) versucht das Rad neu zu erfinden, bis man - v.a. bei den Jungen beobachtbar - bemerkt hat, da§ das nichts hergibt. Also versucht man heute oft (auch ich beobachte das) alte Formen wieder aufzugreifen. Leider, wie ich meine, oft mit sehr voluntaristischem, mechanistischem VerstŠndnis.

Denn jede Form in der Kunst hat ihren Bezug zu einer Wirklichkeitsauffassung, zu einem GefŸge. So wie es von der Lyrik zum Roman, von der Stanze zur Symphonie kam, jeweils aus der Religion Ÿbrigens hervorgehend, so ist eine gewisse Entwicklung m.E. ablesbar: NŠmlich in einem zunehmenden Wagnis, Welt auch immer universaler dazustellen weil sie verstehend - vermeint oder wirklich, beides sind Mšglichkeiten und Realien.

Die "Globalisierung" (die es ja auch immer schon gab, schauen Sie nur aufs Ršmische Reich) mit der Einflu§nahme anderer Kulturen, in je anderen Stadien, hat natŸrlich auch ihre Auswirkungen auf lokale Kunst. Insoferne entstehen hier AffinitŠten (aus denen das Abkupfern entsteht) auch zu Kulturen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Diese WirkverhŠltnisse meine ich beschreiben zu kšnnen, sie sind aber enorm vielfŠltig und im Einzelfall komplex wie geheimnisvoll, und sie darzustellen wŸrden hier jeden Rahmen
sprengen.

Insofern stimme ich bedingt zu, da§ es Epochen gibt, die klassifizierbar sind, wie Sie schildern. Aber sie haben m.E. klaren Bezug zum historischen Zustand einer Kultur. Ich erwŠhne hier nur eine Bemerkung von H.v.Doderer in seinen Commentari: "In anbetracht dieser Zeit (1938 ff, Anm.) ist es erlaubt, das Gebiet der Poesie zu verlassen und sich mit Tagesproblematik zu beschŠftigen." (SinngemЧ.)

Der KŸnstler ist der, der die Neurose der Zeit nicht nur trŠgt sondern eben Ÿberwindet, das macht ihn fŠhig in die Zeit hineinzusprechen weil aktuell. Jede Fixierung auf Form, die ich einem Moralismus vergleiche bzw. sind heute die ZusammenhŠnge (ich behaupte, da§ wir in einem extrem moralistischen Zeitalter leben, wie dichtest umstanden von Sollensaufforderungen) offenbar, bringt eine EinschrŠnkung des Wirkens. Die Form hat engste ZusammenhŠnge mit dem jeweiligen Gewissen, das zu pflegen oberste Pflicht des KŸnstlers ist, ja seine fast einzige Lebensaufgabe: FREI zu werden. Denn man kann nur etwas wahr darstellen von dem man nichts mehr will.

Wo also eine Kulturepoche bestimmte Stimmungen (vereinfacht gesagt) hervorbringt ist die gewŠhlte Form fast absehbar und logisch, insofern auch wiederholt, legitim. Und weil der Mensch immer der gleiche war, was heute ja so hochmŸtig Ÿbersehen wird, wie fortschrittlich sind wir doch ... oder umgekehrt: Wie esoterisch verbrŠmt der archŠologistische RŸckgriff oft ... ist auch ein Wiederholen der Formen logisch.

Dennoch bleibt das absolute Kriterium der Kusnt besetehen. Wenn es auch Epochen gab wie von Doderer erwŠhnt, Epochen politischer Dichtung etc., so warendiese zwar Zeiterscheinungen, im VerhŠltnis zur Kunst aber ein Scheitern bzw. nicht-Ÿber-das-neurotische-Hinauskommen. Denn dem KŸnstler ist Figur a priori Neurose, Schaffenshindernis bzw. mi§brauchtes Schaffen. (Ich denke da z.B. an Thomas Bernhard, den ich fŸr einen gro§en KŸnstler halte, der aber durch seine persšnliche Geschichte und historische Situation nit zum Werk kam und DESHALB so wŸtend war. Er ist aber Symptom geblieben, leider. Und der KŸnstler mu§ mehr als Symptom sein.)

Ich behaupte aber, da§ auch ohne Kenntnis eines Plinius (selber schon ein Plagiator, die Beziehungen Ršmer-Griechen sind ja hšchst interessant) etc. die selben Formen auftauchten, freie KŸnstler und damit ... Genie ... vorausgesetzt. Gerade heute bekrittele ich ja die Ideologisierung der Kunst, nicht zuletzt von einer hysterischen Akademikermafia initiiert. Hier wie oft wird mit der Grundversuchung des KŸnstlers gespielt, und heute erliegt er meist auch, wenn auch eine Gegenbewegung m.E. erkennbar ist: Endlich dem dauernden Schweben Ÿber dem Nichts zu entkommen und feste IdentitŠt und Geborgenheit (ich nenne das PlacentoiditŠt) zu erhalten. Endlich ... sicher sein. Es ist Verrat an seinem Stand.

Es finden sich heute - v.a. in …sterreich, das so klein ist - regelrechte "Geborgenheitsmafiosi" am Werk und an den Schalthebeln, und sie sind aggressiver als man meint. In letzter Zeit Ÿbrigens erlebe ich zunehmend wie das System sich gegen sich selber wendet - z.B. ein Regisseur, hoch anerkannt und vielbeschŠftigt, Wien, der immer aggressiver sich gegen das wendet, was er selbst mit inauguriert hat. Aus dessen Mund Dinge wie "Schwulenmafia" und "Feministendiktatur" kommen. Man hŠtte ihn vor zwanzig Jahren gefragt ... Er wagt es kaum, das was er Ÿbers Theater erkannt hat, umzusetzen, denn er wŸrde Brot und Existenz riskieren. Wieviele KŸnstler kenne ich, die ich fŸr gro§e KŸnstler halte, die aber schrecklich scheitern. Denn sie haben nicht die Kraft sich zu sich selbst zu erheben, zu eigenen
Formen, denen sie sich verbunden fŸhlten, weil sie damit die Einbettung in Anerkennung durch diktatorische Moralismen verlieren wŸrden. Und die sich so zur langfristigen Impotenz treiben.

Niemand ist so sehr auf sich und sein Gewissen geworfen wie der KŸnstler, schrecklich oft genug, weil so einsam machend. Aber Gewissenhei§t auch, sich historisch zu stellen, der eigenen Historie, sich selbst als "Wahrheitsmaschine" zu begreifen (natŸrlich nicht mechanistisch zu denken) und zu akzeptieren, da§ auch eine dagewesene Form zutreffend sein mag. Aber nur, weil sich die Wirklichkeitsformen Šhneln bzw. auch wiederholen.

So gesehen stimme ich dem Satz zu: Da§ es kein Fortschritts-Modell ... gibt. Weil es keinen "Fortschritrt" gibt, im Gegenteil Ÿbrigens, sehe ich doch die Entwicklung der Menschheit vom Paradiesischen,  Vollkommenen rŸckschreitend. Wir sind heute m.E. weniger weit als die Menschheit vor zweitausend Jahren.

Deshalb meine ich, da§ hinter diesen unsinnigen (und aus Dummheit, ja, Dummheit stammenden) Fortschrittsmodellen bzw. -ansprŸchen (Avantgarde) lediglich primitive Materialismus-Ideologie steckt, und sie erkennen es aber nicht.

Betrachte ich aber die Entwicklung des Abendlandes (bis ins 16. Jhd. v.a.) so stelle ich klar eine Weiterentwicklung fest. Den Roman, wie ihn ein Cervantes hervorbrachte, das ist wirklich eine Innovation gewesen, eine Entwicklung bis zur Spitze des Ÿberhaupt Menschenmšglichen.

Worum es mir aber eigentlich geht? Den Zusammenhang zu sehen zwischen literarischer Form und Wirklichkeit. Da bestehen nicht ZufŠlligkeiten und blo§e Plagiate oder Imitationsmodelle, sondern ZusammenhŠnge zwischen Begegnendem und Freiheitsgrad der Kunst bzw. KŸnstler. Weshalb ich ZusammenhŠnge auch sehe zwischen dominierenden philosophischen Stršmungen und literarischen Formen.

Der Dadaismus war fŸr mich (und ist es, ich liebe ihn ja) eine Antwort auf die erkannte KomplexitŠt der Welt, eine Antwort auch auf den Moralismus der Romantik/AufklŠrung, der Europa so devastiert hat. Eine Aufforderung zum Staunen, der einzigen Erkenntnis ermšglichenden Sicht. Insoferne aber auch Symptom! Gegenbewegung gegen eine scheinbar einzementiert  festgefŸgte Welt. Von daher seine Sehnsucht nach Archaik. Wie sie die Griechen nŠmlich wirklich noch hatten, man sehe €schylos, oder auch noch Sophokles. Befreiungsversuch. Legitim, ja. Und wichtig, ja. Den Rest der Kusntgeschichte des 20. Jhds. (v.a. bildnerisch) sehe ich aber fast nur als Symptom, nicht als Werk. (Und eines der Kennzeichen von Symptom ist die direkte Zuwendung zu PhŠnomenen, zum Frui, die ansonsten immanente FrŸchte der Erkenntnis sind.) Ich bin mir aber nach wie vor nicht sicher, ob die Kunst nicht damit ihre Grenzen Ÿberschritten hat. Aber auch das wŠre nicht das erste mal, wie die Geschichte lehrt.

Liebe Gr٤e
E. Wagner

 
 
     
johannes
darstellung
ambrosius
sprache
EBERHARD
stimme
WAGNER
©
wort
   
 
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