Heim in die Grafschaft Glatz?

ãDenn zu Fu§ zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden: Gott aber bringt sie heim zu dir" (Bar 5,1-9)

Die Eltern eines meiner guten Bekannten sind Breslauer. Dieser selbst, erst knapp Ÿber drei§ig, heimatlos, ohne Wurzeln, wie ich. Wir aber haben uns kennengelernt und auf Anhieb verstanden, ganz anders, als es mir sonst passiert. In einer geradezu mystischen Seelenverwandtschaft, die ich oft genug mit Schlesiern auf Šhnliche Weise erlebe. Da ist sie, diese Art zu fŸhlen, zu denken, zu reagieren ... denn auch meine Mutter ist Schlesierin, Glatzerin. Und wir wuchsen auf in der Fremde, in der Diaspora, in …sterreich. Aus der heimgefŸhrt zu werden legitime Hoffnung ist? Wie oft habe ich selbst darŸber schon nachgedacht, nach Glatz ãzurŸckzukehren", und nicht nur dieser Freund mšchte nach Breslau - eines Tages - ãzurŸck". Was aber verbindet uns mit dieser Heimat unserer Eltern? Was ist es, das uns ãheimkehren lassen" will? ãUnd da war doch alles zerstšrt, ja selbst die Leute sind jetzt andre, keine Schlesier!" Aber ich kann ihn in seiner Suche verstehen.

Ich fŸhle mich wie er heimatlos, denn meine Mutter weigerte sich mit fast kindlichem Trotz, …sterreicherin zu werden. Sie wurde 1924 in Eisersdorf an der Biele geboren, war die €lteste von spŠter acht Kindern des Schuhmachers Heinrich Fischer und seiner Frau Agnes, geb. Tschšpe. Und ist wohl kaum einmal Ÿber die Dorfgrenzen hinausgekommen. Die Familie war arm, sehr arm sogar, und wer Armut die nicht Bescheidenheit ist sondern einen als Not packt erlebt hat romantisiert sie nicht mehr. Er kennt die Verzweiflung, die Ohnmacht, die damit einhergeht. Mein Gro§vater Heinrich konnte seine Familie erst ernŠhren, als er Anstellung in der Schuhkammer der Glatzer Garnison fand. Das war 1939, und man Ÿbersiedelte in eines der am Fliederweg neuerrichteten SiedlungshŠuser, in die Nr. 3. Als meine Mutter 1975 dorthin zurŸckkehrte, fand sie bis auf die ObstbŠume im Garten alles unverŠndert: Den Apfelbaum, den Flieder ... die hatte noch mein Gro§vater gesetzt. Die Polen, die das Haus jetzt bewohnen, sind selber nie wirklich heimisch geworden. Herrgott, sie sind ja selbst Vertriebene!

Niemals hatte sie daran gedacht, in …sterreich zu bleiben, schon gar nicht auf diesem Bauernhof in Neuhofen/Ybbs in Niederšsterreich, dem Elternhaus meines Vaters, wohin er sie am 12. MŠrz 1945 zum Schutz vor den Glatz immer nŠherkommenden Russen geholt hatte. Sie hatten vor am Ende dieses Krieges nach Breslau zu gehen, wo mein Vater am Bahnhof eine Anstellung annehmen wollte. So dachte wenigstens meine Mutter ... mein Vater mu§ wohl mehr geahnt haben, denn er war lŠngst in der O5-Bewegung, baute mit dem spŠteren Bundeskanzler Figl bereits an Strukturen fŸr die Wiedererstehung …sterreichs.

Dann kamen die Nachrichten: Die Schwester Friedel im Dezember 1945 auf grausamste Weise von Russen ermordet. Sie hatte ihr Leben fŸr das der jŸngeren Schwester gegeben. Beide waren bei Einbruch der Dunkelheit noch in Glatz unterwegs gewesen, da bemerkten sie, da§ sie verfolgt wurden. Sie begannen zu laufen, die Russen liefen hinterdrein. Und kamen nŠher und nŠher. Friedel rief plštzlich der Schwester zu: ãLauf heim, Dorchen!" und blieb stehen ... Noch in der Nacht suchte man sie, fand die furchtbarst zugerichtete Leiche. Der Oma wollte man nach all den SchlŠgen des letzten Jahres das ersparen.

Erst ein Jahr zuvor war ihr Mann gefallen. Kopfschu§. Er war als achtfacher Familienvater vom Wehrdienst eigentlich befreit, doch hatte ihn jemand denunziert: Denn als man aus den Schulklassen die Kreuze entfernte, hatte er sich šffentlich geŠu§ert. Man solle den Kindern nicht den Glauben aus der Seele rei§en. Und da hatte ihn jemand verraten. Strafweise eingezogen, vorderste Front. Zwei Wochen spŠter war er tot.

An der Heimatfront gefallen, wie sein Sohn Karl. Auch dieser Katholik, tief geprŠgt Ÿber Jahrhunderte Barock. Als Ministrant noch hatte er jede Woche die Kirchenzeitung ausgetragen, treu und unnachgiebig. Obwohl er wu§te, da§ er immer wieder von der HJ aufgehalten und blutiggeprŸgelt wurde. Dann Marinesoldat, der die Versenkung seines Schiffes in der €gŠis Ÿberlebte, noch den KapitŠn aus den Strudeln des untergehenden Schiffes rettete. Zu Fu§ hatte er sich in dreiwšchigem Marsch durch Griechenland und Jugoslawien im Herbst 1944 nach Glatz durchgeschlagen, wo man ihn vor die Wahl stellte: Erneut Marinedienst in Kiel oder Heimatfront. Er wŠhlte letztere, und nur wenige Wochen nach dem Vater wurde meine Mutter, die nun Lazarettschwester in Glatz war und am Bahnhof die Verwundeten versorgte, die von der Ostfront kommend hier erstmals verarztet werden konnten, nachts und heimlich, denn man wollte der Gro§mutter den Schmerz ersparen, zum Bahnhof geholt. Karl lag da, mit einem Halsdurchschu§, der ihn sofort rechtsseitig gelŠhmt hatte. Zwei Wochen dauerte sein Todeskampf, bis die LŠhmung auch das Herz erreichte.

Meine Mutter war damals bereits zum zweitenmal schwanger. Meinen Vater hatte sie kennengelernt, als er an der Wehrmachts-Nachrichtenschule in Glatz Lehrer war. Dorthin versetzt, nachdem er in Ru§land schwere KŠmpfe Ÿberlebt hatte, dabei aber tagelang in Schlamm und Wasser gelegen war, wo er sich eine Lungenkrankheit zuzog. Eine SchwŠchung, an der er bis zu seinem Tode leiden sollte, ja an der er letztlich sogar verstarb. Als Obergefreiter war er in Glatz stationiert, hatte meine Mutter kennengelernt. Und nach nur wenigen Monaten hatten die beiden geheiratet. Denn die wahre Liebe meiner Mutter ... schien im Krieg verschollen. Man glaubt in Endzeiten nicht mehr so ans GlŸck.

Bei eiskaltem Wetter fand im JŠnner 1943 die Trauung statt, in der Minoritenkirche in Glatz. In ebendieser Kirche wurde auch meine Šlteste Schwester getauft, die im Oktober 1943 als Glatzerin zur Welt kam. Sie verstarb 1979 in KŠrnten, bei der Geburt des fŸnften Kindes. Immer aber hatte sie sich als Schlesierin gefŸhlt, und war stolz darauf gewesen.

So wie meine Mutter. Und wir wuchsen auf in den Erinnerungen an das ãTranseamus" des Gro§vaters in der Eisersdorfer Kirche, zu Weihnachten von der Empore in die Kirche hineingesungen, das er, der bis ins hohe Alter hinein Glas bei§en konnte, immer wieder unterbrochen hatte, um eine kleine Geschichte einzufŸgen ... ãHeast, Seppale, net de Schoafschšlla klinga?" Da war dann der strenge, aber so geliebte Lehrer Marx, den die Polen 1945 erschlagen hatten. Und die Fu§gŠnge nach Glatz, wo es um wenige Pfennige Salzheringe gab, die sie sich einmal leistete um dann mit aufgebrannten Lippen und dem Verdursten nahe in Eisersdorf anzukommen. Eine Kindheit, die schon mit zehn Jahren zuende weil mit schweren Pflichten belastet war ... diese Wehmut hat sie nie mehr ablegen kšnnen, nie mehr. Dann war da die Lehre beim so korrekten Kaufmann Glomb am Goldtorberg, als Kaufmannsgehilfin. Bis zum heutigen Tage hat meine Mutter nur Kleidung getragen, die mit ihren damals erlernten QualitŠtsbegriffen geprŸft und gepflegt war. Wie aber mu§ sie das Dienstjahr bei Obstltnt. Bienek geprŠgt haben, von dessen Mutter sie immer behauptet hatte, das Wirtschaften erst gelernt zu haben. Und wenn sie in spŠteren Jahren sprichwšrtlich aus dem Nichts, aus wenigen Kartoffeln oder GemŸse, eine wahre Meisterspeise zubereitet hatte, war der Oberstleutnant spŸrbar als wŠre er noch da. FŸr uns, ihre zwšlf Kinder, die sie ohne Mann aufzog. Mein Vater, dessen Leben so wechselhaftem Schicksal unterlegen war, bis zu seinem Tode.

Wieviel begreift man erst, wenn man die Mitte der Drei§ig Ÿberschritten hat. Und wo vorher Wut und Empšrung gewesen war, da ist mehr und mehr Verstehen, mit dem man alle TrŠnen wegwischt, und Ÿber alles hinwegzusehen beginnt, froh da§ es vorbei ist. Als ich geboren wurde, war Glatz erst 16 Jahre vorbei. Sechzehn Jahre. Mein Šltester Sohn ist in diesen Tagen so alt geworden. Und wie wirkt alles noch nach, das solche Zeit erst zurŸckliegt. Wenn ich heute, in diesen Tagen auch, den Auftrag erhalte, zu Weihnachten das Transeamus anzustimmen, dann glauben Sie mir: Es ist mir heiligste Pflicht. ICH bin es, der die Tradition des Urgro§vaters weiterfŸhrt, und mit TrŠnen in den Augen singe ich die geistlichen Kompositionen von Reimann, stets dessen eingedenk, da§ auch dieser Schlesier ist. Und wie antwortet mir mein Blut auf diese Weise des Glaubenserlebens! Erst vor kurzem erhielt ich ein Bild von der Gnadenmutter von Maria Schnee. Ja, das ist mein Glaube, mein GemŸtszugang ...Und wenn ich dann da oben stehe, am Chor, vor der Orgel, dann singe ich von Schlesien, von RŸbezahl und der Schneekoppe, und von tiefverschneiten Wintern und engen TŠlern, von Mittelgebirgen und heimeligen Herdfeuern in wohligen Stuben, in die man aus knirschendem Schnee tritt, und von Sommern mit blŸhenden Glatzer Rosen und duftenden Wiesen, und von RŸbenŠckern, deren FrŸchte RŸbezahl gezŠhlt hat.

Agnes Fischer war 1945 selbstverstŠndlich in Glatz verblieben, auch als die Russen und Polen kamen. FŸnf unmŸndige Kinder, alleinstehend. Wer aber hŠtte denn an Vertreibung gedacht? Die kam dann Ÿber Nacht. Binnen einer Stunde mu§ten sie zu Anfang Februar 1946 das Haus rŠumen, durften gerade mitnehmen, was in einem Koffer Platz hatte, und selbst dieser wurde noch perlustriert. Im GŸterwaggon wurden sie erst ins Auffanglager Friedberg verbracht, wo sie auch noch lŠngere Zeit verbringen mu§te, denn es war nicht leicht fŸr jemanden, der nur recht begrenzte Arbeitskraft darstellte, eine erste Bleibe zu finden. Die sich dann doch in Rhodewald bei recht gŸtigen Leuten bot, so dann meine sŠmtlichen Onkeln und Tanten, die noch Ÿberlebt hatten, aufgewachsen waren. Sie pflegen fast familiŠre Verbindungen bis zum heutigen Tage. In diesen wenigen Sachen aber, die sie Ð wie kopflos mag das wohl verschiedentlich geschehen sein! Ein Leben in einen Koffer hinein ... Ð zusammengepackt hatte, war auch der Ariernachweis. Ich habe in meiner Jugend viele Stunden damit verbracht, in einem gro§en Bilde diese Familiengeschichte in den Namen und Daten aufzuzeichnen. Und ich wei§ daraus, da§ wir irgendwo mit allen Hoffmann und Hatschek, Fischer und Faber und Tschšpe und Jaschke und Werner und Fritschin ... verwandt sein kšnnten, die mir begegnen.

Nie aber sind wir …sterreicher geworden. Doch wir waren auch nicht Deutsche. Jene AuserwŠhlten, TŸchtigeren, die lange vor uns Mixer und Bananenmilch hatten, und die zu den heiligen Zeiten Pakete schickten, mit abgetragenem Gewand, Lakritzen fŸr meine Mutter, und dem SŠckchen GummibŠrchen, die wir Kinder uns stŸckgenau aufteilten: Sechs oder sieben fŸr jeden, an denen wir tagelang a§en ... Aber da war auch noch der Kaffee (niemals tranken wir Malzkaffee wie die Ÿbrige Umgebung ...) und vor allem: Die Kroatzbeere mit der buckeligen schwarzen Plastikkatze am Flaschenhals. Und der ãGrafschafter Bote" oder das ãHŠŠmtebŠrnla", ab und an. Wie holperig aber schien meine Mutter den Dialekt nur noch zu sprechen ... unsere Sprache war gestochenstes hochdeutsch, burgtheaterreif, mitsamt dem ãpluralis maiestatis", mit dem wir sie anredeten. Noch heute ist es mir eigenartig, sie ins Gesicht mit ãDu" anzusprechen.

Aber es sind mehr als nur meine Erinnerungen. Meinen eigenen Kindern gegenŸber werden diese ErzŠhlungen weitergegeben. In denen man nur das Gute, das Nachahmenswerte erzŠhlt, alles andere lŠ§t man allzu gerne absinken. Und man sollte es auch erst hervorkramen, wenn man alle Kraft zum Verzeihen hat, wenn es einen nicht mehr aufwŸhlt und nicht mehr bluten lŠ§t. So hatte ich schon vor etlichen Jahren an jedem Allerseelentag einen festen Ablauf in meiner Familie eingefŸhrt: Neben den GrŠbern der Verwandten war da das Verweilen am Kriegerdenkmal. Und jedes Jahr erzŠhlte ich die gleichen Geschichten, aus Glatz und von Tante Friedel, dem Uropa Heinrich Fischer und dem Onkel Karl, die fŸr das Gute, in Edelmut ihr Leben gelassen hatten. Sie hšren gerne zu, jedes Jahr aufs neue. Es ist Teil auch ihrer Geschichte.

So, wie sie zuhšrten, wenn ich ihnen von RŸbezahl vorlas. Und es ward mir warm ums Herz zu sehen, wie bei dem einen oder anderen jenes Leuchten in den Augen war, das auch bei mir gewesen sein mu§te, damals, als uns die Mutter davon las. Ich hatte die RŸbezahl-Sagen als Bub von einem eigentlich Fremden geschenkt bekommen, sie nach hause getragen, und sofort hatte meine Mutter uns ãKleinen", also den beiden jŸngsten Kindern, daraus vorzulesen begonnen, Abend fŸr Abend. Und wie konnte sie lesen! Ihr Ruf ãRŸbezahl, RŸbezahl!" ist uns so zu unserem eigenen Ruf geworden, zur Verkšrperung an eine letztendlich gute Wendung des Schicksals, zur Hoffnung auf eine Gerechtigkeit, die sich ja immer auf eine Teilhabe am GlŸck bezieht, mit der Grafschaft Glatz als seinem Ort.

Bin ich wirklich heimatlos? Ist Heimat das, wo man einfachhin aufwuchs? So wie ich also in Amstetten, Niederšsterreich? In einem gewissen Sinne vielleicht, ja sicher sogar. Aber ist Heimat nicht letzthin das, was einem den Platz zuweist, den man zu erfŸllen hat? Jene GefŸgtheit, in die man hineingeworfen wird auf da§ man ebenfalls seinen Bezug zu diesem Ganzen wirke? Und den man nicht ohne Vorfahren betritt, ohne alles das, was jene geprŠgt hatte. In Schuld wie GlŸck, verbunden durch dieselbel Art die Dinge aufzufassen, anzupacken? Ist aber damit nicht auch mir, uns Wagner-Kindern, Schlesien Heimat? Damit die Glatzer uns BrŸder und Schwestern? Wir sind zweite Generation, und sind ãgemischt", denn der Vater stammt ja aus dem ursprŸnglichsten …sterreich, das Ÿberhaupt denkbar ist. Wir tragen beides in uns, beides, die BezŸge der Glatzer und jene der Mostviertler, wie dieser Landstrich hei§t. Unser Gaumen aber ist Streuselkuchen und Salatmarinade mit Zucker gewšhnt, die ich heute als dem bšhmischen Mischbereich der Vorfahren dieser Seite meines Fleisches (und damit meiner Seele) zuzuordnen wei§. Und wir a§en die Kartoffelpuffer feingerieben und mit Zucker, nicht grob und mit Salz und Sauerkraut, wie hier Ÿblich. Wir sind geprŠgt von zentimetergenau aufgeschichteten Leintuchstapeln und einer Sprache, der hiesige Mundart bis zum heutigen Tage fremd geblieben ist.

Denn meine Mutter ist Schlesierin, Glatzerin geblieben, bis zum heutigen Tage. Sie blieb es im Geiste, blieb in ihrem Lande. Von der Mutter aber, da stammt das GemŸt. Wagner, …sterreicher sind wir sowieso. Als Bild aber steigt auf ... was fehlt. Und so ist mir Glatz mein Leben lang Bild aller Sehnsucht, ja gelobtes Land geworden, in das heimzukehren ich hoffe, und als solches gebe ich es auch weiter. Vielleicht sogar ohne es jemals sehen zu wollen.

12. Dezember 2000

 
     
johannes
darstellung
ambrosius
sprache
EBERHARD
stimme
WAGNER
©
wort
   
 
Home  
   
 
         
         
Der Albatros ARS ACTU - Verein zur Fšrderung der KŸnste