Was war aus katholischer Sicht dann doch heilig an der Heiligen Johanna?

Zum grundlegenden Verstehen von Heiligkeit aus katholischer Sicht.

Ein mir bekannter (katholischer) Geistlicher hat einmal in einer Predigt hinterfragt, ob nach heutigen Kriterien manche Heilige noch fŸr ãheilig" erklŠrt (was dogmatischen Rang hat) wŸrden. Da gŠbe es welche, die fŸr ihren JŠhzorn etc., schlicht fŸr ihre Fehler bekannt gewesen seien usw. usf., das wŠren nicht gerade Zeugnisse fŸr Tugenden. (Was nach katholischer Psychologie ja auf vieles andere hinweist.) Wieder andere hŠtten gegen gottgewollte Ordnungen rebelliert. So wie die Hl. Johanna. Was die Frage erlaubt: Was kšnne Gott daran gelegen sein, Frankreich wiederherzustellen? Hat der Gallikote also gar ... Recht? AuserwŠhlt, wie Israel?

Zur Beurteilung von Heiligkeit braucht es eine feine Klinge der Unterscheidung. Zum einen ist sie nicht verstehbar ohne Definition dessen, was man Kairos nennt: Das aus einer bestimmten historischen Gegebenheit heraus als Auftrag Begegnende. Heiligkeit bewegt sich im Spannungsfeld aus Moralischem, das immer aus dem Gestern kommt, Ÿbernommen wird, und dem stets taufrisch aus dem Gestern im Seiend-Bleiben erwachsenden Heute. Und das alles auf dem Untergrund eines dem Menschen stets neblichten Gemengelages subjektiv-historischer Voraussetzungen ... Sie bedeutet Sinntreue, die nur im Kairos erfŸllt wird, hat primŠr also mit Gehorsam zu tun. Ist so wie jedes Leben Aussage aus dem ewig gleichbleibend GŸltigen in eine bestimmte Zeit hinein und hat stets einem gewissen Anteil an zeitbedingter Beurteilung. Mit Moralismus hat Heiligkeit nicht primŠr zu tun (wenn auch nicht verfehlt ist zu sagen, da§ ãNeurosen die Pferde zur Heiligkeit" sein kšnnen.) Vielmehr aber mit einer Herzenshaltung, die dem GegenwŠrtigen mit seinen SchŠumen des Faktischen in einer Weise offen gegenŸbersteht, wie sie aus einer Gewissensruhe heraus mšglich ist, die nur aus Deckungsgleichheit von individuellem Wollen und gšttlichem Willen entstehen kann. Da§ Handlungen als Moralgebot festschreibbar sind entsteht ja nicht daraus, da§ Heiligkeit moralinsauren Charakter braucht, sondern da§ (katholische) Moral an sich nur beschreibt, was aus dem natŸrlichen Erkennen mit dem Licht der Offenbarung in der Kraft der Gnade als auch das natŸrliche Erkennen Ÿbersteigender Sinnhorizont sich ergibt und somit Auftrag Gottes ist. Einfach gesagt: Die Natur der Dinge sagt, wie Gott will da§ man handelt, aber wir erkennen nicht alles weil das uns wesenhaft †bersteigende uns zum Erkennen ja nicht naturhaft ist Ð und alles Erkennen ist ja Selbsterkenntnis. Und weil wir jeden Sinnhorizont IMMER empfangen, jemandem glauben und verifizieren. Ethik (als Lehre vom rechten Tun) grŸndet ja sowieso immer in einer Auffassung Ÿber das Wesen der Dinge und ihrer Natur.

Johanna's Vorhaben ist vor dem Hintergrund der katholischen wie damaligen Daseinsauffassung auf den ersten Blick widernatŸrlich und deshalb unerhšrt. Johanna durchbricht den notwendigen Legalismus der Selbstaussage Gottes in der Schšpfung gegenŸber um eben diese Schšpfungsordnung (in jeweils historisch-kultureller Gestalt) herzustellen. Damit wŸrde sie sogar das Prinzip verletzen, das da besagt, da§ nicht der Zweck die Mittel heilige.

Erst einmal mu§ ihr selbst ein solcher ãdirekter" Auftrag Ð gehe und rette Frankreich Ð unerhšrt vorgekommen sein, und wie ihrer Umgebung. Nicht aus zeitgedingter Soziologie heraus kann das erschšpfend verstanden werden, sondern aus der Frage, was denn diese Welt Ÿberhaupt fŸr einen Sinn habe. Die (als ungefŠhre Definition) aristotelisch-thomistische Auffassung von den Dingen hebt bei der Genesis an: ãUnd Gott sah, da§ es (bzw. ein) Gut war." Jedes Seiende mu§ zum einen als am Sein Teilhabendes gedacht werden, das im anderen durch die alles hervorbringende, bewegende Hitze der Liebe in seine Gestalt getrieben wird. Das ein ãDing" Konstituierende ist das Eigenschaftliche Gottes, so wie jedes Werk von den Eigenschaften des Hervorbringers geschaffen wird wie erzŠhlt. Bezeichnen wir diese ein Ding seiend werden lassenden wie im Dasein haltenden EigenschaftskrŠfte als Form. Als Ebenbild Gottes verstanden, als Krone der Schšpfung, in dem alle Form der Schšpfung enthalten ist, im Erkennen eben (von dem das bewu§te Denken nur als Teil verstanden werden darf) im Erkennenden als Antwort aber aktualisiert (ãactu") wird Ð denn Gott ist ganz ãactu," sonst gŠbe es nichts bzw. erkennten wir kein ãpotens" Ð mšgliches Sein. Das wiederum ist die Grundlage fŸr das Erkennen eines Gewollten, das somit zum Gesollten weil das Vollkommene Zeigenden wird. Etwas zu errichten Ð was Liebe (als Seinswille) braucht wie zeitigt Ð lЧt den Menschen am meisten Gott (ein Gottesbegriff trifft ja eine Seinsaussage) Šhneln.

Sohin ist jede Form des Kosmos auf den Menschen HIN, damit er erkennend an Gott teilhaben und damit ihm Šhnlich werden kann. Im letzten lЧt sich sogar jede Weltbeziehung des Menschen als Erkenntnisakt verstehen, woraus sich auch seine AbhŠngigkeit vom Ursprung, vom Sein selbst (womit religio direkt zu tun hat) begreifen lЧt. So lЧt sich jede Gestalt auf dieser Welt als Ausfaltung eines bestimmten Gestaltenfundus aus einem Ursprung heraus verstehen, deren (wenn auch nur in einer bestimmten Rahmen sich bewegende) Unterschiedlichkeit darin grŸndet: Im Aktualisierungsgrad (Seiendes als Teilhabe am Sein Ð mit einem Seiendes vernichten wollenden Widersacher) in Zusammenhang mit dem Antworten und Erkennen im Hier und Jetzt, das an jedem Ort wie Zeitpunkt der Welt nie ganz gleich ist.

Aus dem Gesagten ergibt sich damit, da§ Vollkommenheit (und damit Heiligkeit) mit ErfŸllung einer prinzipiellen natŸrlichen Anlage im Einklang mit dem †bernatŸrlichen zu tun hat. Denn in diesen Anlagen (soferne sie auf Seinsteilhabe ausgerichtet sind, womit wir beim Begriff des Faktischen wŠren Ð nicht jeder Handlungswille ist ja auf Aufbau ausgerichtet) zeigt sich Wille Gottes, verstanden als das, was also alles Seiende in GeglŸckheit will. (Denn alles ist im hšchsten Ziel auf die Freude ausgerichtet.) Somit kann etwas, das dem Wesen (also das, woraus es sich eigenschaftlich nŠhrt bzw. in konkrete Gestalt treibt) von etwas Geschšpflichem widerspricht nicht gottgewollt sein.

Somit ãkann" auf den ersten Blick Johanna's Auftrag nicht gottgewollt sein. Darin grŸndet (wenn auch nicht nur) die damalige Ablehnung wie ihre eigenen Zweifel an ihrem Auftrag. Als Frau sieht sie sich aus ihrer biologischen Konstituiertheit als Empfangende, NŠhrende, ins Dasein GebŠrende wie zu diesem StŠrkende. Von ihr hŠngt wohl alles ab, Sein oder Vernichtung, die Form selbst aber geht vom Manne aus. (Wobei die Zellbiologie interessante Belege fŸr diese Aussage liefert.) Niemals Ð im prinzipiellen Blick also Ð kann eine Frau den Kopf eines Organismus DARSTELLEN. (Denn Seiend sein hei§t Sein darstellen.) Und: Johanna will auch nicht fŸhren, meint es nur hie und da zu mŸssen. Im Gegenteil ist ihr Sinnen und Trachten darauf ausgerichtet, die natŸrliche Ordnung wiederherzustellen Ð sie drŠngt den Dauphin sich kršnen zu lassen, gibt damit dem Volk sein Haupt und damit seine Kraft wieder, sich zu restaurieren. Sie ist reaktionŠre Legalistin!

Darum auch ãmu§" ihre Mission fast zwangslŠufig in ihrem Tod enden. Und das zeigt ihre Grš§e Ð sie wu§te das. Johanna ist sicher nicht heiliggesprochen worden, weil sie Frankreich an sich restauriert hat. So sehr die Franzosen das gerne sŠhen. Všlker und Staaten kommen und gehen, es gibt hšhere GŸter. Sie ist heilig weil sie in ihrem ganzen Tun auf prinzipielle Vervollkommnung des Begegnenden ausgerichtet war (was man Tugend nennt) und in schwieriger Zeit einen ihr selbst unlogischen Auftrag gehorsam erfŸllte. Warum auch immer Gott in seiner Vorsehung dies so gewollt haben mag. Eben darum aber auch mu§te Gott sich des Wunders (in dem er sich ja selbst quasi ãŸberhebt") in der Auftragserteilung bedienen. Johanna ist nun aufgerufen, diesem subjektiven, von anderen nicht nachprŸfbaren Erleben treu zu bleiben, das nur dann Wert erlangt, wenn man eben von einem Wunder ausgeht. Und das zu tun ist bestenfalls ãultimo ratio."

Genau diese Tragik zeigt schlie§lich auch Max Mell in seinem StŸck vortrefflich: Dieses als ãZauber" in die Gegenwart Einbrechende, das sich nur dem staunenden Herzen eines Kindes erschlie§t. Und so stellt er einer Heiligen Johanna sogar noch eine scheinbar ãunmoralische" Liebesgeschichte an die Seite, die aus gleicher Grš§e heraus sich nicht erfŸllt. Mell zeigt damit zwei Formen derselben Heiligkeit Ð und das UnergrŸndliche Gottes selbst.

Es wurde einmal hinterfragt, ob Johanna eine Selbstmšderin gewesen sei. Sicher nicht: Der Selbstmšrder will sein Leben beenden, weil er es sinnlos sieht bzw. ihm einen anderen Sinn geben will - der Martyrer wei§ sein Leben gefŠhrdet, bleibt aber einem als fŸr ihn hšheres Ziel erkannten Gesollten treu. Johanna hat gezeigt, da§ Gehorsam dem Erkannten gegenŸber Ÿber dem eigenen biologischen Leben steht, das wir hier dem Gesetz des Todes unterworfen wissen, der aber nicht seinen Sinn definiert.

14. Oktober 2002

 
     
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