Nein, eine abgesicherte Kirche hilft den Menschen nicht ...

Die Wut auf die Kirche besteht in Vielem zurecht!

Ein Essay von Eberhard Wagner 

Was in so vielen persšnlichen Begegnungen in den letzten Jahren auffŠllt ist, da§ es enorm viele Menschen gibt, die eine ungeheure Wut auf die Kirche (manchmal dem Ha§ schon sehr nahe) zum Ausdruck bringen. Ich wei§ nicht warum, aber ich habe mich immer geweigert, das so einfach nur als Ha§ auf die Wahrheit zu sehen. Vielmehr sah ich ein ungeheures Engagement, das dahintersteckte, und gewaltige Verzweiflung, Hilflosigkeit und EnttŠuschung vor allem, ja, EnttŠuschung. Die auch eine EnttŠuschung ist, da§ die Kirche, so wie sie auftritt, kaum noch Zugang zur Verarbeitung von Schuld (etwas, das ja aus existentiellem Versagen entsteht) bietet - den Verfall des Beichtsakraments sehe ich nicht in mangelndem ãGlauben" begrŸndet, sondern in der UnfŠhigkeit allzu vieler Priester, auf die Seelenlage ihrer ãKlienten" Ÿberhaupt einzugehen! Der eigentlich gesunde Ausspruch ãDas gibt mir nichts" hat mehr Wahrheit als viele wahrhaben wollen. Diesen Menschen gehšrt meine grš§te Sympathie, ich betone das. Und ich verwahre mich vehement gegen voreiliges Gerede, das in saturierter SelbstgefŠlligkeit und im Brusttone leidensvollen Bedauerns vom Unglauben dieser Zeit daherquatscht, oft genug im Pathos všllig mi§verstandenen Kreuztragens. Wieviel Hochmut oft ... wieviel Vermessenheit.

Auch weil mir aufgefallen ist, da§ wenn man den Menschen mit ihren Worten, aus ihrem nach Ordnung schreienden Lebenshintergrund heraus, der der Lebenshintergrund aller Menschen ist (das sage ich als Dramatiker, der im Grunde nur ein Drama sieht: Den Kampf des Nichtenden mit dem Sein), die Rezeption auf die reale Wirklichkeit nŠmlich, das Begegnende, ordnend nahebringt, nahebringt was die Kirche somit Ÿberhaupt sagt, da§ dann gro§e Ruhe eintritt. Nie ist mir einfachhin Ablehnung begegnet, wenn ich aus einer solcherma§en lebensklugen Philosphie des Augenma§es, des Hausverstandes heraus argumentierte, darstellte, mich aber sicher nicht gegen ihre Wut einfachhin verschlo§. Nein, da sehe ich nicht Menschen, die einfach nicht glauben wollen, schon gar nicht, die bšse sein wollen, nein, ich sehe gescheiterte LebensentwŸrfe, und wie gesagt: Enorme Hilflosigkeit. Soda§ ich mehr und mehr zu dem Schlu§ kam, da§ ich es hier mit einer Empšrung zu tun habe, die všllig zurecht besteht: Die Kirche wird angeklagt, den Menschen Wahrheit nicht mehr nahezubringen.

Nun kann man sagen: Ja, aber die Kirche tut es ja, verkŸndet ihren Katechismus, Ihre Morallehre, manchen scheinbar zum €rger! Ich aber halte entgegen, da§ sie es tut ohne zu berŸcksichtigen, da§ das natŸrliche Wissen der Menschen dem zu Glaubenden lŠngst widerspricht, da§ die Menschen oft genug nur noch vor der Wahl stehen: Fideismus oder Gewissen. Und dabei heute oft nur noch verlieren K…NNEN. Soda§ man mit Fug und Recht sagen mu§: Es fehlt dem VerkŸndeten lŠngst an WirklichkeitsnŠhe, an der Exposition (ich sage das aus der Kenntnis der Problematik eines Kunstwerkes.) Moral und Glaubenssatz (wŸrde wenigstens der oft noch verkŸndet!) ist einfach zuwenig: Wer Hausverstand - den Boden des Glaubens - hat will WIRKLICHKEITSGEM€SS und damit vernŸnftig handeln, nicht ãirgendwie fromm." Und die Kirche schlechthin als AutoritŠt ãerwŠhlen" ... ist an sich schon ein Problem: Man kann AutoritŠt nicht selbst bestimmen. Und mit sicherem Instinkt wissen solcherma§en ãhausverstŠndige" Menschen, da§ Gerettetheit nicht primŠr Ÿber ãVerhalten" (da liegt Selbsterlšsung, Pelagianismus also verdammt nahe!) zu erreichen ist. ãAgere sequitur esse!" Und die Menschen suchen das Sein, ich kann es nicht anders aus eigener Beobachtung sagen. Jede Motivation bricht die nicht die Ewigkeit, die BestŠndigkeit zum Ausgangspunkt wie zum Ziele hat. Und damit die Wahrheit. Der heute so oft vorgeschobene Konstruktivismus (mit dem Agnostizismus als Frucht) ist eigentlich nur lŠcherlich und ganz leicht zu widerlegen. (Wenn man es schafft, im GesprŠch eben auf die ãsens ratio" zu gelangen, also die Wirklichkeit, deren Erkennbarkeit, das "tertium comparationis" zu Wort kommen zu lassen- nicht in den Rationalismus einzusteigen.)

Diese Wirklichkeitsferne baut auf zwei Pfeilern auf: Zum einen ist es die všllig fehlende Rezeption der Voraussetzungen, mit denen heute sich meist nur noch selbstbezweckende Wissenschaft (DIE neue AutoritŠt, teilweise sogar von der Kirche selbst inauguriert ...) betrieben, Wissen gelehrt und verbreitet wird. Zum andern und das erstere mitbegrŸndend aber ist es eine fehlende Anbindung an die Wirklichkeit, wie sie fehlende AbhŠngigkeit vom Begegnenden hervorruft. Und ich kann nicht umhin die reale Form der Kirchenorganisation dafŸr verantwortlich zu machen. Mit Wurzeln mšglicherweise in Ausbildung und Vermittlung von theologisch-philosphischen Inhalten. Denn u.a. erscheint es mir als wŸrde jener Aspekt - auch bei der Sakramentenspendung - den man als ãex opere operato" (in engem Zusammenhang mit Heiligung des AmtstrŠgers) bezeichnet, also der Mitwirkung des Sakramentenspenders, immer mehr vernachlŠssigt. Nicht zufŠllig fŠllt mir wohl deshalb bei etlichen der Zeitthemen auf, da§ protestantische Kreise, wo dieser Aspekt quasi allein entscheidend ist, einen oft wesentlich wirklichkeitsnŠheren rationalen Zugang dazu haben. (So z.B. bei HomosexualitŠt: Noch nie habe ich aus katholischen Kreisen gehšrt, was jedem aufmerksamen Betrachter sofort naheliegt: Da§ z.B. HomosexualitŠt beobachtbar nicht glŸcklich macht! Trauen die Katholiken ihrer eigenen Wahrheit nicht mehr, was ihre Wirklichkeitsrelevanz anbelangt? FŸrchten sie da§ doch sein kšnnte, was nicht sein dŸrfte? Der Verdacht drŠngt sich nicht nur hier auf!) Das Problem der Heiligung ist nicht in erster Linie ein Problem heute meist falsch verstandener Fršmmigkeit (das Wort rŸckt im allgemeinen Verstehen immer nŠher zu ãBigotterie", ja ãFideismus" und ãSopranaturalismus") - es hat zu tun mit wirklichkeitsgemЧem Handeln. Das Wort ãfromm" hat etymologisch mit ãtŸchtig", ã(wirklichkeits-)gemЧ" zu tun, wurde immer so gebraucht.

Nichts entfernt den Menschen so sehr von Gott wie eine fehlende ganz reale, wirklich existentielle RŸckbindung an die Wirklichkeit. Wer nicht am Leben blutet, wer nicht an IrrtŸmern und Fehlhandlungen daraus ganz real leidet, und sei es mit Einkommensverlust und ExistenzgefŠhrdung, wer seinen Lebenserfolg, sein GlŸck nicht absolut real von etwas abhŠngig erfŠhrt, mit dem er in seinem Ringen um GlŸck ganz unmittelbar in Dialog gerŠt, sondern in einer ãSicherheit" lebt, die ihn von allen Folgen seines Handelns wie abschlie§t, verliert die existentielle Relevanz und damit auch die VerkŸndigungskraft des Glaubens. Er erfŠhrt nicht die Wahrheit, die hinter allem steht, was die Kirche als LehrgebŠude verkŸndet, sein Reden bleibt bestenfalls akademisch (welch unglŸckliche Verquickung von AufklŠrung und Religon!), es fehlt ihm somit eben die Exposition, das, was die Menschen aufnimmt und mittrŠgt. Ja ich behaupte sogar, da§ all diese Verstiegenheiten, wie sie als ãMeinungen" heute oft genug verbreitet werden, zum Ÿberwiegenden Teil diese Scheinsicherheit zum NŠhrboden haben. Verstehbar als ãŸberschŸssige Kraft", die sich in rokokohaften Kapriolen selbst feiert. Nicht zufŠllig ist eines der Kennzeichen der meisten Erneuerungsbewegungen - welch Wahn erst, diese zu "Rettern" des Glaubens hochzustilisieren! - frappierende Weltflucht und Wirklichkeitsverleugnung, wird Glaube zum figurativ allgemein begehbaren Ding an sich, zu einer Separatwelt, mit der die Logik der Welt eigentlich nichts zu tun haben mu§. (Von daher auch die nur merkwŸrdig scheinende Ferne von Glaubenserleben zur umfassenden Dogmatik.) Wer das Zwingende einer Ausgeliefertheit an das Begegnende einmal erlebt hat, seine SŸ§e, aber auch sein Strenge, will davon nicht mehr lassen.

Aber was tun? Ich ma§e mir nicht an, ein Patentrezept zu geben - und schon gar nicht mšchte ich fŸr praktische Reformen verantwortlich sein. Doch das Wort des Papstes, der eine RŸckkehr zur Armut verlangte, verstehe ich vor diesem Hintergrund und staune Ÿber seine Weisheit. Was den Kirchenvertretern (Klerikern wie beamteten Laien) ebenso wie den Menschen, behŸtet in einem Sozialstaat, fehlt, ist eben diese Bewu§theit (als zur Sprache gekommene Lebenswahrheit) um die Ungesichertheit des Lebens, der Existenz. Marx wu§te tatsŠchlich, was wer tat - und wie man die Religion bekŠmpft: Durch Auslšschung der ãreligio" nŠmlich, ganz einfach ist das. Die Kirche ist gefŠhrlich nahe dem alles erstickenden Selbstzweck - etwas, mit dem NUR der KŸnstler aus Berufung fertig wird, wohin sich eine hier nur angedeutete NŠhe zur Liturgie, ja zum Priestertum Jesu Christi ergibt. Sie braucht Menschen, die am Leben "bluten", und solcherart die existentielle Wahrheit der katholischen Lehre als Beschreibung realer, in den LebensŠu§erungen erfahrbarer Wirklichkeitskraft erfassen. Weshalb ich aus derzeitiger Sicht nur noch manchen Laienkreisen eine Reformkraft zutraue, die aber sehr oft von der Kirche nominell dadurch entfernt sind, weil sie das Gesetz der Vernunft, das nur eine Wirklichkeit und eine Wahrheit kennt, nicht mehr walten sehen.

Wien, am 7. JŠnner 2002

Lesen Sie dazu, was Rom per 13. MŠrz 2007 zum Thema "Ist ein Kirchenaustritt zugleich ein zu sanktionierender Glaubensabfall?" schreibt. NŠmlich kurz: Ein Kirchenaustritt nach deutschem und šsterreichischem Muster ist NICHT AUTOMATISCH ein Akt des Abfalls vom Glauben, somit nicht automatisch ein Ausschlie§ungsgrund aus der Kirche. Sie bestŠtigt damit die vertretene Auffassung des Autors s.o.

Libertas Ecclesiae
Von Papst Benedikt XVI. approbiertes Schreiben des PŠpstlichen Rats fŸr die Gesetzestexte vom 13. MŠrz 2006 zum so genannten "Kirchenaustritt" als Formalakt

Dokumentiert aus:
Communicationes 38 (2006), S. 175-177 [175]
Vatikanstadt, 13. MŠrz 2006
Prot. N. 10279/2006

Eminenz,
schon seit lŠngerer Zeit haben Bischšfe, Offiziale und andere Fachleute des Kanonischen Rechtes diesem PŠpstlichen Rat Zweifel und Anfragen zur KlŠrung hinsichtlich des sogenannten actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica vorgelegt, auf den in den Canones 1086 ¤ 1, 1117 und 1124 des Codex des Kanonischen Rechtes Bezug genommen wird. In der Tat handelt es sich um einen in der kanonischen Gesetzgebung neuen Begriff, der sich unterscheidet von den anderen, eher ÈvirtuellenÇ ModalitŠten (die auf dem Verhalten basieren) des ÈoffenkundigenÇ oder einfach ÈšffentlichenÇ Glaubensabfalls (vgl. c. 171 ¤ 1, 4¡; 194 ¤ 1, 2¡, 316 ¤ 1, 694 ¤ 1, 1¡; 1071 ¤ 1, 4¡ und ¤ 2), UmstŠnde, in denen die in der katholischen Kirche Getauften oder in sie Aufgenommenen durch rein kirchliche Gesetze verpflichtet sind (vgl. c. 11).
Das Problem wurde von den zustŠndigen Dikasterien des Heiligen Stuhls sorgfŠltig untersucht, um vor allem die theologisch-lehrhaften Inhalte dieses actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica genau zu fassen, und danach die Erfordernisse oder juridischen FormalitŠten zu prŠzisieren, die notwendig sind, damit dieser sich als ein wirklicher Èformaler AktÇ des Abfalls darstellt.
Nachdem hinsichtlich des ersten Aspekts die Entscheidung der Kongregation fŸr die Glaubenslehre vorlag und die gesamte Frage in der Vollversammlung untersucht wurde, teilt dieser PŠpstliche Rat den PrŠsidenten der Bischofskonferenzen Folgendes mit:
Ê
1. Der Abfall von der katholischen Kirche muss, damit er sich gŸltig als wirklicher actus formalis defectionis ab Ecclesia darstellen kann, auch hinsichtlich der in den zitierten Canones vorgesehenen Ausnahmen, konkretisiert werden in:
a) einer inneren Entscheidung, die katholische Kirche zu verlassen;
b) der AusfŸhrung und Šu§eren Bekundung dieser Entscheidung;
c) der Annahme dieser Entscheidung von seiten der kirchlichen AutoritŠt.
Ê
2. Der Inhalt des Willensaktes muss bestehen im Zerbrechen jener Bande der Gemeinschaft - Glaube, Sakramente, Pastorale Leitung -, die [176] es den GlŠubigen ermšglichen, in der Kirche das Leben der Gnade zu empfangen. Das bedeutet, dass ein derartiger formaler Akt des Abfalls nicht nur rechtlich-administrativen Charakter hat (das Verlassen der Kirche im meldeamtlichen Sinn mit den entsprechenden zivilrechtlichen Konsequenzen), sondern dass er sich als wirkliche Trennung von den konstitutiven Elementen des Lebens der Kirche darstellt: Er setzt also einen Akt der Apostasie, HŠresie oder des Schisma voraus.
Ê
3. Der rechtlich-administrative Akt des Abfalls von der Kirche kann aus sich nicht einen formalen Akt des Glaubensabfalls in dem vom CIC verstandenen Sinn konstituieren, weil der Wille zum Verbleiben in der Glaubensgemeinschaft bestehen bleiben kšnnte. Andererseits konstituieren formelle oder (noch weniger) materielle HŠresie, Schisma und Apostasie nicht schon von selbst einen formalen Akt des Abfalls, wenn sie sich nicht im Šu§eren Bereich konkretisieren und wenn sie nicht der kirchlichen AutoritŠt gegenŸber in der gebotenen Weise bekundet werden.
Ê
4. Es muss sich demnach um einen rechtlich gŸltigen Akt handeln, der von einer kanonisch rechtsfŠhigen Person gesetzt wird, in †bereinstimmung mit der kanonischen Norm, die ihn regelt (vgl. cc. 124-126). Dieser Akt muss persšnlich, bewusst und frei getŠtigt werden.
Ê
5. Es wird Ÿberdies verlangt, dass der Akt von dem Betroffenen schriftlich vor der zustŠndigen kirchlich katholischen AutoritŠt bekundet wird: vor dem Ordinarius oder dem eigenen Pfarrer, dem allein das Urteil darŸber zusteht, ob wirklich ein Willensakt des in Nr. 2 beschriebenen Inhalts vorliegt oder nicht.
Daher wird der actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica mit den entsprechenden kirchenrechtlichen Sanktionen (vgl. c. 1364 ¤ 1) nur vom Vorhandensein der beiden Elemente konstituiert, nŠmlich vom theologischen Profil des inneren Aktes und von seiner Bekundung in der festgelegten Weise.
Ê
6. In diesen FŠllen sorgt dieselbe kirchliche AutoritŠt dafŸr, dass der Eintrag im Taufbuch (vgl. c. 535 ¤ 2) erfolgt mit dem ausdrŸcklichen Vermerk Èdefectio ab Ecclesia catholica actu formaliÇ.
Ê
7. In jedem Fall bleibt klar, dass das sakramentale Band der Zugehšrigkeit zum Leib Christi, der die Kirche ist, aufgrund des Taufcharakters ein ontologisches Band ist, das fortdauert und wegen des Aktes oder der Tatsache des Abfalls nicht erlischt.
[177]
In der Gewissheit, dass der dortige Episkopat in Anbetracht der Heilsdimension der kirchlichen Gemeinschaft die pastorale Motivation dieser Normen gut verstehen wird, verbleibe ich mit herzlicher Verbundenheit
Ê
im Herrn
Ihr
JULIËN KARD. HERRANZ
PrŠsident
Ê
+ BRUNO BERTAGNA
SekretŠr
Ê
Die vorliegende Mitteilung wurde approbiert von Papst Benedikt XVI., der die amtliche Bekanntmachung an alle PrŠsidenten der Bischofskonferenzen angeordnet hat.

 
     
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WAGNER
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