WAS FORDERT EIN SCHRIFTSTELLER VON SEINER STANDESVERTRETUNG?

Zur Lage der Schriftsteller

WIEN, am 21. MŠrz 2006

In einem Rundschreiben vom 20. MŠrz 2006 fordert die IG-Autoren Ð eine Form von berufsstŠndischer Interessensvertretung, die die undankbare Aufgabe unternimmt, konkrete Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Berufsstandes, der in seinen Interessen unterschiedlicher kaum sein kšnnte, auf einen mšglichen Gesamtnenner zu bringen - alle Autoren …sterreichs auf, ihre aktuellen und auch persšnlichen beruflichen Probleme mitzuteilen. In diesem Schreiben steht u. a.:

ãEs ist uns kein Anliegen zu klein und keines zu umfassend. Vor allem haben wir nicht vor, auf Forderungen und AnsprŸche zur Verbesserung der Situation von Autorinnen und Autoren und der Literatur zu verzichten. Wir ersuchen also sowohl um Mitteilungen zur Verbesserung einzelner âKleinigkeitenÕ als auch um VorschlŠge zur VerŠnderung von Mi§stŠnden auf dem Mediensektor oder in der Bildungspolitik, sofern ein Zusammenhang mit der Arbeit von Autorinnen und Autoren und der Literatur besteht.Ò
Nun hat ein Schreibender sicher das Problem, da§ Aufforderungen fŸr ihn manchmal Befehlscharakter erhalten. Und er mu§ dann was immer er gerade als Arbeit vor sich liegen hat, unterbrechen. So war es bei mir. Und so war mir diese Aufforderung Anla§, meine Lebens- und wenn es denn sein mu§ Berufssituation auch grundsŠtzlicher zu reflektieren, als ich es erst vorhatte. Deshalb:

DIESE ANTWORT

1. DER WERT DER ARBEIT DES SCHRIFTSTELLERS - FREMDPROBLEME

Sieht man davon ab, da§ ich ein Problem habe, mich als ãSchriftstellerÒ zu definieren, ein Tun also in ein Bild zu fassen, dies aber nun halt als KrŸcke hinnehme, weil ich in meinem Tun wohl so erfa§bar bin, fŸr manche, mšchte ich doch auf Ihre Aufforderung eingehen und antworten. LŠnger. Auch dazu ermuntern Sie ja.

Vorweg: Nahezu alle Probleme, mit denen ich mich konfrontiert sehe, sind Probleme, die ich in mir selbst begrŸndet finde, und deren ZusammenhŠnge mit Šu§eren Bedingungen ich prinzipiell als Faktum zur Kenntnis nehme, dessen Zusammenhang mit mir persšnlich zu tun hat. So auch, wenn ich bei einem Verlag abgelehnt werde, keine Subventionen erhalte, oder mich ein Auftraggeber beschei§t, weil er nach Vorliegen meiner Arbeit sagt: ãAlso das hŠtte ich auch kšnnen. Und dafŸr zahle ich nicht das vereinbarte Honorar.Ò Wo ich dann kŠmpfe, meine Arbeit in mehr zu begrŸnden als in den drei Stunden, die ich nach tagelangem Nachdenken, das noch dazu oft so untergrŸndig lŠuft, mich dann einen Tag vor Ablieferungstermin hinsetzte und runterschrieb, nein, mehr korrigierte als schrieb. Je besser es dann ist, desto einfacher eben Ð das Problem aller Ideen, die sichtbar werden.

Immer aber ist die erste Frage: Ja, sie haben ja recht, ich bin einfach noch nicht gut genug, nicht perfekt genug. Ich gab den Text zu frŸh auf. Oder griff zum Notgriff, dem Bluff, weil ich zu faul oder zu nachlŠssig war, dem Gedanken wirklich so lange auf den Zehen zu bleiben, bis er sich ganz klar auch vor Augen zeigte. Wo man mal dann so tut wie man meint da§ er andere sich dŠchte, da§ man eben tŠte. Meint, es reichte eh. Und scheint es sogar oft zu tun. Die eigene Scham sieht ja keiner. Man kann nur versuchen, sie nicht zu vergessen. Wie es auch Kollegen tun, auf deren manchen spŠter noch die Rede kommen wird.

Weniger auf mich bezogen war es, als ich mich vor zwei Jahren verleiten lie§, fŸr ATV DrehbŸcher zuschreiben. Vielleicht komme ich mehr, besser rein, ins ãGeschŠftÒ, dachte ich. Wie immer: Falsch gedacht. Man wird was man ist. Und wenn man sich verschleudert, ist man nichts. Also wird man nichts. XXX Euro fŸr ein Drehbuch! Und einer meiner Mitschreiber (es war eine Frau) wendete sich sogar gegen mich, als ich aufmuckte: Ich solle doch zufrieden sein: 4 oder 5 Stunden brauche sie dafŸr, und da sei der Stundenlohn doch ganz gut? Was soll man da noch sagen? Nach dem 17. Drehbuch Ð immer mehr Qual war es, mich dazu noch zu Ÿberwinden - brach ich ab. Und zwar aus dem Grund, da§ ich nur noch mit denen gestritten hatte: die hatten meine so sorgfŠltig, auch mal raffiniert konstruierten Geschichten bestenfalls als Steinbruch verwendet. Plštzlich fanden sich všllig andere Enden, die lie§en das einfach anders ausgehen. Und wo ich Ÿberhaupt nimmer konnte ist an einem Telephonat abzulesen. Der ãRedakteurÒ (ich kann das Wort nimmer hšren) rief an. Das Drehbuch XY. Da ginge es doch um Kindesmi§brauch? Ja, genau erkannt, das MŠdchen ist mi§braucht worden. Dann solle ich das doch hineinschreiben. Warum? Weil man das hineinschreiben mŸsse, sonst wŸrde es nicht plakativ genug sein, die Sendung brauche Sex, Aufreger. Aber, wandte ich ein, SIE HABEN es ja erkannt? Pause. Dennoch mŸsse ich es hineinschreiben, aus und punktum.

Nachdem ich ohnehin am Ende meiner Nerven war lie§ ich es drauf ankommen, verweigerte nun weitere AuftrŠge, wenn man nicht drehbuchtreuer sei. Die Sendung wurde ja všllig anders gedreht, ich schŠme mich bis heute, meinen Namen in ihren Zusammenhang zu stellen, das Ergebnis hatte nichts mit mir zu tun. Man machte sich nicht einmal die MŸhe, meine VorschlŠge ernsthaft zu diskutieren, wie man Ð und ich bin eh so ein Pragmatiker Ð auch bei kleinstem Budget (wo man natŸrlich dem Urheber, dem Drehbuchschreiber, den geringsten Stellenwert beima§) ein gutes Produkt erhalten kšnnte. Da§ ich das kann habe ich ja lŠngst bewiesen, indem ich auch ãServiceleistungenÒ wie Realisation von Film(ch)en Ÿbernahm, fŸr andere Auftraggeber, die Produkte waren bei schmalstem Budget durchaus gelungen.

Die halbstŸndigen TV-Sendungen, auf der Grundlage meiner DrehbŸcher realisiert, wurden mehrmals wiederholt. Ich hatte meine Rechte aber natŸrlich všllig abgetreten, war nun rechtlos. Austro-Mechana zahlt auch nichts dafŸr: Es sei ein Privatsender, sagten die. Was nie das Grundproblem behebt: Wie soll man seinen Marktwert taxieren, wenn man mit einem ãMarktÒ nichts zu tun hat? Wenn eines Tun einem selber bestenfalls als natŸrlich erscheint, vor allem aber: man selbst als einziger den Ma§stab von Gelungenheit oder Nicht-Gelungenheit kennt. Und nur solange produziert, bis diese Nicht-Gelungenheit Ÿberwunden ist ... Kunst ist primŠr kein Markprodukt, und wenn andere sie dazu heben so ist es ihre Angelegenheit, auch ihre Leistung. Sie sind auch geschickter.

Weil auch ich lange gerungen habe, mšchte ich einen rein praktischen Hinweis weitergeben. Denn ich war auch Unternehmer, war Controller, wei§ also wie und warum zu kalkulieren ist. Setzt man die Notwendigkeit an, ein ãnormalesÒ Leben wie jeder Gemeindebaubewohner zu fŸhren, das man auch ãselbst verdient hatÒ, dazu alle Infrastruktur, die ein ãSelbstŠndigerÒ braucht und vorhalten mu§, so ist jedes Entgelt UNTER XX Euro pro A4-Seite Manuskript Ð ich sage bewu§t pro Seite, nicht pro soundsoviele Zeilen oder AnschlŠge Ð nicht wirklich verantwortbar. Ich habe schmerzhaft gelernt, da§ man den Mut haben MUSZ, fŸr Zweckarbeiten Ð ich habe schreibend immer wieder auch fŸr Unternehmen gearbeitet Ð diesen Betrag als Untergrenze einzuziehen. Man geht fehl in der Annahme, so gezwungen man sich oft zu sehen meint, da§ niedrige Preise irgendwann einmal nach oben korrigierbar sein werden. Wer sein Arbeit zu billig verkauft wird erleben, da§ diese Arbeit in den Augen eines Auftraggebers nicht einmal das wenige Geld wert sein kann. Geld ist eine Kategorie der ãfiguralen WeltÒ, nicht der dazu ãquerstehendenÒ Welt des KŸnstlers, fŸr den sie immer ein fast unmšglicher Spagat sein wird.

GeringschŠtzung der Arbeit Ð einerseits sogar verstŠndlich. Mir freilich stellen sich mittlerweile schon die Nackenhaare auf, wenn ich jemanden sagen hšre: ãGut formuliert, Du kannst echt gut formulieren!Ò Als ob es darum ginge! Man kann etwas nur dann gut formulieren, wenn man ... das Dargestellte noch klarer sieht. Und sich so daran anschmiedet, bis man ihm gemЧ geformt ist. Die Tasten des Tastaturblocks bewegt dann ja das Beschriebene selber, und je freier dieser ãKanalÒ Ð man selbst Ð ist, desto ãbesserÒ (weil wahrer) ist es dann ãformuliertÒ, eigentlich: transponiert, im Wort wieder, noch vollstŠndiger, reiner erstehen gelassen. Das ist unsere eigentliche Leistung. Den Rest kšnnte eine SekretŠrin genauso gut. Deshalb sind ja bei Schreibarbeiten fŸr Unternehmen die SekretŠrinnen oft die grš§ten ãGegner.Ò

PR-AuftrŠge, die ich immer wieder Ÿbernahm - ein allerdings immer mehr von mir reduziertes Standbein meiner Existenz - sind natŸrlich hŠufig ein gefŠhrlicher Gratgang, eine sehr harte PrŸfung der Wahrhaftigkeit. Noch schwieriger als Programme fŸr Parteiveranstaltungen wie einen Wahlkampfauftakt einer kommunalen SP… Ð auch das habe ich schon gemacht. Parteien respektieren eines Freiheit, ja sind tatsŠchlich manchmal Kritik gegenŸber offen - oder sie beauftragen einen eben nicht. Sie wissen, da§ es um Deutungshorizonte geht, die nicht die eines selbst sind, sonst wŠre man ja wie sie Politiker. Firmen aber nicht. Die Arbeit mu§ einen oft genau abgezirkelten Effekt erreichen, weshalb ich dieses Segment mehr und mehr reduzierte. Weil diese gewŸnschte Wirkung immer wieder mit dem eigenen Anspruch nicht Ÿberein zu bringen ist. Wenn auch beileibe nicht immer: PR ist eine hervorragende Schule, das an einem oft belanglosen Gegenstand zu finden, das ihn ein Gut sein lЧt. Und jedes Ding hat irgendein Gutes. PR verlangt nicht eine Einbettung in hšhere Ganze.
Nur abraten kann ich jedem, an Sendeanstalten (in …sterreich) TV-Konzepte oder DrehbŸcher zu schicken. Man darf nŠmlich dann nicht Ÿberrascht sein, die eigenen Ideen nach wenigen Monaten in leicht verŠnderter Form Ÿber den Bildschirm tanzen zu sehen. WŠhrend auf die Zusendungen nicht einmal reagiert wurde ...
Deutsche Sendeanstalten hingegen haben bisher immer ausfŸhrlich geantwortet, sich mit allem sichtlich auseinandergesetzt. Soda§ man sogar lernen konnte, und auch dann vorerst zumindest in der Schublade lie§, was an anderen GrŸnden in der Realisation scheiterte als QualitŠt oder Realisierungsmšglichkeit. Auch DrehbŸcher werden (nicht immer, aber oft) genau gelesen und behandelt. Anders als beim ORF, wo man meist die Vermutung hat, da§ ein bestenfalls personalisierter Textblock F7 zurŸckkommt.
Nicht unerwŠhnt soll bleiben, da§ einer der mšglichen AbsatzmŠrkte Ð Hšrspiel Ð durch die Kostenpolitik des ORF nahezu verschwindet! Walter Benn erzŠhlt mir immer wieder mit Wehmut, aber leuchtenden Augen, wie der ORF ãseinerzeitÒ nicht nur Schauspielern (auch eines meiner v. a. finanziellen Standbeine), sondern eben auch Autoren Existenz bot, in seinen zahlreichen Eigenproduktionen. Traurig. Man wird nach MŸnchen oder Bremen auswandern mŸssen ...

†ber die Tatsache, als unbekannter Autor bei einem kleinen Verlag (Passagen-Verlag) am Markt všllig unterzugehen brauche ich ja niemandem etwas erzŠhlen. Bei gro§en Verlagen unterzukommen ist auch allen dasselbe Problem. Wie nie zuvor gelten eben in der gesamten Kunst- und Medienwelt Namen. Es ist nun mal halt so, wie sind meine ich auch selber mit Schuld daran. Wenn man mitspielt dabei jenen Eigenmythos aufzubauen, der dann auch verkaufsgriffig genug ist, wie es in der bildenden Kunst wie man hšrt schon lŠngst sein soll ...
Wer erwartet denn aber wirklich noch etwas von uns ... wir selber haben das Publikum mit verprellt, das meine ich. Und das hat nicht mit einer vielleicht kontroversiellen Aussage Ð die es ja auf eine Weise immer ist, in der Kunst - zu tun. Wirkliche Kontroverse aber ... gibt es die oft noch? Oder ... gibt es nicht auch darŸber bereits einen dichtverwobenen Mantel der Konvention, wo Ÿberhaupt alles nur noch ãso tut wie man tut wenn man tut als tŠte manÒ? Ich war fast stolz, als einmal in einer Vorstellung eines meiner StŸcke zwei Damen aufstanden und gingen, sie hielten es nicht mehr aus ...

2. EIGENE PROBLEME DES STANDES

 
     
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