| Eine
so genannte "Freie Szene" leidet unter vielem. Da ist
einmal ihr Nimbus, ihr selbstgewŠhlter Status als "au§erhalb"
des sonstigen "Kulturbetriebes" (ein Begriff, der an
sich ein Unsinn ist) samt allem Mšglichen an Anarcho-BezŸgen oder
schlichtweg Dilettantismus, der unte r
dem Deckmantel von "gegen" meint sich tarnen zu kšnnen.
WŠre das mit dem Menschen halt immer so einfach und einfach klassifizierbar
... Es bleibt aber schon die Frage, ob beim Zustand des Wiener
Theaterbetriebes da und dort diese "Freie Szene" nicht
lŠngst nicht nur dialektisches Prinzip Ÿbt, sondern selbst etwas
zu bieten hat, das manches Geschehen an "etablierten"
BŸhnen lŠngst in den Schatten stellt. Ob nicht da und dort Ð wenn
auch nicht immer, aber immer šfter Ð bereits mehr zeitgenšssisches
und wirkliches Theater stattfindet als auf so mancher Iinstution.
Wenn auch sicher nicht in allen oder immer.
Dann darf man
auch spucken, da§ die ProfessionalitŠt solcher Produktionen dort
MŠngel aufweist, wo sie …ffentlichkeit berŸhrt. Vielleicht rechnet
diese Szene Ð in der Regel begeisterte Theatermenschen, nicht
immer gut, aber meist wirklich engagiert Ð gar nicht damit, von
"gro§en Zeitungen" oder gar Bildmedien wahrgenommen
zu werden. Auch hier, auf die einer Besprechung wŸrdige Produktion
"7 Sinners" bezogen gilt das. Sie vergeben sich "lahmarschig"
etwas, aber es ist ihnen nicht zu verŸbeln.
Denn
was da am 30. und 31. JŠnner 2003, jeweils ungefŠhr 20.00 Uhr,
im Hinterhof, im Probenraum des WUK stattfand, verdiente mehr
als von diesen hundert (aber immerhin: Hundert!) Besuchern wahrgenommen
zu werden. Es ist auch mehr als interessant, es zeigte in AnsŠtzen
tatsŠchlich komplettes Theater, das nicht einfach wie heute Ÿblich
destruierte, sondern geschickt mit wirklichen Elementen des Theaters
spielte. Experimentiert, aber nicht einfach halt alles Ÿber Bord
wirft, wie es leider zu oft auch passiert, wo jemand glaubt er
mŸsse die Welt ein zweites mal erfinden Ð und einfach nicht begriffen
hat, da§ vieles einfach schon mal war ... ja, Kritik, auch die
ist an der "Freien Szene" oft mehr als angebracht, sie
ist hŠufig langweiliger als sie selbst glaubt. Aber kennen wir
das nicht auch von etablierten BŸhnen?
Aufgepa§t
aber bei den "7 Sinners" im WUK in der Geiblergasse.
Es war nicht die erste AuffŸhrung, die der Autor, Regisseur und
"Intendant" (welche Verantwortung ... dazu gezwungen
zu sein ist auch eines der Kennzeichen der Freien Szene) Michael
Schubert in die Halle in der Geiblergasse stellte. Ein StŸck "in
progress" Ð aber das mu§ nicht das Schlechteste hei§en. Manchmal
sind diese Leuteln sogar gezwungen, auf einer Stiege zu spielen,
manchmal in fŸrs Theater tšdlichen VHS-SŠlen - auch das eine Existenzbedingung
fŸr Theater, und eine Erprobung von Mut der nur auf der Basis
von †berzeugtheit passieren kann, nicht einfach aus Rebellion,
dann wŠre es blšdsinnige TolkŸhnheit.
Es
ist manches auf den ersten Blick verstšrend, zweifellos. Man betritt
eine Halle, wo niemand wei§, wo Zuschauer- und Spielraum einander
begrenzen. Eintritt? Mu§ man es erwŠhnen? "Wosseichwertis!"
Kritik. Wer was Gutes macht braucht sich nicht schŠmen, davon
auch leben zu kšnnen zu verlangen, ja, zu verlangen! Eine Kultur
die nicht einmal mehr das ermšglicht sollte sich schleunigst nach
Hintertupfing verziehen, sie hat lŠngst ausgeschnauft. Wahrscheinlich
haben wir es nicht mehr weit dorthin. Verstšrung, die man lŠngst
kennt, und die einem auf den ersten Blick aus dem Halse heraushŠngt,
denn oft ist "Theater" schon lŠngst nicht mehr mehr,
und das verlangt rein gar nix an Kšnnen. Auch das sollte einmal
gesagt werden.
Und
dann bricht das Spiel Ÿber einen los, quasi: Ohne Vorwarnung,
Ja, das mu§ man auch gewšhnen, und es ist nicht Unrecht, das nicht
zu mšgen. Aber man
kommt mit dem Schauen nicht zurecht, vermag nur nachher gewisse
allgemeine Linien festzustellen, denn ... es hat einem einfach
gefallen, man war mit dabei Ð man versuche nicht zu zŠhlen, wie
oft einem das am Theater in Wien passiert:
Der
absurde Wortwitz, die grotesk Ÿbersteigerte Handlung, die geschickt
den Realismus am Boden persifliert, erinnern in vielem wohl nicht
zufŠllig an Herbert Achternbusch. Sehr geschickt werden literarische
Stilmittel wie erzŠhlerisches Heraustreten im Wechsel mit StŸckdialog
verwendet und inszeniert. Die Verlagerung auf mehreren SpielstŠtten
gelingt gut, erinnert an die alte DrehbŸhne, nur umgekehrt, denn
hier dreht sich der Zuseher in der Mitte, um den Szenen folgen
zu kšnnen. Sehr gut fŸhrt die Lichtregie zu den jeweiligen SchauplŠtzen,
soda§ man nichts versŠumt und trotz der rŠumlichen Aufgelšstheit
den Fokus auf das Geschehen richten kann. (Bis auf die SŠulen,
die den Blick immer wieder verstellen und unter den Zusehern ein
wenig Wanderchaos anrichten. Aber ... alle wollen folgen ...)
Bemerkenswerte Singstimmen ertšnen, schlicht, aber stark, originŠr.
Das
Spiel ALLER war gerade in seiner †bersteigerung absolut passend
zum Inhalt, gut gelšst, das Ensemble pa§t ausgesprochen gut zusammen,
bietet einen schšnen Farbenmix, auch bei jenen, die man als Laiendarsteller
rasch begreift. Metamorphosen sind absolut nachvollziehbar, nur
selten kann man nicht immer gleich begreifen, in welcher Phase
jemand nun spielt. Aber vielleicht war das gewollt, man ist bereit
das zu akzeptieren Ð Kunst hat ihr wesentliche Stellung erreicht:
AutoritŠt! - ist mancer Part wie ein a-personaler Katalysator,
nur hat sich mir der Sinn nicht einfach aus dem Spiel erschlossen.
Man ist bereit, "im Herzen" zu wahren. Immer aber merkt
man die Spielfreude, auch die hinter den Texten steht, was nicht
nur sehr sympathisch wirkt.
Es
wŠre freilich ein schlechter Dienst, wenn man nicht auch Kritikpunkte
nennen wŸrde. Das zu tun bedeutet zuerst einmal: Ernstnehmen,
und das ist verdient. WŠhrend z.B. eine ausgesprochen gelungene
Exposition (auch im Rahmen des Absurden, das ja nahe der typologischen
Erstarrtheit der Komšdie liegt bzw. mit dieser spielt) in den
ersten zehn, fŸnfzehn Minuten geschafft wird, fŸr die man nur
Bewunderung hegen kann und die man genau verfolgt und eine treibende
Problematik versteht - wo sich sehr schšn jene Konflikte auftun,
die dann wie der LŠufer im Startblock zum StŸckverlauf losschie§en
kšnnen - dršselt sich leider dann die Handlung ziemlich auf.
Die
einzelnen FŠden werden dramaturgisch kaum noch
nachvollziehbar verknŸpft, scheinen sich sogar auseinanderzubewegen,
werden nur dann und wann durch Handlungs- oder Textpassagen notdŸrftig
wieder verbunden, soda§ man nach einer halben Stunde etwa den
†berblick Ÿber die Handlung verliert weil sich Unmotiviertheit
(auch bei BerŸcksichtigung der absurden †bersteigerung) immer
mehr breitmacht. Dann sieht man auf die Uhr. Ja, man meint verstanden
zu haben was gesagt werden sollte, es kommt ja schlu§endlich in
Worten explizit zum Ausdruck: Alles lŠuft so weiter und weiter.
Aus dem StŸck aber hŠtte man das ehrlich gesagt nicht wirklich
entnommen. Das kann aber auch mit den rŠumlichen Inszenierungsbedingungen
zu tun haben, ganz einfach. Dann mŸ§te man sagen: Los, mehr ProfessionalitŠt,
mehr Erfahrung, hier ist das nicht so und so lšsbar. Aber ...
diese Mšglichkeit scheint eben mšglich! Das StŸck bietet diesen
Sukkus.
Das
"Genughaben" ist natŸrlich die Gefahr des Absurden (das
Groteske hat ja wieder andere Entstehensbedingungen, ist ein Spiel
mit dem Realismus und insofern selbst realistisch), das man nŠmlich
nur eine bestimmte Zeit ertrŠgt, das ist das eine. Aber auch innerhalb
des Absurden gibt es soetwas wie aufzubauende Spannung, soda§
das Mittel des wie aussteigenden "blo§ Interessanten"
dann zuwenig ist. Mit Text "notdŸrftig" zu verklittern
ist dann legitim und zu schwach. Das meint man auch am 30./31.
gesehen zu haben. Mittendrin ist man sich plštzlich nicht mehr
sicher, ob es sich hier nicht doch um eine reine Performance handelte,
und nicht um ein StŸck. Als Performance wŠre es jedoch deutlich
zu schwach.
Zudem
leidet die AuffŸhrung etwas unter "†bersexualisierung."
Wenn auch teilweise die Erotik absolut legitimes und wahres Element
dabei ist (man mu§ also keineswegs gegen eine gerechte Darstellung
mit realistischen Mitteln sein, das kann auch seine Berechtigung
haben, und hat es in dem StŸck von Michael Schubert sogar) und
auch als Stilmittel akzeptiert werden kann, so ufert sie im vorliegenden
Fall immer wieder Ÿber ein Ma§ aus, das zwar noch zum StŸck gehšrt
aber wie unnštiger Speckansatz wirkt. Sex auf der BŸhne ist lŠngst
langweilig, vielleicht hat sich das noch nicht Ÿberall herumgesprochen.
Auch
sei erlaubt zu erwŠhnen, da§ wer als Veranstalter heraustritt,
also aus dem reinen Darstellen, wie es die Kunst verlangt, in
die figurale Verantwortungswelt tritt, einen Hinweis anbringen
mŸ§te, da§ das StŸck eine Altersmindestgrenze hat. Verzopft? Naja.
So
ist einem nŠmlich bei dem kleinen Engel Ð ein Kind, vielleicht
zwšlf, die pure Unschuld Ð in den Verpurzelungen die stattfinden
nicht immer wohl. Bei dceren Figur man Ÿbrigens nicht gleich mitbekommt,
was ihr Auftreten bedeutet. Man macht sich lange seinen eigenen
Reim, weil man schon viel gewšhnt ist und dazureimt. Sachlich:
Sehr lange wei§ man nicht was das MŠderl soll, aber vielleicht
war das auch so gewollt, auch legitim. Ansonsten eine ganz lieber
StŸckidee. Vielleicht wŸrde sich dieser Eindruck aber auflšsen,
wenn manche Passagen straffer zueinandergefŸgt wŠren. So kann
vieles auch einfach an gewissen Bedinungen der Inszenierung liegen.
Aus dem vorhandenen niedergeschriebenen Text ist es schwer, Gelungenheit
oder nicht zu beurteilen, zu sehr wandelt diese Inszenirung ab.
Der ursprŸngliche Gedanke Ð jede Figur von einer der sieben TodsŸnden
geprŠgt Ð mag immanetisiert worden sein, er findet sich nicht
mehr explizit, man glaubt auch nach dem Ende der zwei Stunden
an ein StŸck und daran, eine Handlung gesehen zu haben.
Nein,
es ist nichts zu beschšnigen, aber auch nichts wegzunehmen, eben:
Das StŸck selbst ist nicht in allem ausgereift, jeder Theatertheoretiker
wird das erkennen, doch das wŠre mit einigen dramaturgigen Griffen
behebbar. Denn diese Unausgereiftheit ist an sich eine Art Triebmotor
und wird professionell wie man es an gro§en BŸhen oft wŸnschen
wŸrde zu einer Reife getrieben, die man wenigstens ahnt Ð und
die ZeitgemЧheit bedeutet, und der man gerne zusieht. DAS SUCHT
EBEN DAS THEATER HEUTE, das so ringt um seine Rolle in unserer
Kultur.
Fazit:
Eine beachtliche Inszenierung sowie ein beachtlicher StŸckentwurf,
der Ÿber das blo§ "Interessante" in typologisierter
"Commedia"-Art hinaustritt, ein in wesensbedingter VorlŠufigkeit
aktualistisches Konzept skiziiert, das jedoch eine legitime Auseinandersetzung
mit Darstellung und Theater sowie Gegenwart bringt. Das alles
in das Groteske geschicht akzentuierendem "improvisiertem"
Rahmen (WUK-Probenraum, in Cooperation mit VOT, Geibelgasse, 1140
Wien), der professionalisiert eingesetzt wurde. Mit zuerkennendem
Lob fŸr eine saubere und stimmige Leistung sŠmtlicher Beteiligter,
ob in Technik oder Schauspiel.
Und
das mehr als aufmerksam macht auf das, was in der Wiener "Freien
Szene" vorhanden ist und mehr als "gro§mŸtige"
Beachtung verdiente, als so mancher Rahmen, der darŸber gestŸlpt
wird, vermuten lassen wŸrde. "7 Sinners" mi§braucht
eben nicht das Wohwollen, das Ÿber vieles in dieser vor Leben
Ð wenn auch oft genug in Scheinleben! - pulsierenden Szene gestŸlpt
wird und den Kritiker staunen lЧt. Es will ernstgenommen werden,
und da beginnen wir von Kunst zu reden. Und da beginnt sich diese
Szene allmŠhlich zu etablieren, ohne sich lŠhmen zu lassen.
Im
Herbst wird Gelegenheit sein, an anderem Spielort eine weitere
Variante dieser bemerkenswerten Produktion zu sehen. Angeblich
kocht Michael Schubert bereits an einem FolgestŸck. FolgestŸck?
Das erste ist ja nicht fertig? Ð Wir werden berichten.
"7 Sinners"
von und mit Michael Schubert; weitere Darsteller: Anneliese Iben,
Ines Ršssl, Christian Rajchl u.a.
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