NICHT IMMER Ð ABER IMMER …FTER

Freie Theaterszene in Wien Ð LŠngst mehr als Antinomie?

Am Beispiel "7 Sinners" vom Autor und Schauspieler Michael Schubert

 Eine so genannte "Freie Szene" leidet unter vielem. Da ist einmal ihr Nimbus, ihr selbstgewŠhlter Status als "au§erhalb" des sonstigen "Kulturbetriebes" (ein Begriff, der an sich ein Unsinn ist) samt allem Mšglichen an Anarcho-BezŸgen oder schlichtweg Dilettantismus, der unte"7 Sinners - von Michael Schubertr dem Deckmantel von "gegen" meint sich tarnen zu kšnnen. WŠre das mit dem Menschen halt immer so einfach und einfach klassifizierbar ... Es bleibt aber schon die Frage, ob beim Zustand des Wiener Theaterbetriebes da und dort diese "Freie Szene" nicht lŠngst nicht nur dialektisches Prinzip Ÿbt, sondern selbst etwas zu bieten hat, das manches Geschehen an "etablierten" BŸhnen lŠngst in den Schatten stellt. Ob nicht da und dort Ð wenn auch nicht immer, aber immer šfter Ð bereits mehr zeitgenšssisches und wirkliches Theater stattfindet als auf so mancher Iinstution. Wenn auch sicher nicht in allen oder immer.

Dann darf man auch spucken, da§ die ProfessionalitŠt solcher Produktionen dort MŠngel aufweist, wo sie …ffentlichkeit berŸhrt. Vielleicht rechnet diese Szene Ð in der Regel begeisterte Theatermenschen, nicht immer gut, aber meist wirklich engagiert Ð gar nicht damit, von "gro§en Zeitungen" oder gar Bildmedien wahrgenommen zu werden. Auch hier, auf die einer Besprechung wŸrdige Produktion "7 Sinners" bezogen gilt das. Sie vergeben sich "lahmarschig" etwas, aber es ist ihnen nicht zu verŸbeln.

Denn was da am 30. und 31. JŠnner 2003, jeweils ungefŠhr 20.00 Uhr, im Hinterhof, im Probenraum des WUK stattfand, verdiente mehr als von diesen hundert (aber immerhin: Hundert!) Besuchern wahrgenommen zu werden. Es ist auch mehr als interessant, es zeigte in AnsŠtzen tatsŠchlich komplettes Theater, das nicht einfach wie heute Ÿblich destruierte, sondern geschickt mit wirklichen Elementen des Theaters spielte. Experimentiert, aber nicht einfach halt alles Ÿber Bord wirft, wie es leider zu oft auch passiert, wo jemand glaubt er mŸsse die Welt ein zweites mal erfinden Ð und einfach nicht begriffen hat, da§ vieles einfach schon mal war ... ja, Kritik, auch die ist an der "Freien Szene" oft mehr als angebracht, sie ist hŠufig langweiliger als sie selbst glaubt. Aber kennen wir das nicht auch von etablierten BŸhnen?

Aufgepa§t aber bei den "7 Sinners" im WUK in der Geiblergasse. Es war nicht die erste AuffŸhrung, die der Autor, Regisseur und "Intendant" (welche Verantwortung ... dazu gezwungen zu sein ist auch eines der Kennzeichen der Freien Szene) Michael Schubert in die Halle in der Geiblergasse stellte. Ein StŸck "in progress" Ð aber das mu§ nicht das Schlechteste hei§en. Manchmal sind diese Leuteln sogar gezwungen, auf einer Stiege zu spielen, manchmal in fŸrs Theater tšdlichen VHS-SŠlen - auch das eine Existenzbedingung fŸr Theater, und eine Erprobung von Mut der nur auf der Basis von †berzeugtheit passieren kann, nicht einfach aus Rebellion, dann wŠre es blšdsinnige TolkŸhnheit.

Es ist manches auf den ersten Blick verstšrend, zweifellos. Man betritt eine Halle, wo niemand wei§, wo Zuschauer- und Spielraum einander begrenzen. Eintritt? Mu§ man es erwŠhnen? "Wosseichwertis!" Kritik. Wer was Gutes macht braucht sich nicht schŠmen, davon auch leben zu kšnnen zu verlangen, ja, zu verlangen! Eine Kultur die nicht einmal mehr das ermšglicht sollte sich schleunigst nach Hintertupfing verziehen, sie hat lŠngst ausgeschnauft. Wahrscheinlich haben wir es nicht mehr weit dorthin. Verstšrung, die man lŠngst kennt, und die einem auf den ersten Blick aus dem Halse heraushŠngt, denn oft ist "Theater" schon lŠngst nicht mehr mehr, und das verlangt rein gar nix an Kšnnen. Auch das sollte einmal gesagt werden.

Und dann bricht das Spiel Ÿber einen los, quasi: Ohne Vorwarnung, Ja, das mu§ man auch gewšhnen, und es ist nicht Unrecht, das nicht zu mšgen. Aber man"7 Sinners" - von Michael Schubert kommt mit dem Schauen nicht zurecht, vermag nur nachher gewisse allgemeine Linien festzustellen, denn ... es hat einem einfach gefallen, man war mit dabei Ð man versuche nicht zu zŠhlen, wie oft einem das am Theater in Wien passiert:

Der absurde Wortwitz, die grotesk Ÿbersteigerte Handlung, die geschickt den Realismus am Boden persifliert, erinnern in vielem wohl nicht zufŠllig an Herbert Achternbusch. Sehr geschickt werden literarische Stilmittel wie erzŠhlerisches Heraustreten im Wechsel mit StŸckdialog verwendet und inszeniert. Die Verlagerung auf mehreren SpielstŠtten gelingt gut, erinnert an die alte DrehbŸhne, nur umgekehrt, denn hier dreht sich der Zuseher in der Mitte, um den Szenen folgen zu kšnnen. Sehr gut fŸhrt die Lichtregie zu den jeweiligen SchauplŠtzen, soda§ man nichts versŠumt und trotz der rŠumlichen Aufgelšstheit den Fokus auf das Geschehen richten kann. (Bis auf die SŠulen, die den Blick immer wieder verstellen und unter den Zusehern ein wenig Wanderchaos anrichten. Aber ... alle wollen folgen ...) Bemerkenswerte Singstimmen ertšnen, schlicht, aber stark, originŠr.

Das Spiel ALLER war gerade in seiner †bersteigerung absolut passend zum Inhalt, gut gelšst, das Ensemble pa§t ausgesprochen gut zusammen, bietet einen schšnen Farbenmix, auch bei jenen, die man als Laiendarsteller rasch begreift. Metamorphosen sind absolut nachvollziehbar, nur selten kann man nicht immer gleich begreifen, in welcher Phase jemand nun spielt. Aber vielleicht war das gewollt, man ist bereit das zu akzeptieren Ð Kunst hat ihr wesentliche Stellung erreicht: AutoritŠt! - ist mancer Part wie ein a-personaler Katalysator, nur hat sich mir der Sinn nicht einfach aus dem Spiel erschlossen. Man ist bereit, "im Herzen" zu wahren. Immer aber merkt man die Spielfreude, auch die hinter den Texten steht, was nicht nur sehr sympathisch wirkt.

Es wŠre freilich ein schlechter Dienst, wenn man nicht auch Kritikpunkte nennen wŸrde. Das zu tun bedeutet zuerst einmal: Ernstnehmen, und das ist verdient. WŠhrend z.B. eine ausgesprochen gelungene Exposition (auch im Rahmen des Absurden, das ja nahe der typologischen Erstarrtheit der Komšdie liegt bzw. mit dieser spielt) in den ersten zehn, fŸnfzehn Minuten geschafft wird, fŸr die man nur Bewunderung hegen kann und die man genau verfolgt und eine treibende Problematik versteht - wo sich sehr schšn jene Konflikte auftun, die dann wie der LŠufer im Startblock zum StŸckverlauf losschie§en kšnnen - dršselt sich leider dann die Handlung ziemlich auf.

Die einzelnen FŠden werden dramaturgisch kaum nochSzenenphoto "7 Sinners" - von Michael Schubert nachvollziehbar verknŸpft, scheinen sich sogar auseinanderzubewegen, werden nur dann und wann durch Handlungs- oder Textpassagen notdŸrftig wieder verbunden, soda§ man nach einer halben Stunde etwa den †berblick Ÿber die Handlung verliert weil sich Unmotiviertheit (auch bei BerŸcksichtigung der absurden †bersteigerung) immer mehr breitmacht. Dann sieht man auf die Uhr. Ja, man meint verstanden zu haben was gesagt werden sollte, es kommt ja schlu§endlich in Worten explizit zum Ausdruck: Alles lŠuft so weiter und weiter. Aus dem StŸck aber hŠtte man das ehrlich gesagt nicht wirklich entnommen. Das kann aber auch mit den rŠumlichen Inszenierungsbedingungen zu tun haben, ganz einfach. Dann mŸ§te man sagen: Los, mehr ProfessionalitŠt, mehr Erfahrung, hier ist das nicht so und so lšsbar. Aber ... diese Mšglichkeit scheint eben mšglich! Das StŸck bietet diesen Sukkus.

Das "Genughaben" ist natŸrlich die Gefahr des Absurden (das Groteske hat ja wieder andere Entstehensbedingungen, ist ein Spiel mit dem Realismus und insofern selbst realistisch), das man nŠmlich nur eine bestimmte Zeit ertrŠgt, das ist das eine. Aber auch innerhalb des Absurden gibt es soetwas wie aufzubauende Spannung, soda§ das Mittel des wie aussteigenden "blo§ Interessanten" dann zuwenig ist. Mit Text "notdŸrftig" zu verklittern ist dann legitim und zu schwach. Das meint man auch am 30./31. gesehen zu haben. Mittendrin ist man sich plštzlich nicht mehr sicher, ob es sich hier nicht doch um eine reine Performance handelte, und nicht um ein StŸck. Als Performance wŠre es jedoch deutlich zu schwach.

Zudem leidet die AuffŸhrung etwas unter "†bersexualisierung." Wenn auch teilweise die Erotik absolut legitimes und wahres Element dabei ist (man mu§ also keineswegs gegen eine gerechte Darstellung mit realistischen Mitteln sein, das kann auch seine Berechtigung haben, und hat es in dem StŸck von Michael Schubert sogar) und auch als Stilmittel akzeptiert werden kann, so ufert sie im vorliegenden Fall immer wieder Ÿber ein Ma§ aus, das zwar noch zum StŸck gehšrt aber wie unnštiger Speckansatz wirkt. Sex auf der BŸhne ist lŠngst langweilig, vielleicht hat sich das noch nicht Ÿberall herumgesprochen.

Auch sei erlaubt zu erwŠhnen, da§ wer als Veranstalter heraustritt, also aus dem reinen Darstellen, wie es die Kunst verlangt, in die figurale Verantwortungswelt tritt, einen Hinweis anbringen mŸ§te, da§ das StŸck eine Altersmindestgrenze hat. Verzopft? Naja.

So ist einem nŠmlich bei dem kleinen Engel Ð ein Kind, vielleicht zwšlf, die pure Unschuld Ð in den Verpurzelungen die stattfinden nicht immer wohl. Bei dceren Figur man Ÿbrigens nicht gleich mitbekommt, was ihr Auftreten bedeutet. Man macht sich lange seinen eigenen Reim, weil man schon viel gewšhnt ist und dazureimt. Sachlich: Sehr lange wei§ man nicht was das MŠderl soll, aber vielleicht war das auch so gewollt, auch legitim. Ansonsten eine ganz lieber StŸckidee. Vielleicht wŸrde sich dieser Eindruck aber auflšsen, wenn manche Passagen straffer zueinandergefŸgt wŠren. So kann vieles auch einfach an gewissen Bedinungen der Inszenierung liegen. Aus dem vorhandenen niedergeschriebenen Text ist es schwer, Gelungenheit oder nicht zu beurteilen, zu sehr wandelt diese Inszenirung ab. Der ursprŸngliche Gedanke Ð jede Figur von einer der sieben TodsŸnden geprŠgt Ð mag immanetisiert worden sein, er findet sich nicht mehr explizit, man glaubt auch nach dem Ende der zwei Stunden an ein StŸck und daran, eine Handlung gesehen zu haben.

Nein, es ist nichts zu beschšnigen, aber auch nichts wegzunehmen, eben: Das StŸck selbst ist nicht in allem ausgereift, jeder Theatertheoretiker wird das erkennen, doch das wŠre mit einigen dramaturgigen Griffen behebbar. Denn diese Unausgereiftheit ist an sich eine Art Triebmotor und wird professionell wie man es an gro§en BŸhen oft wŸnschen wŸrde zu einer Reife getrieben, die man wenigstens ahnt Ð und die ZeitgemЧheit bedeutet, und der man gerne zusieht. DAS SUCHT EBEN DAS THEATER HEUTE, das so ringt um seine Rolle in unserer Kultur.

Fazit: Eine beachtliche Inszenierung sowie ein beachtlicher StŸckentwurf, der Ÿber das blo§ "Interessante" in typologisierter "Commedia"-Art hinaustritt, ein in wesensbedingter VorlŠufigkeit aktualistisches Konzept skiziiert, das jedoch eine legitime Auseinandersetzung mit Darstellung und Theater sowie Gegenwart bringt. Das alles in das Groteske geschicht akzentuierendem "improvisiertem" Rahmen (WUK-Probenraum, in Cooperation mit VOT, Geibelgasse, 1140 Wien), der professionalisiert eingesetzt wurde. Mit zuerkennendem Lob fŸr eine saubere und stimmige Leistung sŠmtlicher Beteiligter, ob in Technik oder Schauspiel.

Und das mehr als aufmerksam macht auf das, was in der Wiener "Freien Szene" vorhanden ist und mehr als "gro§mŸtige" Beachtung verdiente, als so mancher Rahmen, der darŸber gestŸlpt wird, vermuten lassen wŸrde. "7 Sinners" mi§braucht eben nicht das Wohwollen, das Ÿber vieles in dieser vor Leben Ð wenn auch oft genug in Scheinleben! - pulsierenden Szene gestŸlpt wird und den Kritiker staunen lЧt. Es will ernstgenommen werden, und da beginnen wir von Kunst zu reden. Und da beginnt sich diese Szene allmŠhlich zu etablieren, ohne sich lŠhmen zu lassen.

Im Herbst wird Gelegenheit sein, an anderem Spielort eine weitere Variante dieser bemerkenswerten Produktion zu sehen. Angeblich kocht Michael Schubert bereits an einem FolgestŸck. FolgestŸck? Das erste ist ja nicht fertig? Ð Wir werden berichten.

"7 Sinners" von und mit Michael Schubert; weitere Darsteller: Anneliese Iben, Ines Ršssl, Christian Rajchl u.a.

 

 
 
     
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