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Die
LŸge, die Frau, und die Gewalt
"Die
Unterrichtsstunde" von E. Ionesco im Theaterbrett (AnlЧlich
der Premiere vom 30. August 2003)
Thematische
Arbeit von Eberhard Wagner
Braucht
es im Jahre 2003 noch Mut, Ionesco Ð und gar dieses StŸck, uraufgefŸhrt
1951 Ð auf die BŸhne zu bringen? Immerhin steht
es fast im Rang einer Ikone, wird in Paris im Theatre de la Huchette
seit Ÿber vierzig Jahren ohne Unterbrechung aufgefŸhrt. Geht man
in diesen Tagen ins Wiener Theaterbrett, wo ein engagiertes Team
Ð sogar die †bersetzung wurde von Franziska Dorau neu geleistet
- rund um den Jungregisseur Frank Ršpke, der hier seine Debutarbeit
abliefert, wŸrde man prompt sagen: Warum? Auch das Premierenpublikum
vom 30. August Ð immerhin war der Saal bis auf den letzten Platz
gefŸllt Ð scheint alles andere als aufgeregt.
Kein
"choque" im Gesicht, sondern rundum zufrieden, es war
ein netter Theaterabend, nicht langweilig. Da vorne, da hat sich
in einer Szenerie, die mit wenigen Mitteln effektiv den Spielraum
schaffte, mit gerade genug an Requisite um der Phantasie alle
nštigen Hinweise zu geben, was sie zu ergŠnzen habe, beschleicht
eine gute Stunde ein hagerer Professor eine unschuldig-kokette
SchŸlerin, manchmal von der Bedienerin gestšrt, ehe er sie am
Schlu§ mit einem gedachten Messer umbringt. Nachdem sie wŠhrend
der ganzen Zeit einen Dialog gefŸhrt hatten. Da und dort witzig,
im Vortrag flott und nie langweilig, und immer wieder gerade rechtzeitig
vor dem Ermatten des Ohres mit einem HŠuchelchen von Burleske
zum Lachen auffordernd. Die Wortgefechte scheinen sinnlos, zumindest
gewinnt man nicht den Eindruck, als wŸrden sie tatsŠchlich etwas
zu einer Handlungssteigerung beitragen. Aha, das Absurde, mšglicherweise,
und: Es stšrt ja gar nicht, denkt man. Man beklatscht zum Schlu§
die Leistung, keiner hat gepatzt, und sie haben Figuren gezeigt.
Nett. Nett, jawohl, ein Theaterabend den man nicht bereut, fast
bieder, man war vielleicht auf anderes gefa§t.
Und
so geht man zum kŸhlen Bier Ÿber, hšrt am Nebentisch zaghafte
Versuche, Ÿber einen mšglichen Sinn des StŸcks zu sprechen, was
meist mi§lingt. Da war was mit Frau und Mann. Und das Wort "politsch"
hat man noch verstanden. Ganz zum Schlu§.
Betrachtet
man eine AuffŸhrung, will sie kritisieren, so kann man das nur
vor dem Hintergrund des StŸcks und der Intention des Autors (wobei
diese ihm gar nicht bewu§t gewesen sein mu§) selbst. Dem steht
die Reaktion gegenŸber. So lЧt sich Gelingen ablesen. Dabei gibt
es zwei Gradmesser dieses "Gelingens": Jenen Teil des
Publikums, das einen Theaterabend einfach als das konsumieren
soll, als was er sich ihm darstellt, nicht mehr. Das Volk, sagen
wir mal. Und dann noch der Teil, der hinterfrŠgt, ob Ursache und
Wirkung in einem VerhŠltnis zueinander stehen, von dem man dann
sagen kann, da§ eine Absicht aufgegangen ist Ð ein Werk somit
gelungen ist. Nein, niemand will verkŸrzen und sagen: Das Nicken
oder KopfschŸtteln der Leuteln auf den SitzplŠtzen wŠre ein Gradmesser
fŸr Gelungenheit. Man trifft sie ja immer auch im RŸcken, sie
laufen dann durchs Leben mit Spicknadeln im GesЧ, die sie nicht
identifizieren kšnnen.
Aber
gehen wir ins StŸck, zum Autor, und fragen wir uns dann, ob der
Speer ein Speer war, das Messer ein Messer, und ob hier Spicknadeln
angebracht, das von Ionesco geschmiedete Schwert recht gefŸhrt
war. Und warum.
Die
Geschichte
Die
Geschichte selbst scheint auf den ersten Blick nicht viel herzugeben.
Verpackt in eine eigentŸmliche Handlung, die zwar in Mord endet,
aber kein Krimi ist, in der dauernd gequatscht wird, die aber
keinen normalen Dialog bietet mit dem man meint etwas anfangen
zu kšnnen, kommt eine SchŸlerin ins Haus des Professors. Seine
vierzigste an diesem Tag, wie man dann hšrt. Der Professor ist
erst hšflicher, beginnt den Unterricht mit lŠcherlich banalen
Fragen, die die SchŸlerin natŸrlich lšst, woraufhin sie mit grotesk
Ÿbersteigertem Lob ŸberhŠuft wird. Ja, sie sei als Kandidatin
fŸr alle hohen Doktoratsweihen geeignet, denn den Hauptort von
Frankreich zu wissen, oder wieviel 1 + 1 ist, das bedeute Bildung
genug. Schlie§lich werden die Antworten bereits verwirrend falsch,
dennoch unterbrochen durch geniale Lšsungen wie die Kopfrechnung
im Quintillionenbereich, die Fragen werden noch eigentŸmlicher,
es scheint auf sie gar keine Antworten mehr zu geben, die SchŸlerin,
die sich anfangs noch wehrte, Paroli bot, gibt auf, kann dem philologischen
Unterricht wie der Zuschauer schlie§lich gar nicht mehr folgen,
ist entnervt, schlie§lich wie paralysiert, wimmert etwas von Zahnweh,
die Bedienerin warnte ja lŠngst, das MŠdchen versteht gar nichts
mehr, der Professor steigert sich in einen scheint's sinnlosen
Monolog, kreist sein Opfer ein, um es schlie§lich mit einem unsichtbaren
Messer zu erstechen. Das HausmŠdchen kommt, macht dem Professor
halbherzig VorwŸrfe, deckt ihn aber und hilft, die Spuren des
Verbrechens zu beseitigen. Kaum ist dies erledigt, lŠutet es an
der TŸr: Die nŠchste SchŸlerin, das gleiche Spiel.
Was
ist das Absurde? Was machte Ionesco?
Wenn
man von der GŸltigkeit einer Interpretation, einer These sprechen
kann dann mu§ man jener Definition den Vorzug geben, die sŠmtliche
Teile, Fakten zum einen birgt, zum anderen in einem Zusammenhang
ordnen kann, der alles erhellt, Sinn entbirgt. Damit wird ein
Ganzes auch dem Geist erkennbar Ð ein Kriterium von Kunst und
Werk, das Freiheit von ZufŠlligkeit bedeutet, sonst spricht man
ja bestenfalls von einem Ergebnis. Dem Menschen als Person Ð mit
Selbststand Ð kommt dies als WŸrde zu. Das macht ihn gottŠhnlich.
Bedeutet
das also Absenz von SpontaneitŠt? Keineswegs. Vielmehr mu§ der
Mensch als in der Wahrhaftigkeit gereinigter (gelŠuterter) "Werkapparat"
gesehen werden. Zumal der KŸnstler, der aus dem abstrakten Einigungspunkt
heraus, in dem alles enthalten ist, eine ganze Welt schafft, einen
Kosmos, wie ein BŸhnenwerk ihn bedeutet. Somit mu§ von Sinn gesprochen
werden kšnnen, aus dem heraus sich das Einzelne ordnet. Und also
mu§ auch beim Werk von Ionesco von Sinn gesprochen
werden kšnnen, vorausgesetzt ... er war KŸnstler und nicht Scharlatan.
Nun
haben wir es hier aber mit einem absurden Werk zu tun. Bedeutet
absurd denn nicht die Abwesenheit von Sinn, gerade als Metapher
auf die heutige Welt? Ionesco ordnet das StŸck als "drama
comique" ein, als komisches Drama, eigentlich aber schon
ein Wortspiel, wofŸr der Autor ja auch bekannt war. Das bedeutet,
da§ er ein Drama meinte. Ein Drama. Keine Farce, keine Komšdie,
keine Tragšdie, keine Performance etc. Ein Drama. Und Ionesco
war ausgezogen, die Dramenform der Zeit anzumessen, seinem Impuls
zu folgen. Und er hat auch lange damit gerungen, kam erst in seinen
spŠteren Werken Ÿber die Form des Einakter hinaus. Was aber kennzeichet
nun ein Drama? Und was ist das VerŠnderte, das uns bei Ionesco
entegegentritt?
Wer
seine theoretischen Schriften kennt wei§, da§ der Autor nicht
nur einer der zahlreichen Proponenten einer Bewegung war, die
tief von einem Neokatholizismus (in der Philosphie begleitet von
Neoscholastik bzw. der schlie§lich "getauften" PhŠnomenologie,
die nicht Symbolismus ist, aber auch nicht esoterische Gestaltphantasiererei
ist) bzw. der Auseinandersetzung damit geprŠgt war, die einen
regelrechten Block an hochrangigen Schriftstellern nŠhrte. Ionesco,
Eliot, Becket, Greene, Ball, Mauriac, Malraux, Vian, selbst Shaw
und Genet oder Sarte und Camus, gewi§ aber Exupery, Chesterton,
Jones, Maritain ... Vielfach aus historischen GrŸnden konzentriert
auf Frankreich, auf Paris.
Hier
lebte nicht nur eine blutvolle Auseinandersetzung mit abendlŠndischer
Metaphysik (die ja grundsŠtzlich davon ausgeht, da§ der Erkennen
am Dinge hŠngt, die Welt der Gestalten der TrŠger von Wahrheit
ist) Ð und Ionesco war zutiefst Metaphysiker Ð sondern diese KŸnstler
schŠlten das Individuum neu in seiner Bedeutung heraus, riefen
dabei das Bewu§te, das zunehmend als der Mensch selbst angesehen
wurde, auf seinen Platz zurŸck.
Nicht
zuffŠllig: Ausgehend von den geistigen Stršmungen eines zunehmend
niedergehenden Europa stie§en die Vipern der Romantik zu. "Cogito
Ð ergo sum" Ð damit hatte Descartes den Startschu§ zu einer
ausschlie§lichen Definition des Menschen Ÿber Sprache gegeben,
damit zerfiel er aber. Das dem Kulturganzen durch Auflšsung Fehlende
wurde zunehmend dadurch ersetzte, als das Abhandengekommene zu
einem Ding an sich wurde (Nationalismus, PŠdagogik, Ideologien,
Idealismen und Ideologien) Schlie§lich hatte sich im ersten Weltkrieg
die alte Welt endgŸltig aufgelšst, .
Die
freiwerdende Sehnsucht nach einer ErgŠnzung zu einem Sinnganzen
hatte in ganz Europa einen Sturm an Ideologien entfacht, der reihum
in Totalitarismen seinen Hšhepunkt fand, die lŠnderweise nur graduell
unterschieden war. Neue Hierarchien lšsten die alten ab. Was grob
vereinfacht als "stŠndische Zufriedenheit" dieser Metaphysik
gemЧ eine Art Bescheidenheit im ganzheitlichen Sinn Ð im Gro§en
wie im Kleinen Ð geschaffen hatte weil dem Wesen des Menschen
naturgemЧ war, wurde durch Auflšsung der identitŠtsstifenden
Kulturmerkmale und Institutionen zu einem Treibgut, das jeder
an sich rei§en konnte. Soferne er entwurzelt genug war, den Bedingungen
der neuen Elitewerdung zu genŸgen. War zuvor Bildung eine Frage
der Persšnlichkeit, war es nun ein vermeintlich jedem offenstehendes,
leicht zu ergreifendes Gut der Macht Ð fŸr Ionesco: Der Gewalt.
Man mu§te nur die PrŸfungen bestehen.
Erkenntnis,
Bildung war zu einem taxativen AufzŠhlen von SŠtzen geworden und
ist es an den MassenuniversitŠten erst recht heute. Wissen ohne
Persšnlichkeit aber fŸhrt zu einer Hšrigkeit, zu einer neuen,
nie dagewesenen Machtstellung der AutoritŠten, ob Professoren
oder Politiker. Denn wo nicht der gemeine Menschenverstand Ð jene
sens ratio, die allen gleicherma§en zur VerfŸgung steht Ð gilt,
dort kann nur noch geglaubt, nachgeplappert werden. Sprache wird
Ð wie in den Ideologien Ð entleert, ihre immanente Logik wird
durch beliebigen Bezugsrahmen ausgehšhlt und zum Selbstzweck.
So wird mit der Wahrheit gelogen, der Schritt vollzieht sich fast
unmerklich. Ideologie als mi§brauchte Sprache und somit als Machtinstrument.
Wenn aber niemand mehr versteht Ð wird Sprechen sinnlos, die Sprache
stirbt als gemeinschaftsstiftendes Element.
Diese
Entwertung wahrer Erkenntnis durch Entwertung der Sprache hatten
nun zwei Generationen von Menschen, von KŸnstlern erlebt. Und
nicht nur das: Sie standen nun in Gesellschaftssystemen, die diesen
Mi§brauch der Wahrheit in der LŸge zur herrschenden Macht aufsteigen
und obsiegen hatten sehen. Sie selbst standen nun diesen den Menschen
verachtenden Gewaltsystemen fast ohnmŠchtig gegenŸber. Jedes Wort
war mi§brauchbar, auch das ihre, denn jede Aussage kann durch
Wechsel des Bezugspunktes in ihr Gegenteil verkehrt werden. Und
daraus entstand das, was den Menschen vereinsamte, auf sich zurŸckwarf
wie -wirft: Im Verlust der Sprache als Kommunikationsebene, der
Wahrheit als Gemeinschaftsstiftendes ist der Mensch der Sinn-
und Beziehungslosigkeit ausgeliefert. Sein Reden wird zum Geplappere,
seine Physiognomie nimmt eine ganz andere und unbewu§te, im DrŠngen
seines Seins grundgelegte Richtung Ð letztlich einem Ausweg vom
Tod zu.
Aus
diesem Erleben und Erkennen heraus (das Ionesco wohl endgŸltig
bei seiner BeschŠftigung als Verlagskorrektor erwuchs) entstand
diese Ð klassische - Absurde. Als resignierter Verzicht auf Gesagtes,
auf vermeintliche Aussage, und als Konzentration auf das, was
eine Aussage wertet, beleuchtet: Das Erlebte, als den Menschen,
das Volk weit mehr bestimmende Grš§e. Nur die Wucht beobachteter
Geschehnisse konnte diesen Panzer knechtender LŸge, die in vielen
wahren
SŠtzen so gut getarnt war, durchsto§en. Zwar nicht vom Rationalen
ausgehend, aber nicht irrational sondern schlie§lich dem Rationalen
sehr wohl zugŠnglich. Mit der ganz besonderen Rolle des Humors
darin, der von einem nahtlosen †bergang vom Tragischen ins Komische
lebt.
Er
bedient sich des "Normalen" das seine AbsurditŠt nur
aus einem willkŸrlichen Wechsel des Bezugspunktes erfŠhrt, der
es irrational macht. Im Humor als menschengemЧem, fast selbstheilerischen
Mittel aber wird der Mensch aus der BedrŸckung des Sinnlosen herausgeholt,
und zwar eigentlich durch Vor-Augen-FŸhren des mit Schrecken erwarteten
Endes einer Handlung, die in diesem vorgestellten Schrecken als
falsch erkannt wird. Spielerisch wird so der Irrtum erkennbar,
und zwar als nicht dem unentrinnbaren Reich der Logik zugehšrend,
sondern dem eines nicht mit Logik bestimmbaren Grundes. Die Diktatur
der Logik der Sprache, die fortgefŸhrt Sinnlosigkeit zeugt wird
entlarvt, aufgebrochen. Zugunsten eines auch der Sprache zugrundeliegenden
(sie bezieht sich ja auf etwas, ist nicht Selbstzweck) menschlichen
Ma§es und Verstandes. Und dieses Ma§ berŸhrt ein Numinosum, ein
Unaussprechliches, auf das Ionesco selbst meinte hoffen zu kšnnen.
Diese
Sicht des Menschen liegt dem Drama als eigentlich heilige StŠtte,
dem Heiligen entsprungen, zugrunde. Diese zwei Faktoren: Identifikation
und Katharsis als Befreiung von Irrtum im verzehrenden Feuer des
Schmerzes, dem sich der MitfŸhlende nicht entziehen kann. Die
Worte, mit denen das Volk (als Adressaten der KŸnstler) ŸberschŸttet
wird, sind absurd, wenn der Deutungshorizont entzogen wird. Der
Zerfall des Ganzen hat die Politiker nicht mehr zu Gestaltern
eines Staatsganzen im Fšrdern des Gemeinwohls gemacht, sondern
zu Lehrern, zu Herrschern in den Kšpfen, die nach dem Denken greifen,
den Geist beherrschen wollen: Totalitarismus ist immer eine Frage
des Kampfes um die Deutungshorizonte. So gesehen sind die Herrscher
von den Lehrern, den Wissensvermittlern, den ... Professoren ...
abgelšst worden.
Das
Volk ist zu unmŸndigen SchŸlern verkommen, einerseits, die unhinterfragt
und aus rein pragmatischen GrŸnden (eines vermeintlich besseren
Lebens, wie die Eltern sagen) jene Weihen erlangen wollen, die
ihnen Macht verleihen sollen. Einerseits. Und anderseits ist die
Stunde jener gekommen, die ihrer Niedrigkeit durch Herauslšsung
aus alten Hierarchien Ÿberantwortet wurden, es ist die Stunde
der ... Dienstboten, der ... Frauen und MŸtter. Die ihre Macht
Ÿber andere Mechanismen ausspielen, nŠmlich Ÿber Mechanismen der
Schuld und SchuldgefŸhle, in denen die zuvor herrschende Elite
(der MŠnner) dŸpiert worden war, die zu diesen Katastrophen gefŸhrt
hatte die von der nun herrschenden Moral als eindeutig falsch
verdammt wurden.
Man
kšnnte an dieser Stelle durchaus auf die in der Psychologie angestellten
und hervorragenden Untersuchungen Ÿber das Wesen der SchizoiditŠt,
der Neurose hinweisen. Mit Namen wie Lersch, Freud, Frankl, oder
Laing. Denn im Grunde ist diese Neurose auf demselben Prinzip
aufgebaut, diesen Wechsel des Bezugspunktes, der in der Hand des
MŠchtigeren (als das Leben sichernden) liegt und der somit dem
AbhŠngigen, SchwŠcheren gegenŸber Ÿber Falsch und Richtig bestimmt.
Denn in seiner Hand liegt auch die Autorisierung zum Selbstsein,
damit die Frage um Tod und Leben, Sein und Nichts, Geborgenheit
oder Versto§ung. Damit aber ist auch klar, in wessen Hand eigentlich
die Macht Ÿber ein Volk liegt: In jenen der Frauen Ÿber die Kinder,
Ÿber die Jugend, Ÿber ... den Eros, der als Machtinstrument zur
Versuchung verkŸrzt wird, der aber erst den Mann zum Werk und
damit zur ErfŸllung bringt. Nicht die "Neurose" an sich
ist somit das Krankhafte, sondern das worauf sie fokussiert ist.
Das
gesamte Lebenswerk Ionesco's ist geprŠgt von diesen Grundfragen,
vom Verlust der Wahrheit, der Heillosigkeit und Herrschaft der
Sprache, von der Vermassung und deren Ursachen, von der Auseinandersetzung
mit dem Wesen von Ideologie. Wenden wir uns zur PrŸfung der Wahrheit
dieser Behauptungen, die allmŠhlich zu einem Deutungsboden fŸr
"Die Unterrichtsstunde" zu verdichten versucht wurden,
dem StŸck Literatur selbst zu, wobei wir als Bezugspunkt das Wesen
des Dramas heranziehen werden, denn es mu§ sich ebenfalls ein
als Drama erkennbarer Aufbau erweisen.
Denn
Ionesco erfindet kein neues Drama, das beweist gerade seine lebenslange
Arbeit an der Form, die den Beugspunkt "Publikum" beweist.
Sondern er sagt, da§ die heutige Entfremdung des Menschen von
sich selbst die Elemente des Dramas lediglich dŸpiert, zeigt also
eher durch De-Konstruktivismus. Logischerweise hatte er in seinen
ersten StŸcken auch Probleme, das Ganze einer AuffŸhrung zu halten,
das ja immer wieder in Gefahr gerŠt zu zerfallen. Also blieben
sie kŸrzer, wie dieser Einakter. Seine StŸcke finden aber zu keiner
Lšsung, die Katharsis erstarrt im gegenwŠrtigen Schock, die heutige
Zeit bietet eben kein Heil mehr. Ionesco war zutiefst Kulturpessimist.
Jedes Drama aber bezieht seine Form aus denselben Spannungen,
aus denen eine Kultur faktisch besteht, wobei die Grundform sich
nur als Deformation zeigen kann. In einer heillosen Zeit aber
ist der Ausgang dem Beginn gleich, es gibt keinen Ausweg Ð einzig
der Humor bleibt, und der ist eigentlich irrational. Die Ideologien
bieten gewi§ kein Heil. So finden sich die Einzelteile wie Fragmente,
hŠngen scheinbar ohne organische Bindung aneinander, werden nur
vom ewig Menschlichen getragen, das ihnen einzig Logik gibt. Also
letztlich doch eine Gesamtaussage.
Wobei
das Problem der Absurde Ð der logische Notgriff zum Surrealen,
also zur Tautologie der Aussage, denn nur der nachvollziehbare
Dramenstrang erzŠhlt, der bleibt aber zerstŸckelt, somit mu§ einer
Aussage nachgeholfen werden Ð auch Ionesco's StŸck und seiner
Inszenierbarkeit zusetzt. Absurde StŸcke werden rasch selbst lasziv.
Aber nicht, weil es diese verbindenden, bewegenden Elemente nicht
gŠbe, sondern weil die Figuren im StŸcks sie nicht aufnehmen.
Was im Absurden Handlung treibt sind je nur wiederholte AnsŠtze
des ersten Kampfes gegen den Tod. Ionesco's Drama ist somit ein
Drama, das sich zu keinem Drama aufschwingt, weil der Mensch Ÿber
die Gefangenheit in der Sprache nicht mehr hinauskommt.
Die
†berprŸfung, ob das StŸck unter genannten Gesichtspunkten zu erhellen
ist
Die
Exposition mŸssen die Elemente zeigen, die sich im Kampf entfalten
werden: Tod (im Text rŠumt die HausmŠdchen die Utensilien der
vorangehenden SchŸlerin weg) als noch stummer Begleiter, alltŠgliche
Hšflichkeitsfloskeln, ja Geplappere. Dann folgen tief banale Fragen,
die manchem Zuseher ein Schmunzeln entlocken. Die Identifikation
ist leicht, die Handlungskomponenten werden ausgebreitet und entfalten
sich. Der Professor zeigt sich menschlich-zuvorkommend, ist auf
das Niveau der SchŸlerin herabgestiegen, sogar bis zur Groteske,
dem Lob fŸr diese BanalitŠten. Wenn man von Drama spricht dann
mu§ sich aber ein Konflikt zeigen. Und dieser Konflikt besteht
beim Professor in einer DemŸtigung, die ihm diese Stunde, ja die
das Leben in seinen Notwendigkeiten Ÿberhaupt bedeutet, die er
(siehe die Schlu§bemerkung Ÿber den Kranz, seine Bemerkungen Ÿber
die Bezahlung, die er nicht vergi§t) aus ExistenzgrŸnden auf sich
nimmt. Und er sieht sich mi§braucht, mi§braucht zu einem "Kandidatenschmied"
fŸr ein MŠdchen, das nicht Bildung sondern Konvention, Vermassung,
Einordnung sucht, die ein Titel benštigt. Das schafft im Professor
zunehmend Verachtung, auch Selbstha§, denn er spielt das Spiel
gezwungenerma§en mit. Er ist zu einer Hšflichkeit gezwungen, die
im Grunde nicht angemessen ist.
Und
dieses Spiel geht weiter: Dann dann offenbart die SchŸlerin in
der Arithmetik zunehmend Schlagfertigkeit, springt wie der Professor
blitzschnell zwischen den Bezugspunkten, ja schlŠgt ihn sogar,
obwohl sie immer wieder deutlich beweist, da§ Wissen, Bildung
fŸr sie leer ist, ein WiederkŠuen von nicht verstandenen SŠtzen.
So rasch
wechseln die Bezugspunkte, da§ man als Zuseher beinahe Ÿbersieht,
da§ hier nicht sinnlos geplappert wird, sondern da§ die SŠtze
fŸr sich genommen sehr wohl richtig sind, wahre Aussagen, da§
sich Wahrheit aber eben nur vom Bezugspunkt her erkennen lЧt.
Das
DienstmŠdchen Marie sieht das lŠngst, das Schema wiederholt sich,
sie warnt gar, warnt aber nur um den notwendigen Worten zu genŸgen,
die sie spŠter nŠmlich zur Exculpierung benštigt. Und wir werden
sehen, warum.
Der
Dialog wird zunehmend zum reinen Gefecht aus SŠtzen, aus Sprache,
die aus sich heraus zu keiner Wahrheit fŸhren. Und so resigniert
zunehmend der Professor, er entkommt seiner Einsamkeit nicht,
beginnt Macht aus AutoritŠt auszuspielen, nur die bleibt, motiviert
von Verachtung, die aus dem Zwang zur LŸge herstammt. Und als
er erkennt, da§ er selber von der SchŸlerin zum Plappern verfŸhrt
wurde, sich in einer grotesken Aufgabenstellung (der Multiplikation
von Milliardenzahlen) blo§stellte.
Damit
ist das Drama an seinem ersten Hšhepunkt, der Hybris, und diese
zeigt, da§ die sinnlose weil ihrer Bezugspunkte entfremdete Sprache
auch Beziehungslosigkeit schafft wie aus ihr kommt. Anderes zu
vermuten war vermessen. Und Beziehungslosigkeit zeugt, wo das
Ganze des Menschen, sein Boden verloren ist, nur noch Machtkampf,
der auf Aspekte konzentriert wird Ð fŸr die SchŸlerin zŠhlt nur
die (sinnlose) PrŸfung, dem Professor tritt ihre Erotik nackt
entgegen. In der SchŸlerin, deren unbewu§ter Anziehungskraft,
erwŠchst dem Professor aber sogar Bewu§tsein von Unterlegenheit,
worauf er mit Ha§ reagiert. Er entschlie§t sich, die Methoden
zu wechseln, will den Kampf gewinnen.
Und
geht in einem Methodenwechsel zur Sprachmetaphysik Ÿber, nachdem
er sich die Macht zurŸckgeholt hat, was seinen Entschlu§ zeigt:
Er erwŠhnt, da§ das Doktorat SO nicht zu gewinnen sein wird. Und
tritt damit endgŸltig der LŸge bei, beginnt sie anzuwenden. Indem
er das MŠdchen bei seinem primŠren Interesse trifft wird sie gefŸgiger.
In den langen Monologen Ÿber die Sprache spielt der Professor
selbst mit den Bedeutungsebenen. Er lЧt zwar eine Chance, in
den Erinnerungen steigt ihm sogar seine eigene Menschlichkeit
hoch, aber er verabschiedet sich davon. Und das MŠdchen wagt es
nicht mehr, diese Gelegenheit wirklich zu erfassen, er nimmt ihr
systematisch die Hoheit Ÿber sich selbst indem er "richtig"
und "falsch" všllig in beliebiges Vorgeben des Bezugspunktes
an sich bindet.
Ionesco
geht tief in die GrŸnde der Sprache, sein Reden Ÿber ihre letzthinnige
IdentitŠt, die auf das allen gleiche Erleben des Menschen in "Essentiellem"
zurŸckgeht, ist beeindruckende Philosophie. Und er spricht es
aus, spricht es direkt an: In der Separation in Nationen, in dem
Abweichen des Bezugspunktes "menschliches Erleben" und
dem Verlust der menschlichen Wurzel wird Sprache entwertet. Die
Ohren werden zu Vernichtern der Sprache, zu finsteren SchlŸnden,
der Mensch selbst begibt sich der Wahrheit indem er sein ureigenstes
Wahrnehmen, die "sens ratio" tštet und sich dem Regime
der Ideologie, der ideologisierten Politik unterwirft. "Philologie
und Geographie sind Zwillingsschwestern ..."
Wobei
in dem Bezugspunkt "Spanisch als Muttersprache" eine
Andeutung auf das Franco-Regime gesehen werden kšnnte, das auf
... falsch gewichtetem abendlŠndischem Denken, auf dessen Verwendung
als Waffe, basiert, die Wurzel allen ideologischen Totalitarismus.
Ionesco seziert in diesen Passagen das Wesen der Ideologie als
todbringende Gei§el. Die Tšne steigen, fast gro§artig und poetisch
beschreibt es Ionesco, und ... klammern sich automatisch aneinander,
bilden SŠtze ... eine Darstellung des Automatismus einer entwurzelten,
ideologisch verbildeten Sprache. WŠhrend das "eigentliche"
Sprechen Ð das es fŸr Ionesco nur im Augenblick gibt, denn selbst
die Literatur wird wiederum, kaum ausgesprochen, zum TotalitŠren
- abstŸrzt, hŠlt sich die Ideologie als dessen Mi§brauch in den
LŸften. Zynisch stellt es der Professor dar.
Da§
das MŠdchen das nicht versteht sondern wie willenlos empfŠngt
besiegelt ihr Schicksal, denn sie macht sich damit endgŸltig zur
Hure: Verachtung einerseits, und ein immer weiteres Loslassen
der inneren ZŸgel, ein Zugewinn an sexueller Begierlichkeit durch
den Entschlu§ zur Gewalt. Denn sein Reden wird nun gewaltsam,
er ist nicht mehr an einer einenden Wahrheit interessiert. Er
stimmt dem Totalitarismus zu - wie auch die SchŸlerin. Der Professor
scheint am Ziel. Doch in dem MŠdchen scheint sich Vernunft zu
regen, ja sie versteht den Professor gar, doch es ist zu spŠt,
er hei§t sie schweigen, erzwingt AbhŠngigkeit kraft seiner AutoritŠt.
Und
hier findet das statt, was man im Drama als Peripetie bezeichnet:
WŠhrend bisher eine in der Exposition angelegte Logik der Entfremdung
sich entwickelt, bricht in ihrem Hinweis auf "Zahnschmerzen"
die menschliche Welt wieder ein. Und nun hei§t es handeln, hier
liegt die letzthinnige Dramatik. Der banale Schmerz "erdet"
die SchŸlerin, lЧt sie aussteigen aus dem Spiel des Totalen,
des Selbstverlustes, sie gerŠt fŸr den Professor in Gefahr, verloren
zu sein, ja er hat sie eigentlich bereits verloren, denn sie beharrt
auf ihren Zahnschmerzen.
Das
Volk meldet sich, doch der Diktator ist lŠngst zur Gewaltherrschaft
entschlossen, prŸgelt es sozusagen unter seine Knute. Der bestŠndige
Hinweis auf Menschliches, auf das Zahnweh, wird zur tickenden
Uhr Ð Ionesco seziert gro§artig die Mechanismen des TotalitŠren.
WehmŸtig fast breitet der Professor Erkenntnis aus, aber Erkenntnis
ohne Liebe. Als das MŠdchen entfliehen will, ihn direkt provoziert,
ihm damit entgleitet, geht er bis zum €u§ersten, angetrieben von
immer klarer sexuellen Motiven ... und ersticht sie schlie§lich.
Das Drama ist an seinem Endpunkt angekommen, die anfŠnglich angelegten
KrŠfte haben ihre Wirkung endgŸltig entfaltet, der Einbruch war
zu schwach. Der Herrscher Ÿber die Sinnhorizonte, die Bezugspunkte,
wollte den Besitz des Eros, der dem Wurzellosen, in seiner Schuld
verharrenden aber verwehrt bleibt. Dem Impotenten, Depotenzierten
bleibt zu leicht nur Besitzgier als verzweifeltes Klammern an
Leben.
Was
nun - am Schlu§ - folgt erweist Ionesco erneut als beeindruckenden
Kenner des Menschen: Er zeigt im Professor die Mechanismen versuchter
Selbstentschuldung. Erst mu§ er die Verachtung bestŠtigen: Sie
war eine Schlampe! Im Nicht-Zur-Kenntnisnehmen seiner Tat, in
ihrer Rechtfertigung ... und im Verhalten der Dienstmagd. Nun
ist sie es, die ihren Triumph auskostet, sie, die nominell genug
Sprache geliefert hat, um nun in der Position der Gerechten verharren
zu kšnnen. Der Professor mutiert zum Kind, einmal nur flackert
der Ha§ auf, der ein Ha§ auf die Mutter ist, die ihn nun mehr
denn je beherrscht: Indem sie ihn in der Hand hat, ja ihm gestattet,
sich selbst die Absolution zu erteilen: "Bist ja selbst ein
Pfaffe ..." Und die schlu§endliche Absicherung gibt der Hinweis
aufs Politische: Denn scheinbare, systemimmanente Notwendigkeiten
einer entmenschten Politik rechtfertigen immer. So hielt Ionesco
im OriginalstŸck sogar noch das Anlegen einer Armbinde als Regieanweisung
fŸr den Schlu§ fest.
Nicht
unangesprochen aber sollte eines bleiben, nŠmlich das Provozierende
von Ionesco's StŸck fŸr die heutige Zeit: Mit der Frau beginnt
es, mit der Frau endet es, sie versteht es Ÿber die Schuld, auf
der ein beziehungsloser Mensch sitzen bleibt, den schwachen Mann
zu beherrschen, den sie in der Schuld besitzt. Ein Hinweis auf
Adam und Eva soll hier nicht von ungefŠhr stattfinden: Ionesco
zeigt eine Parabel des VerhŠltnisses der Geschlechter, und er
tut es auf eine Weise, die mit Gewi§heit nicht feministisch oder
emanzipatorisch ist, sondern die metaphysische Dimension zeigen
und diese zutiefst kleinen, menschlichen Probleme als Spiegelbild
aller gro§en Ideologien und Totalitarismen aufzeigen. Frau = Volk
= Hure. Diese machtgeile Hure beherrscht letztlich sogar die Kirche.
(Pater August als Liebhaber ...) Und sie tut es Ÿber ihre Kšrperlichkeit,
an deren Anziehungskraft der durch Entmachtung geschwŠchte Mann
in realer, existentieller AbhŠngigkeit (sie bezahlt ihn, er lebt
von ihr) als DemŸtigung, als EntwŸrdigung erfŠhrt. Schon gar,
weil er als Wissensvermittler funktionell mi§braucht wird, ja
damit sogar Macht selbst vergibt, die ihn wiederum knechten wird.
Nicht ohne Hintergrund wurde Ionesco sogar als "rechter Anarchist"
betitelt.
Wie
aber lЧt sich solche Weite der Interpretation darstellen? Worauf
verkŸrzen? Und: Ist das geglŸckt?
GrundsŠtzlich
verzichtet Ionesco darauf, herkšmmlich zu erzŠhlen, er nimmt sich
die Freiheit zu befreien Ð das wurde oben begrŸndet. Aber er braucht
Identifikation, denn er besteht auf einem "Drama," wenn
er auch frustriert. Und da§ er ein solches gebaut hat, das wurde
hier versucht zu beweisen. Das Absurde benštigt aber zutiefst
Menschen auf der BŸhne. Sein Ziel ist nicht, durch Unerkennbarkeit
Sinnlosigkeit zu zeigen, sondern im dŸpierten Sinn die Sinnlosigkeit
des Heute vor Augen zu stellen. Darstellen lЧt sich nur im Naturalismus,
im Wiedererkennbaren Ð Absurdes einfach als Entfremdetes zu interpretieren
bedeutet nŠmlich, auf das Absurde zu verzichten. Gereade das wird
absurd, auch im Sprachgebrauch, was das Reale in einen ihm fremden,
unserem Erfahrungshorizont nicht entsprechenden Rahmen stellt.
Damit erst lЧt sich jener Schock produzieren, der die Wirkung
des absurden Theaters ausmacht.
Es
ist bereits vorweggenommen: Die Inszenierung im Theaterbrett erzeugt
keinen Schock, eigentlich nicht einmal AnsŠtze von Verstšrung
durch Wiedererkennung (die jeden mit nachdenklichen Gesichtern
hŠtte aus dem Theater schleichen lassen mŸssen), sondern ist ein
kreuzbraves, biederes, fast rundgeleckt wirkendes Erstlingswerk
des Regisseurs Frank Ršpke. Leider ist es nicht geglŸckt, die
auch und gerade heute hochbrisante Thematik umzusetzen, sichtbar
oder gar verstehbar zu machen. Und zwar im Erleben, darauf mu§
es sich beschrŠnken, folgt man dem Autor. Der Ÿber das Erleben
ein GefŸhl aufstehen lassen will, das dem Zuseher wohlbekannt
ist, das aber unter dem Schutt von Vermassung und Ideologie wie
tot ist. Vielmehr scheint das gesamte StŸck zuckungslos linear,
das Ende ist am Anfang zu deutlich und doch wieder zu wenig um
drŠuend zu sein vorweggenommen und zieht sich stumpf durch die
AuffŸhrung. Keine Entwicklung findet statt, kein Fršsteln ist
spŸrbar, keine Spannungen.
Dieses
Nicht-Nachvollziehen-Kšnnen des Dramenstoffes, das Fehlen jeder
Brisanz, mu§ zum Teil aber auch den Darstellern als Ursache zugemessen
werden. Ursache, weniger Schuld. Es ist nicht nachvollziehbar,
was sich auf der BŸhne wirklich abgespielt hat bzw. abspielt.
So wird nicht erzŠhlt, aber auch keine Behauptung aufgestellt:
Nicht Fisch, nicht Fleisch. Man trifft auch nach Vorstellungsende
lediglich eher unberŸhrt mutma§ende Zuschauer an, die Aussage
zšgernd suchen, die sich aber nicht ausgefaltet hat. Zu wenig
berŸhrend waren die Figuren, soda§ auch kein wirkliches Mitleiden
an der Sinnlosigkeit entstand. Und das mag zwei Ursachen haben:
Die Art der Auseinandersetzung mit den Figuren, aber auch eine
doch ab und an zu findende zusŠtzliche Stilisierung, die vermutlich
eher der Regie anzurechnen ist und angesichts eines sonst zu geringen
Naturalismus zuwenig klar herauskommt. Nicht einen Moment bangt
man zuvor mit der SchŸlerin, zittert um ihr Leben, versteht eigentlich
nicht wirklich, warum sie nicht geht. Wollte das aber gerade Ionesco?
Geht das Volk? Oder bleibt es nicht gleichgŸltig? Das wŠre eine
denkbare und gŸltige Interpreation Ð aber dann hŠtte man auch
diese Apathie wiedererkennen mŸssen, bliebe das Gezeigte inkonsequent.
Dabei
spielt Julia Schranz die SchŸlerin so da§ man sagt: Gut. Zumal
erweist sie sich als Beherrscherin aller Techniken des Schauspiels,
wenn nicht in winzigen Momenten manche heutige StilprŠgung (als
Unart) durchschimmert. Ihre SechzehnjŠhrige ist glaubhaft, und
man erkennt zuweilen auch diese Ambivalenz des Charakters Ð aus
Unschuld und Provokation der selbstbewu§ten, ignoranten Gšre.
Zuwenig freilich wird jene unbedacht wirksame Erotik erkennbar,
die dem Professor als freche Herausforderung erscheinen kšnnte.
Damit aber fehlt ein wesentliches dramatisches Element der "Unterrichtsstunde."
Spitzer in ihren Bemerkungen wŸnscht man sie sich zuweilen. Was
vielleicht auch den †bergang zur Hšrigkeit, dieses Aufgeben nuancierter
zu spielen und damit zu erkennen machen wŸrde. Ihr "Zahnweh"
wŸnscht man sich auch ein wenig spannungsloser, vielleicht gar
lasziver. Warum das "Zahnweh" Ÿberhaupt nicht gespielt
wird bleibt unbeantwortet Ð als langweilige OberflŠchlichkeit,
entrŸcktes Aussteigen aus der BedrŠngnis, heischen um Mitleid
... ist es nicht erkennbar, und schon gar nicht als wesentliches
dramatisches Element Ð was nicht als Forderung nach †bersteigerung
mi§verstanden werden darf. Aber das Absurde findet sich im Alltag.
Martin
Oberhauser, der hier sein Debut als gekŸrter Schauspieler gab,
steht ihr kaum nach. Seinen Professor nimmt man ihm prinzipiell
ab, und er hat manche gute Momente Ð wo er einen naturalistischen
Boden der Figur findet. Sieht man von einigen Phrasen im Sprechen
ab, wo man einen Rhythmus-Fehler empfindet: Und damit ein Dialog
stilisiert wirkt anstatt lebendig und nachvollziehbar. Auch wird
sein gelegentliches Schielen nach dem MŠdchen eher als zŠhe PflichtŸbung
erfahren: Ein lŸsterner, scheuer, vor Ertappen sich fŸrchtender
o.Š. Blick ist nicht feststellbar, somit fehlt auch von seiner
Seite ein Grundmotivans des gesamten StŸcks. Damit macht auch
er keine erkennbaren inneren KŠmpfe durch, GefŠhrlichkeit fehlt.
Selbst
sein erstes Erscheinen als schemenhaftes DrŠuen in der TŸr wird
als Botschaft Ð Ÿber allem steht der Tod Ð nicht begriffen, er
wirkt nicht als todbringende Gefahr. Da§ er noch da und dort an
der PrŠzision seiner Artikulation zu arbeiten hat wird ihm bekannt
sein, in jedem Fall war zur Premiere der Sprachduktus gut. Wenn
man sich wie gesagt eben mehr die seelischen VorgŠnge darstellende
Spannung in der Melodie wŸnschte. Selbstha§, Ha§ auf eigene menschliche
SchwŠche, transferiert auf die SchŸlerin, wird nie feststellbar,
soda§ auch sein "Schlampe!" am Schlu§ keinen Sinn macht.
WŠhrend man sich am Anfang mehr Zerbrechlichkeit wŸnschen wŸrde.
Die
starke Stilisierung des Mordes freilich macht diesen noch weniger
verstehbar. Mit Stilisierung von Handlungselementen sollte aber
gewi§ sparsam umgegangen werden, wenn das StŸck ohnehin bereits
schwer umsetzbar ist, dabei aber so klare Sinnhorizonte zu vermitteln
anstrebt. Leider lšst Oberhauser durch weite GŠnge das intime
Insgesamt der Szenerie immer wieder auf, das sonst von der stimmigen,
ausreichenden und zweckgemЧen BŸhnengestaltung sehr ansprechend
definiert wird. Soda§ auch aus den Gegebenheiten des Betrachtens
(Wenden des Kopfes, man hat das Insgesamt nicht in einem Blickfeld,
verliert den †berblick, mu§ sich fŸr einen der Darsteller entscheiden)
leichter Mi§mut aufkommt. Denn ein Dialog lebt ja auch vom Erfassen
beider Partner, man will Sprechenden wie Reagierenden erfassen.
Warum er dann gegen Schlu§ gar mit dem Publikum spricht ist Ÿberhaupt
nicht mehr nachvollziehbar, ja dieses všllige Aufbrechen stšrt
eigentlich nur.
Vielleicht
liegt sogar in diesen UmstŠnden ein Hauptgrund dafŸr, da§ keine
Spannung aufkommen will. Der andere Grund wurde bereits erwŠhnt:
Die Figuren machen kaum nachvollziehbare Entwicklung durch, womit
ihr Handeln und Sprechen unmotiviert wirkt. Das ist umso bedauerlicher,
als das Ionesco-StŸck sicher von der GlaubwŸrdigkeit der Figuren
lebt. Und gerade die Beziehungslosigkeit des Menschen zeitigt
enorme seelische Konflikte. Beabsichtigt? Dann mu§ man sagen:
Wer auf Darstellung (und die hat mit Nachvollziehbarkeit zu tun)
verzichtet Ð verzichtet auf Theater. Und wer als Figur nicht entbirgt
Ð der spielt nicht, sondern der verstellt. Entbergen bedeutet
aber: Eine Thematik durch Durchdringung so befreit zu haben, da§
sie in einer Rolle losgelassen leben und damit erkannt werden
kann. Dazu braucht es nur eine wahre, universale und damit abstrahierte
Grundaussage des StŸcks Ð dann liegt es am Schauspieler, sie in
sich im Geist freizulegen, damit sie in spannungsgebenden Handeln
und Sprechen sichtbar wird. Das verlangt auch vom Darsteller Mut
und Persšnlichkeit, Freiheit von moralisch vielleicht alsgewaltsam-fremdbestimmt
Gesolltem Empfundenem, wie es Ionesco als ideologisch identifiziert.
Denn der Schauspieler kann eine Figur wohl verhindern Ð aber nicht
erfinden.
Noch
zu Elisabeth Stern: Sie Ÿberzeugt als DienstmŠdchen Marie, spielt
mit BŸhnenprŠsenz und Sicherheit. Wenn auch die Figur manchmal
flach wirkt, weil ihr da und dort Nuancen wie erwŠhnt fehlen,
die man sich wŸnschen wŸrde, um hier wirklich eine im StŸckganzen
schlŸssige Figur zu erkennen. Die Resolutheit des DienstmŠdchens
das um ihre Macht wei§, ihre Ambivalenz im Ringen darum wird Ÿber
weite Strecken nicht erfahrbar. Erst die Schlu§passagen glaubt
man ihr, vorher ist ein Charakter zuwenig greifbar. Und so hat
man bei ihr, mehr aber noch bei den anderen das leise GefŸhl,
als sei keine Gesamtpersšnlichkeit befreit, die schon durch ihre
PrŠsenz eine Geschichte erzŠhlt.
Das
BŸhnenbild, fŸr das Vanda Sturdza verantwortlich zeichnet, wurde
bereits erwŠhnt. Zwar fehlen die gro§en oder Ÿberraschenden Ideen,
aber es fŸgt sich in den guten Gesamteindruck der AuffŸhrung ein.
Und es tut auch gut einmal nicht ZeitgemЧheit mit irrationalem
und meist nicht mehr als plump symbolistischem Experiment verwechselt
zu sehen. Ein gleiches gilt fŸr KostŸm sowie Technik.
Schlu§
Wieweit
ein StŸck wie "Die Unterrichtsstunde" (Original: La
Lecon) von Eugene Ionesco, das im besten Sinn absurd und mit Gewi§heit
schwer umzusetzen ist, noch weitere Stilisierungen (ja Symbolismen)
vertrŠgt als der Autor, der in hohem Ma§e aus dem Abstrakten einer
ausgeprŠgten Metaphysik schšpfte, bereits vorsah, ist nach der
Premiere am Samstag, 30. August, im Theaterbrett Wien fraglich.
Gerade die Dynamik des Beherrschens, der Gewalt tritt in der Inszenierung
somit zuwenig hervor Ð wo es um Ÿberhaupt eine Dramatik zu erfahren
gerade hier hšchsten Naturalismus gebraucht hŠtte. Und Naturalismus
mu§ angemahnt werden, weil sonst dem Zuseher eben gar nichts mehr
nachvollziehbar, vor allem aber: Das Wirkprinzip des absurden
Theaters verludert wird. Schock kann nicht mehr entstehen, selbst
die Entfremdung der Menschen, ihre Einsamkeit, ist nicht nachvollziehbar.
Ein ehedem provokantes, in seiner Aussage gerade heute fast waghalsig
mutiges StŸck wird so všllig entschŠrft und nahezu aussagelos.
Die
AuffŸhrung selbst rettet aber ein flottes Tempo und eine Kompaktheit,
die einen mit den Worten "Ein netter Theaterabend" das
Theater verlassen lЧt. Und das ist keine geringe Leistung von
Ršpke. Das engagierte Team, das hier mit merklichem Idealismus
am Werk war, schaffte es eine Stunde zu bereiten, die trotz dramaturgisch
problematischer Begradigung des Originalstoffes zu einem linearen
Teilstatement keinen Moment langweilig war. Schon gar dem, der
dem ungeheuren Wortwitz und und immer noch reizvollen Gedankenspielen
des in RumŠnien 1909 geborenen, 1984 in Paris verstorbenen Autors
mit aller ZeitgemЧheit folgen wollte. Den Franziska Dorau in
der eigens angefertigten NeuŸbersetzung gefŸhlvoll barg.
Wenn
sich auch die leise Frage meldet, ob man dem StŸck so inszeniert
seine fŸnfzig Jahre nicht doch anmerkt. Und ob es nicht eines
heutigen Autors bedŸrfte, der dieselbe Thematik, die noch weit
mehr Brisanz hŠtte, neu schreibt Ð zumal das Absurde extrem vom
aktuellen Zeitbezug lebt. Denn heute entbehrt es z.B. lŠngst des
Schocks, den absurdes Theater 1951 grundsŠtzlich noch bedeutete.
Wenigstens konnte ihn das Ensemble (mit Martin Oberhauser, Julia
Schranz und Elisabeth Stern), das ansonsten eine saubere Leistung
ablieferte, nicht vermitteln.
Ob
es allerdings nur der Autor dieser Replik war der bedauerte, da§
eine Chance fŸr Wien vertan ist, vielleicht ein wirklicher und
berechtigter Theaterskandal stattfinden hŠtte kšnnen, der noch
dazu durch den sakrosankten Namen des ersten Proponenten der Absurde
ohnehin gedeckt wŠre? Warum nicht "verstecken" hinter
dem Namen Ð schon gar weil man auch das Absurde einer leisen Fluchttendenz
beschuldigen kšnnte, wenn man den anfŠnglich hinterfragten Mut
nicht wirklich besitzt? Wer Ionesco's Werkproblematik (der sich
schlie§lich als "Gegner aller linken Ideologien" bezeichnete)
kennt und gar liebt meint dieses Bedauern empfinden zu mŸssen.
Eberhard
Wagner
Wien,
am 3. September 2003
Sehen
Sie dazu: Eine kleine, aber feine Ionesco-Homepage
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