Die Sprache, die Frau, und die Gewalt

"Die Unterrrichtsstunde" von E. Ionesco im TheaterBrett

Inszenierungskritik - Kurzform

 

Braucht es im Jahre 2003 noch Mut, Eugene Ionesco's "Unterrichtsstunde", uraufgefŸhrt 1951, auf die BŸhne zu bringen? Geht man in diesen Tagen ins Wiener Theaterbrett wŸrde man prompt fragen: Warum? Auch das Premierenpublikum vom 30. August (bei ausverkauftem Haus) schien alles andere als aufgeregt. Kein "choque" im Gesicht, sondern Zufriedenheit wegen eines netten Theaterabends.Dei Unterrichtsstunde - Theaterbrett, Wien 2003 - Plakat

In einer Szenerie, die mit wenigen Mitteln effektiv den Spielraum schafft, mit gerade genug an Requisite um der Phantasie alle nštigen Hinweise zu geben, beschleicht eine gute Stunde ein hagerer Professor eine unschuldig-kokette SchŸlerin, manchmal von der Bedienerin gestšrt, ehe er sie am Schlu§ mit einem gedachten Messer umbringt. Nachdem sie wŠhrend der ganzen Zeit einen Dialog gefŸhrt hatten: Da und dort witzig, im Vortrag flott und nie langweilig, und immer wieder mit einem Hauch von Burleske zum Schmunzeln reizend. Die Wortgefechte scheinen sinnlos, zumindest gewinnt man nicht den Eindruck, als wŸrden sie tatsŠchlich etwas zu einer Handlungssteigerung beitragen. Aha, das Absurde, mšglicherweise, und: Es stšrt ja gar nicht, denkt man. Man beklatscht zum Schlu§ die Leistung, keiner hat gepatzt, und es wurden Figuren gezeigt. Nett. Jawohl, ein Theaterabend den man nicht bereut, fast bieder, man war vielleicht auf anderes gefa§t. Und so geht man zum kŸhlen Bier Ÿber, belauscht am Nebentisch zaghafte Versuche, einen mšglichen Sinn des StŸcks zu suchen, findet aber Ratlosigkeit. Da war was mit Frau und Mann. Und das Wort "politsch" hat man noch verstanden. Ganz zum Schlu§.

Wieweit ein StŸck wie "Die Unterrichtsstunde" (Original: La Lecon) von Eugene Ionesco, das im besten Sinn absurd und mit Gewi§heit schwer umzusetzen ist, noch weitere Stilisierungen (ja Symbolismen) vertrŠgt als der Autor bereits vorsah, ist eben fraglich. Gerade die Dynamik des Beherrschens, der Vermassung, der Gewalt durch zur Ideologie mi§brauchten Sprache, der Schuld, der fŸr heutigen Mainstream provozierend metaphysisch beleuchteten Geschlechterfrage tritt in der Inszenierung (dem Erstling von Jungregisseur Frank Ršpke) zuwenig hervor Ð obwohl es, um Ÿberhaupt eine Dramatik zu erfahren, Naturalismus gebraucht hŠtte. Und Naturalismus mu§ angemahnt werden, weil sonst dem Zuseher eben gar nichts mehr nachvollziehbar, vor allem aber: Das Wirkprinzip des absurden Theaters verludert wird. Schock kann nicht mehr entstehen, selbst die Entfremdung des Menschen, seine Einsamkeit, ist nicht nachvollziehbar. Ein gerade heute fast waghalsig mutiges StŸck wird so všllig entschŠrft und nahezu aussagelos. Die AuffŸhrung selbst rettet das flotte Tempo und eine Kompaktheit, die einem einen "netten Theaterabend" erleben lЧt. Das engagierte Team schafft es eine Stunde zu bereiten, die trotz dramaturgisch problematischer Begradigung keinen Moment langweilig ist. Schon gar dem, der dem Wortwitz und reizvollen Gedankenspielen Autors folgen will, den Franziska Dorau in der eigens angefertigten NeuŸbersetzung gefŸhlvoll barg.

Wenn sich auch aufgrund der biederen Umsetzung leise die Frage meldet, ob man dem StŸck seine fŸnfzig Jahre nicht doch anmerkt. Denn heute entbehrt es lŠngst des Schocks, den absurdes Theater 1951 noch bedeutete. Wenigstens konnte ihn das Ensemble (mit Martin Oberhauser, Julia Schranz und Elisabeth Stern), das grundsŠtzlich eine akzeptable bis saubere Leistung ablieferte, nicht vermitteln.

Ob es allerdings nur der Autor dieser Replik war der bedauerte, da§ ein Chance fŸr Wien vertan ist, vielleicht ein wirklicher und berechtigter Theaterskandal stattfinden hŠtte kšnnen, der noch dazu durch den "sakrosankten" Namen eines der Proponenten der Absurde ohnehin gedeckt wŠre? Wer Ionesco's Werkproblematik kennt und gar liebt meint dieses Bedauern empfinden zu mŸssen.

"Die Unterrichtsstunde" (E. Ionesco) im "Theaterbrett" MŸnzwardeingasse 6, 1070 Wien,

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