Le Favorite (G. Donizetti) an der Wiener Staatsoper

Kritik in drei Abschnitten - von Eberhard Wagner

 

Le Favorite Ð Eine neue Staatsopernkonserve?

Die Inszenierung von Le Favorite an der Staatsoper, die am 17. Februar unter der Regie von John Dew Premiere hatte, lЧt den Besucher leider kalt. So glatt und geschliffen sie sich auch gibt. Sie belЧt ihre Ausdeutung bei ZeitbezŸgen, die man sich um die Entstehung der Oper von G. Donizetti denkt. Bis zu den KostŸmen aus der Zeit um 1830. Was sich vor einem abspielt wird deshalb zur Konserve einer Oper, die nicht einmal ansatzweise auch heute gŸltige Problematik sucht und deshalb museal wirkt. Wie ein Guckkasten wirkt somit auch der Rahmen beim BŸhnenportal (BŸhnenbild: Thomas Gruber), dessen Kreuzessymbolik wie ein erschlagender Hinweis an das Publikum wirkt, eine Thematik nicht zu Ÿbersehen. Vermutlich soll darin sogar DER AktualitŠtsbezug gesehen werden. Platt. Und einfallslos, wie perfekt abgespult, wirkt auch die ganze Inszenierung. Die kaum Ÿber einfachste Symmetrieachsen hinauskommt, ja alles wie am Exerzierfeld aufmarschieren lЧt. Oder ist DAS ein brauchbarer Bezug, die Nonnen wie Haremsdamen aussehen zu lassen? Die Kreuze auf der Krone mal aufrecht, mal gestŸrzt aufzufahren? Einfachster Symbolismus, der aber untergeht, zu klirrend "straight" ist alles.

Da kann man auch das Orchester unter Fabio Luisi nicht ausnehmen, das Ÿberbrav, aber natŸrlich tonal sauber, in Dramatik wie den Noten nach aber glattgeschleckten Techno- Donizetti gibt. Ja, so wird es 1840 aktuell gewesen sein, soll wohl gesagt werden. Freut Euch an der schšnen Musik, freut Euch vor allem an den wunderbaren Stimmen. Die OhrgŠngigkeit der Melodien hat ja bereits damals die Oper populŠr gemacht.

Und die Stimmen sind es auch, die den Abend empfehlenswert machen. Wunderbar musikalisch und weich Mezzosopran Violeta Urmana als Leonor de Guzman, auch wenn an manchen Passagen vom Orchester Ÿbertšnt. Einfach gro§artig in den zartesten Hšhenlagen, wo er seiner Stimme sogar noch eine fast rauhe Breite gibt, die aber nicht rei§t, Giuseppe Sabbatini als Fernand. Der immer wieder aufbrausende Zwischenapplaus ist berechtigt. †berzeugend fest und stahlhart der Bariton von Carlos Alvarez als Alphonse XI, roi de Castille, fast zu fest freilich, denn die charakterliche SchwŠche der Figur, die sicher die meisten Facetten zu spielen hŠtte, hŠtte man sich etwas erkennbarer, dramturgisch variabler gewŸnscht. Von bester QualitŠt auch Balthazar, wie ihn Giacomo Prestia bietet. Der auch im Spiel Ÿberzeugt, der flachen Regie durch sein Auftreten mehr Kontur gibt als sie vorsah.

GefŠhrlich aber dreut Langeweile, einfach nur schšner Gesang, wenn auch vom Feinsten, ist zuwenig. So kšnnte man aber die Oper auch totspielen, da wird nichts geboten das Ÿber digitale Wiedergabe hinausgeht. So wirkt Le Favorite an der Staatsoper, das am 17. Februar in einer Inszenierung unter John Dew Premiere hatte. Selbst wenn man das Spiel mit der Kreuzsymbolik als Versuch sehen will, Zeitbezug zu schaffen oder im Gewand der bŸrgerlichen UmbrŸche um 1830 einen Hinweis auf einen noch immer gleichen Konflikt zu schaffen Ð er mi§lingt. Deshalb wirkt die AuffŸhrung wie das …ffnen einer Konserve, so haltbar die auch sein mag.

WŠre da halt nicht die so eingŠngige Komposition Donizetti's, das wesentlich nŸchternere Libretto als es jede eventuelle antiklerikale Andeutung als dŸrftiger Zeitbezug im BŸhnenbild weismachen will. WŠre da nicht das saubere Orchester unter Fabio Luisi. Und die Ÿberzeugenden Stimmen. Guiseppe Sabattini im gefŸhlvollen Tenor sei nur exemplarisch genannt.

 

 

Le Favorite Ð Eine Geschichte um Kirche Ð BŸrgertum - Staat

Die Oper Le Favorite von Gaetano Donizetti grŸndet auf einer Anregung des Direktors der Academie Royal de Musique, Paris, Leon Pillot, und war auf dessen Geliebte, den Mezzosopran Teresa Stolz zugeschnitten (in der Figur der Leonor de Guzman), die die Geliebte wiederum des Kšnigs von Brasilien gewesen war. Den Stoff auf den spanischen Kšnig Alfons XI. (1311-1350) umzulegen war also auch deshalb naheliegend. La Favorita/Le Favorite, 1840 in franzšsisch uraufgefŸhrt, 1841 unter Korrekturen durch die Zensur ins Italienische Ÿbertragen, folgt einer beliebten Romanvorlage und ist eine typische romantische Oper nach dem Strickmuster Liebe Ð Intrige Ð Edelmut Ð tragischer Ausgang. Und war nicht in erster Linie wegen seiner politischen BezŸge in Italien so populŠr, sondern wegen seiner Meloldien.

Dabei ist die Oper voll von Anspielungen auf den damaligen europaweiten Kampf zwischen dem aufbrechenden BŸrgertum, dem Staat und der Kirche. Alfons XI. stŠrkte ja die kšnigliche Zentralmacht (gegen den Hochadel) entscheidend, ebnete so viele Wege, richtete aber durch die beiden Sšhne, die er mit seiner Metraisse hatte, viel Verwirrung an. Die in den ohnehin unruhigen Zeiten des damaligen Spaniens in einen BŸrgerkrieg mŸndeteten, den Alfons' Nachfolger, Pedro der Grausame, fŸr sich entschied. Le Favorite spielt in einer Epoche, wo Dante seine "Divina Commedia" schreibt, Europa von einer gewaltigen Pestepedemie heimgesucht wird, die 25 Mio Tote fordert und es landstrichweise entvšlkert, wo die gro§en gotischen Kathedralen entstehen und die marokkanischen Mauren endgŸltig ihre Macht auf der iberischen Halbinsel verlieren. Zu Alfons' engsten Beratern zŠhlen u.a. KardinŠle, die (wie das Papsttum um 1830, in einem Kirchenstaat voller Rebellionen) dem Bestand des Kirchenstaates und der pŠpstlichen Zentralmacht ihr Leben widmen.

Viele Parallelen also zum Papsttum zur Zeit der Entstehung von La Favorite unter Gregor XVI. Er war Kamaldolenser, nannte sich als solcher Don Mauro (Kšnig Alfons siegt gegen die Mauren, wobei ihm ein BŸrgerlicher, Leonor, den Sieg bringt), und war unter dem Eindruck der Napoleonischen Verfahrensweise mit Papst und Kirche bereits 1799 mit seiner Schrift "Il trionfe della Santa Sede" sowie durch seine Realpolitik im Kirchenstaat wŠhrend seines Pontifikats auf direktem Weg zu den Entwicklungen des Vaticanums I. Mit dem Unfehlbarkeitsdogma unter Nachfolgepapst Pius IX, wŠhrend bŸrgerliche Ideologien Ÿberall die klerikale Realmacht lŠngst brach und der Kirchenstaat verloren ging.

 

Werkbeschreibung

Der junge Novize Fernand verliebt sich in eine ihm unbekannte Dame und verlЧt das Kloster. Er ahnt nicht, da§ es sich um LŽonor de Guzman, die Favoritin des Kšnigs Alphonse XI. von Kastilien handelt, die ihn zwar wiederliebt, ihm aber aus RŸcksicht auf die Folgen Ihrer Beziehung zum Kšnig fŸr ihn den Abschied geben mu§. Doch sie verspricht ihm, in einer Karriere im Kriegsdienst behilflich zu sein, wo er sich Ansehen erwerben soll. Sehr bald gelingt es ihm auch durch entschlossenes Handeln im Kampf gegen die feindlichen Mauren gro§es Ansehen zu erringen, indem er dem Kšnig in aussichtloser Lage zum Sieg verhilft. Der will ihm jeden Wunsch erfŸllen. Ferdinand erbittet als Dank die Hand von Leonor. Alphonse, der um die GefŸhle seines Feldherrn zu seiner eigenen Favoritin bereits wei§, bewilligt ironischer Weise dessen Wunsch. Als Fernand aber Ÿber das VerhŠltnis LŽonors und des Kšnigs aufgeklŠrt wird, sieht er sich von Leonor getŠuscht und seine Ehre verloren. Er verzichtet auf Adelstitel, Vermšgen und Frau und flieht ins Kloster zurŸck. LŽonor, die ihrem Fernand von der Wahrhaftigkeit ihrer Liebe Ÿberzeugen will, sucht ihn bereits todkrank als Novize verkleidet auf. Doch hat er bereits die GelŸbde abgelegt, die Kutte angezogen. Als er aber ihr Flehen hšrt entbrennt neuerlich seine Liebe zu ihr. Er legt die Kutte wieder ab und verzeiht ihr. Sie bittet Gott um Gnade fŸr ihren Geliebten und stirbt in der Gewi§heit, die Liebe Fernands und ihre Ehre zurŸckgewonnen zu haben.

 

 
     
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EBERHARD
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WAGNER
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