ANTIGONE  nach Sophokles

Die Inszenierung von Isabella Feimer in Schwechat (20. Juni 2003)

SOPHOKLES IM SAND

In knapp zwanzig Minuten sind wir von Wien-Schlachthausgasse mit dem Auto am BrauereigelŠnde in Schwechat. Der Portier weist uns freundlich den Weg, Pfeile, jetzt gesehen, mal hierhin, dann dorthin, die Halle dann, von au§en mit dem Charme des Schuppens fŸr Traktor und Heuwender meines Onkels, am Ende eines riesigen Platzes, vor dem offenen Holztor HeurigenbŠnke und -tische, man trinkt Bier und leichten Spritzwein, es ist sommerlich lau bei familiŠrer Stimmung. Innen dann eine gro§e Arena, wie eine Sandkiste, mit von innen durch Neonršhren beleuchteten BordwŠnden, darinnen Sand zu Ackerfurchen gerecht, rundum eine drei, vier Meter breite Laufbahn, der nackte Betonboden, zu allen vier Seiten mit abgestuften Bankreihen umfa§t, an den WŠnden Paletten bis in drei, vier Metern Hšhe montiert, der Akustik wegen, wie man spŠter erklŠrt bekommt. Aber das ist symbolisches Problem. Denn so wie sich der Schall ungezŸgelt aufblŠht tut es der Abend, und er tut es zuweilen nicht einmal ungeschickt. Beginnend mit Kreon, er gemessenen Schritts die Szenerie eršffnet, zšgert, um dann bedeutungsschwanger den Fu§ in den Sand zu setzen. Das Spiel beginnt.

Die Inszenierung "Antigone NACH Sophokles" von Isabella Feimer und durch kultur.konstruktiv findet in einer der ausgedienten Lagerhallen auf dem BrauereigelŠnde der Schwechater Brauerei statt. Wenn sich die SpielstŠtte bewŠhrt dann wŸrde sie institutionalisiert, war irgendwo zu lesen. Nicht im umfangreichen Programmheft freilich, das breitbeinig wie eine Materialiensammlung zu einem Proseminar auf der theaterwissenschaftlichen FakultŠt daherkommt. Samt den Scheinfragestellungen, wie sie einen im Uni-Betrieb anwehen. Der Titel macht ja schon klar, da§ die Sophokleische Antigone bestenfalls als Materialsammlung fŸr eine andere oder neue Aussage dienen soll. Welche Problematik soll also abendfŸllend werden? Oder hat der Zuseher nicht das Recht auf Sophokles, wenn man sich schon des Titels bedient?

Suchen wir also erst nach Spuren von ihm. Der Text ist weitgehend original, soweit man ihn bei der problematischen Akustik Ÿberhaupt versteht. Griechisch mutet auch manches an. Der Sand kšnnte ein Strand sein, antiker Boden, das hat sogar etwas. Aber was machen die EinschŸbe, die Belegstellen aus der Weltliteratur verschiedener Epochen? Also versuchte Deutung nach der Thematik "menschliche Monster in der Geschichte"? Warum aber die MŠrchentante, die von Schneewittchen erzŠhlt? Und dann der immer wieder dieselben griechischen SŠtze murmelnde Theiresias, der die Szenerie umschreitet, was zusŠtzlich einen gewissen Charakter eines geheimnisvollen Mysterienspiels vermittelt. Wurde zuviel versucht? Oder zuwenig? Ein neues StŸck Ÿber Sophokles hinaus konzipiert? Ratlosigkeit bleibt bis zum Schlu§, um es gleich vorwegzunehmen, mehr als VersatzstŸcke kann man kaum ausmachen, soda§ eher an Dekonstruktion geglaubt werden mu§. Da§ Regisseure ein neues StŸck bauen ist ja lange schon Mode. Kaum einer scheint sich dabei an der Entwertung der Literatur, auf die ja doch Bezug genommen wird, zu sto§en.

Versuchen wir es also mit mšglichen Sinnhorizonten, wie Brillen, die dann das Geschehen in Schwechat vielleicht doch ordnen kšnnten. Denn wenn auf Aussage verzichtet wird so mu§ man sich fragen, warum Ÿberhaupt ein StŸck auf die BŸhne gestellt wird. Es mu§ also eine Aussage geben. Wenden wir uns einmal Sophokles zu.

Sophokles ist Metaphysiker, sein Theater reine Soteriologie. Indem er das Mysterienspiel eines €schylos Ÿberwand, weil er dessen rein mythisches, jenseitiges Einheitserleben einer Kultur in HochblŸte stŠrker als vom Menschen ausgehend erfa§t. Als FrŸharistoteliker entrei§t er das Geschehen dem nie erforschlichen Ratschlu§ der Gštter, begreift er Welt und Persšnlichkeit als Seinsentfaltung. Bis es von Euripides intellektualistisch entzaubert, entblš§t wurde, der Ð enttŠuscht und verwundet - metaphysiklos war und nur noch die SchwŠche des Menschen und die Leere der Gštter sah. Dann wurde der Deus ex machina eingefŸhrt. Das UnerklŠrliche wird zur sinnlosen Maschine. Bei Sophokles wird durch die Verschmelzung von Objektivem mit dem Subjekt aber nicht der Wahrheitsgehalt relativiert oder verschleiert, sondern zwar alles Menschliche zum Treibsatz der Geschichte, dieses Menschliche aber als TrŠger der Kultur als Analogie objektiver Prinzipien begriffen - das Spannungsfeld der Tragšdie.

Kreon IST somit der Staat. Antigone wird dadurch eine zeitlose Parabel des individuellen Gewissens, das in seinen jeweiligen figŸrlichen BezŸgen und von diesen untrennbar steht. Der Staat wird dabei als hšchste kulturelle Manifestation verstanden. Damit ist Platz fŸr Auseinandersetzung, weil zwei Prinzipien des Guten an einem nur gewaltsam lšsbaren Konflikt der Kultur scheitern, weil sie ein hierarchisches GefŠlle zueinander haben.

Die sophokleische Wirklichkeitsdeutung zeigt also das Objektive im Subjektiven, ja dieses wird nicht einfach zufŠllig sondern im erwŠhnten Zusammenfall zum Objektiven, und genau dadurch zeigt Sophokles da§ der Mensch als Subjekt nicht auf sich geworfen bleibt, sondern da§ dieses sich selbst trauen kann, ja mu§.

So ist die Antigone bis heute eine der gro§en, gŸltigen und vielgespielten Allegorien der Weltliteratur, geschrieben von einem wahren Kenner der Menschen, einem der letzten, schon im †berhitzen der griechischen Kultur, am Hšhepunkt Ð und am Beginn damit auch ihres Verfalls. Einer der Propheten die ab und an den Menschen geschenkt sind, wie Shakespeare, in Šhnlicher kultureller Situation.

Damit wird auch klar in welcher Literatur sich Belegstellen Šhnlicher Problematik finden kšnnten. Aber wo ist der Faden? Was verbindet …dipus, Richard III., Ottokar, Ubu? "Monstren der Weltgeschichte"? Kann nicht sein. Denn Ottokar war deren soweit wir wissen keines, zum Gegenteil: Er war beliebt im Volk, was Rudolf spŠter nicht unerhebliche Schwierigkeiten machte, die er nur mit Gewalt beseitigen konnte. Worin Weichen fŸr eine Entwicklung …sterreichs gestellt wurde, die wie eine Zeitbombe im 19. Jhd. losgingen, nicht zufŠllig schuf Grillparzer dann diesen Habsburgermythos, zur Absicherung. Und …dipus als Monster zu verstehen ist eine eigentŸmlich neue Sichtweise. Und Ubu ist RevolutionŠr, die zitierte Textstelle kšnnte auch aus dem Munde eines Robespierre (der wŠre zumindest ein Monster) kommen, die Thematik eines Kreon ist aber genau entgegengesetzt, nŠmlich reaktionŠr. Und Richard III. - Kreon? Naja. Die Weltgeschichte ist doch nicht eine blo§e Aufeinanderfolge von Irgendwassen, da gab es lŠngst originellere Deutungen.

Und was um alles in der Welt hat Schneewittchen dort zu suchen? Etwa ein nicht legitimer und hier nicht verstehbarer Bezug Mythos Ð MŠrchen? Denn der Mythos deutet ja zum Sinnhorizont aus, entschleiert Ð das MŠrchen stellt aber ein auch subjektives Numinosum dar. Und wenn Antigone ihren Namen verkehrt in den Sand schreibt Ð soll das etwa noch eine nŠchste Andeutung sein: Satanismus? Nun fehlt ja nimmer viel im Kaleidoskop der Beliebigkeiten und ungeordneten subjektiven Vorlieben.

Sollte vielleicht einfach eine AtmosphŠre des Geheimnisvollen dargestellt werden? Der schreitende Seher, dessen Oberkšrper mit Symbolen (scheinbar sind auch kyrillische Buchstaben heute schon nur noch mysterišses Symbol) vollgekritzelt ist lie§e darauf schlie§en. Das allerdings ist denn doch einigerma§en gelungen. Wenn auch als Hinweis darauf, da§ die Regisseurin sich selbst als KŸnstler verstehen mu§, der sich ja vorerst ohne RŸckfrage an die Ratio seinem natŸrlichen Empfinden Ÿberlassen darf Ð geputzte Orgelpfeifen vorausgesetzt. Dennoch bleibt auch dieses VersatzstŸck ohne dramaturgischen Aufbau, ermŸdet letztlich den Zuseher. Und IrrationalitŠt mit Genie zu verwechseln ist ein anderes Thema. Aber: Dann bitte Ehrlichkeit: Es geht hier NICHT um Sophokles, sondern z.B. um Isabella Feimer, die sich ihre Sporen aber erst verdienen wird mŸssen. Als Autor.

Die NŠhe von Gottesdienst und Theater wird wohl sichtlich heute neu geahnt, auch das wie ein Trend, aber kaum verstanden. Und wenn auf Deutung verzichtet wird wie in Schwechat Ð der Verdacht liegt immer nŠher - dann wird alles schlicht ein esoterisches Gemengelage. Geheimnis, als Irrationales mi§verstanden, wird mit neuer Religion gefŸllt, mit einer dumpfen, unerklŠrlichen, dŠmonischen Esoterik, die nicht mehr erhellt, sondern verschleiert, dazu auffordert. Denn da wird vergeheimni§t, was kein Geheimnis ist, ins Reich der Esoterik verschoben, was eben durch Sophokles ausgedeutet wird.

Gewi§: Wir leben in einer Zeit, die wie aus dem Schlaf erwacht, in eine Nacktheit hinein, vor der sie erschrickt. Wo der Traum sich verflŸchtigt, man ihn immer weniger noch besitzt je mehr man danach greift. Aber es war kein Traum, sondern Vision. Wie ein Nebel verzieht sich das Licht des Abendlandes, und wir finden Bausteine vor, die scheinbar kein Ganzes mehr ergeben. Scheinbar, denn es gibt eben viel mehr Deutung als angenommen. Doch haben wir sie uns aus der Hand schlagen lassen. Durch soziologistisch-psychologistische Plattheiten, durch ein evolutionistisches Menschenbild das zwar nicht MEHR erklŠrt und verifizierbarer als das "alte" ist, das gemeinhin abendlŠndische, aber das es erlaubt, sich Emanzipiertheit vorzugaukeln, weil es ohne Gott keine omniprŠsenten WŠchter des Gewissens mehr gibt, wir endlich leben kšnnen ohne uns beobachet zu fŸhlen. Und genau das ist eben die Problematik der Antigone: Die Person in ihrer Notwendigkeit zum Gewissensstand, zur Entscheidung.

Feimer und kultur.konstruktiv verzichtet also doch auf eine Ausdeutung? Nimmt Sophokles nur zum Untergrund fŸr eine weitere Aussage? Aber hier wie anderswo drŠngt sich der Verdacht auf, da§ dies aus dem einfachen Grund geschieht: Weil die wirkliche Problematik der literarischen Vorlage nicht mehr verstanden wird. Das ist bereits das Spiel einer Generation, die die Tiefe der Tragšden nicht begreift (Langhoff, WeidlŽ etc.), sich aber angezogen fŸhlt, ahnt, da§ da etwas ist, aber sie kann es nicht mehr ausdeuten. Und wo die Ausdeutung auslЧt, eigentlich vergessen ist, in IrrationalitŠt flŸchtet ... folgt die Esoterik am Fu§.

Die EinschŸbe ergeben somit keine wirkliche Aussage, wirken willkŸrlich, krampfhaft, und auch Kreon wird nur Šu§erst eindimensional ausgedeutet, von einer Problematik der Antigone bekommt man kaum etwas mit. Da wirken die Ÿberaus problematischen akustischen VerhŠltnissen wie eine weit zentralere Aussage: Man versteht nŠmlich auch akustisch ganze Passagen nicht. Somit wird die AuffŸhrung klar zu dem was sie ist, zum StŸckwerk, allem fehlt eine Klammer, die auch der Versuch der Schaffung einer Stimmung eines dumpfen Ahnens nicht leistet.

Ahnen. Mehr bleibt einem nŠmlich letztlich kaum, jede Brille versagt, es bleibt: Hier wurde auf Deutung verzichtet um mšglichst viel anderes, sogar Unbestimmtes zu sagen. Denn es ist nicht nur fast unmšglich, den Texten zu folgen. Zerrissen ist auch die SpielstŠtte. So zu inszenieren ist zwar Mode geworden, die Probleme aber werden in Schwechat genausowenig gelšst wie anderswo. Es fehlt der Fokus, der Strang, der einen binden kšnnte, man kann nur rŠtselnd jene Szenerien suchen, die durch akustische Signale wohl gerade im Spiel sind, denn alle Akteure bleiben wŠhrend der eineinviertel Stunden am Platz, mŸssen somit etwas spielen, aber es kann nicht bedankt werden. Dabei ist auch diese Vorgehensweise nicht neu, findet sich z.B. in der Commedia dell'Arte, aber in einem launigen Wechsel von Privatheit und Figur mit einer klaren Definition des Handlungsbodens, die keine Zweifel aufkommen lЧt, wo die Musik spielt.

Dabei sind die Zuseher heute eh so dankbar. Und freuen sich, wenn sie etwas an Absicht erkennen - das alleine wird gerade vom Wiener Publikum schon so dankbar und unkritisch fast goutiert. Aber jedes Publikum bekommt wohl auch SEIN Theater. Denn die Menschen WOLLEN gar nicht mehr staunen und "mehr" erkennen, Gewinn davon tragen. Sie wollen bestenfalls BestŠtigung ihrer Ansichten, schon gar jene die intellektualistisches (und nicht sinnliches) Theater (genau: Eine Aporie!) suchen. Und solcherart, eingefroren, in den Ketten der Vergemeinung einer neuen Gottheit "elitŠrer Rationalismus", einer Diktatur gegen die sich Ÿberhaupt keiner mehr aufzumucken wagt, zitternd vor Angst, sind alle froh da§ das Bild noch stimmt (bestŠtigt wird) das sie zur Sicherung ihrer Existenz gezimmert haben und das eine mi§brauchte Kunst wie Blockwarte, Umerziehungskapos, immer wieder erinnern mu§ sonst verflŸchtigt sich vermeinte Sicherheit durch das Leben selbst.

Und diesen Kotau vollziehen auch die Regisseure ... vollzieht auch Feimer. In einer nŠmlich sehr wohl erkennbaren furchtsamen Deklamation, als welche Symbolik und eingeflickte Thematik hier dient: Seht her, ich bin eh eine der Euren. Einerseits. Und in einem Entzug des Verstehbaren in Flucht ins Irrationale. Nicht einmal dazu aber reicht der Mut, wie ihn ein Nitsch mit seinen Mysterienspielen noch wenigstens hat. Menschliche Machtmonster so irgendwie als Thematik, na das zieht immer. Problematik wird damit aber zur Parodie (Soldat!), zur Aussage der Aussage. Was man am Spiel der Akteure am deutlichsten merkt.

Es wirkt zumeist schablonenhaft, keine Figur wird wirklich lebendig, es fehlt sichtlich der innere Faden, der einen Charakter erweckt. Das Spiel lЧt sich somit fast nur noch nach Aspekten einzelner Elemente der Schauspieltechnik Ð Stimme, PrŠsenz usw. - beurteilen, die nun verstŠrkt in den Vordergund treten. So beginnt man sich sicher mehr als als notwendig an sprechtechnischen Fehlern zu stšren, weil kaum noch ein Spiel erkennbar ist. Und dabei bemerkt man die Durchmischung des Ensembles, das aus Amateuren wie Profis besteht.

Wobei man sich auch tŠuschen kšnnte. Denn die Amateurin Sabine Stacher spielt ihre Antigone tapfer und mit unerwartet gutem Handwerk, wenn sie auch im Laufe des StŸcks die Kraft verlЧt. Da§ ihre Heldin nicht lebt sondern bestenfalls "da ist" ist nicht ihr zuzuschreiben.

Leider Ÿberzeugt auch Manfred Stadelmann als Kreon zuwenig. Seine Figur ist wie alle anderen durch das intellektualistische und doch irrationale Theater gefesselt. Und somit auch die Mittel seiner Darstellung, die nur zwei Klangfarben zu kennen, hier aber auch zu brauchen scheint. Die Angst vor Kreon's WillkŸr (sofern sie das StŸck Ÿberhaupt hergibt) die schon durch sein €u§eres ("Diktatorenbrille") aufdringlich gezeigt werden soll, wird nicht wirklich greifbar, sein Kreon bleibt eindimensional. Das mag aber auch mit der dramaturgisch bedingten Flachheit zu tun haben, die einen ermattet und im Schlu§teil wechselnde Nuancen nicht mehr erfassen lЧt.

Eingringlich, gewi§, klar in der Intonation Gunter Matzka als Theiresias, und beeindruckend in seiner Kšrperlichkeit Roman Binder, der die literarisch-historischen BezugseinschŸbe leistet und jeweils blitzschnell eine Figur erstehen lЧt, welche auch immer.

Aber kann man Schauspieler, die wie hier ErfŸllungsgehilfen der Regie sind, Ÿberhaupt kritisieren? Und: Kann jene solches "Spiel" befriedigen? Denn mehr als "Talent" lЧt sich bei Marionetten, zu denen der Akteur wird, wenn der der innere Lebensfaden fehlt, von einem "Sagen" ersetzt wird, kaum feststellen. Das ist der Tod des Schauspiels, denn der Akteur erweckt keine Figur mehr zum Leben. Er deklamiert beweisend statt darzustellen. Da kann man gleich jedem ein Manifest in die Hand drŸcken Ð ihn predigen lassen. Und in der Tat: Es wird ja durchs Programmheft versucht.

Feimer ist bemŸht Ð das meint man nun zu sehen - jedem Vorwurf mi§lungener Deutung vorzubeugen, auch indem die AuffŸhrung von Symbolik und Stimmungsmache erdrŸckt wird. Eine sublime Form von Machtrausch bitteschšn! Die Schwechater Antigone wird zum Reden vom Reden des Redens, die das Sophokleische StŸck mi§braucht wie ein Steinbruch, wiewohl es als Zugpferd noch ausreichend scheint, denn niemand wagt zu sagen es sein SEIN StŸck. Keine Gesamtdeutung der vorliegenden Antigone wird erbracht, sondern das Scheitern einer solchen durch Suhlen in irrationaler Stimmung theatralisch kaschiert. Ahnt die Regisseurin gar mehr als sie zugibt?

Der Verzicht auf Darstellung durch plakativ moralistische Deutung wird zum Sandkastenspiel des Kindes, das nicht versteht und vorgibt, da§ es nicht verstehbar sei. Die Explizierung von Inhalten, die am Theater aber dem Handeln von Figuren immanent sind, nimmt diesen alles Leben. Dem Spiel fehlt es somit an Grš§e, diese kann durch Stimmung nicht ersetzt werden. Die Figuren werden zu Predigern und statischen Schachfiguren. Alles ist zerrissen, zergliedert, erstickt in euphemistischer Symbolik.

Der Mensch ist sich selbst Symbol, und er kann sich nicht entleiben. Das Theater mu§ leben, Ÿber nachvollziehbare, menschliche Identifikation binden, und damit erlebt der Zuseher das, was die BŸhnenfiguren erleben, macht deren Konflikte und deren Lšsung durch und stellt sich dazu. Dem Schauspieler gehšrt deshalb die BŸhne (M. Reinhardt) - nicht den Regisseuren. Menschliches Erkennen ist immer am Ma§ der Wirklichkeit orientiert. Zu verlangen dies zu verlassen ist nicht neu oder Avantgarde sondern ein Inszenierungsfehler. Denn man stellt auch durch Dekonstruieren eine weitere, nun aber irrationale Aussage dar, der anders als z.B. im Dadaismus bzw. der Absurde hier der geistig-rationale Untergrund abgesprochen werden kšnnte.

Isabella Feimer und kultur.konstruktiv gibt in einer ausgedienten Lagerhalle auf dem BrauereigelŠnde in Schwechat vor, auf eine gŸltige Sophokles-Ausdeutung zu verzichten. Sie schafft sich aber damit nur Freiraum fŸr WillkŸr. So wird die Inszenierung zur Leichenfledderei, deren BruchstŸcke auch durch die schwierigen akustischen Bedingungen LŸcken erzeugen, die nicht Spannung tragen sondern Leere sind und nach spŠtestens einer Dreiviertelstunde gar Langeweile zur Folge haben: Man erwartet noch etwas, das aber nicht kommt. Hšhepunktslos rauscht der Abend auf vorgeblich hohem Niveau vorbei. Regisseure als StŸckemacher bergen aber nicht mehr das StŸck, den Autor wird beliebig: "Nach Sophokles" hei§t es deshalb auch in Schwechat: Eindeutig ein weiterer Etikettenschwindel. Die Sandkiste als SpielflŠche wird somit zur gewollten oder ungewollten Aussage: Einer kindhaften AufeinandertŸrmung von VersatzstŸcken fast jeder Art. Und leider nicht Ÿber die Sophokleische Antigone sondern Ÿber den eigentŸmlichen Zugang der Regie zur Antike. Die Antigone selbst kommt gar nicht mehr vor, wird mi§braucht. Das Publikum sitzt zum Schlu§ ratlos da, mit ein paar Bauklštzen im Kopf, die aber nicht zusammengehen. Ausgeliefert einem Ratespiel, welche der aufgedrŠngten einzelnen Gutgemeintheiten jene gewesen sein kšnnte, die den Abend ohne es als Zuseher zu verstehen gruppierte. Hoffentlich. Denn es gibt bereits genug Theatergeher, die das Theater berechtigt frustriert lŠngst meiden.

Die AuffŸhrungen "Antigone. Nach Sophokles" fanden vom 12. bis 21. Juni 2003 in einer Halle der Brau Union Schwechat statt.

 
 
     
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