In
knapp zwanzig Minuten sind wir von Wien-Schlachthausgasse mit dem
Auto am BrauereigelŠnde in Schwechat. Der Portier weist uns freundlich
den Weg, Pfeile, jetzt gesehen, mal hierhin, dann dorthin, die Halle
dann, von au§en mit dem Charme des Schuppens fŸr Traktor und Heuwender
meines Onkels, am Ende eines riesigen Platzes, vor dem offenen Holztor
HeurigenbŠnke und -tische, man trinkt Bier und leichten Spritzwein,
es ist sommerlich lau bei familiŠrer Stimmung. Innen dann eine gro§e
Arena, wie eine Sandkiste, mit von innen durch Neonršhren beleuchteten
BordwŠnden, darinnen Sand zu Ackerfurchen gerecht, rundum eine drei,
vier Meter breite Laufbahn, der nackte Betonboden, zu allen vier
Seiten mit abgestuften Bankreihen umfa§t, an den WŠnden Paletten
bis in drei, vier Metern Hšhe montiert, der Akustik wegen, wie man
spŠter erklŠrt bekommt. Aber das ist symbolisches Problem. Denn
so wie sich der Schall ungezŸgelt aufblŠht tut es der Abend, und
er tut es zuweilen nicht einmal ungeschickt. Beginnend mit Kreon,
er gemessenen Schritts die Szenerie eršffnet, zšgert, um dann bedeutungsschwanger
den Fu§ in den Sand zu setzen. Das Spiel beginnt.
Die
Inszenierung "Antigone NACH Sophokles" von Isabella Feimer
und durch kultur.konstruktiv findet in einer der ausgedienten Lagerhallen
auf dem BrauereigelŠnde der Schwechater Brauerei statt. Wenn sich
die SpielstŠtte bewŠhrt dann wŸrde sie institutionalisiert, war
irgendwo zu lesen. Nicht im umfangreichen Programmheft freilich,
das breitbeinig wie eine Materialiensammlung zu einem Proseminar
auf der theaterwissenschaftlichen FakultŠt daherkommt. Samt den
Scheinfragestellungen, wie sie einen im Uni-Betrieb anwehen. Der
Titel macht ja schon klar, da§ die Sophokleische Antigone bestenfalls
als Materialsammlung fŸr eine andere oder neue Aussage dienen soll.
Welche Problematik soll also abendfŸllend werden? Oder hat der Zuseher
nicht das Recht auf Sophokles, wenn man sich schon des Titels bedient?
Suchen
wir also erst nach Spuren von ihm. Der Text ist weitgehend original,
soweit man ihn bei der problematischen Akustik Ÿberhaupt versteht.
Griechisch mutet auch manches an. Der Sand kšnnte ein Strand sein,
antiker Boden, das hat sogar etwas. Aber was machen die EinschŸbe,
die Belegstellen aus der Weltliteratur verschiedener Epochen? Also
versuchte Deutung nach der Thematik "menschliche Monster in
der Geschichte"? Warum aber die MŠrchentante, die von Schneewittchen
erzŠhlt? Und dann der immer wieder dieselben griechischen SŠtze
murmelnde Theiresias, der die Szenerie umschreitet, was zusŠtzlich
einen gewissen Charakter eines geheimnisvollen Mysterienspiels vermittelt.
Wurde zuviel versucht? Oder zuwenig? Ein neues StŸck Ÿber Sophokles
hinaus konzipiert? Ratlosigkeit bleibt bis zum Schlu§, um es gleich
vorwegzunehmen, mehr als VersatzstŸcke kann man kaum ausmachen,
soda§ eher an Dekonstruktion geglaubt werden mu§. Da§ Regisseure
ein neues StŸck bauen ist ja lange schon Mode. Kaum einer scheint
sich dabei an der Entwertung der Literatur, auf die ja doch Bezug
genommen wird, zu sto§en.
Versuchen
wir es also mit mšglichen Sinnhorizonten, wie Brillen, die dann
das Geschehen in Schwechat vielleicht doch ordnen kšnnten. Denn
wenn auf Aussage verzichtet wird so mu§ man sich fragen, warum Ÿberhaupt
ein StŸck auf die BŸhne gestellt wird. Es mu§ also eine Aussage
geben. Wenden wir uns einmal Sophokles zu.
Sophokles
ist Metaphysiker, sein Theater reine Soteriologie. Indem er das
Mysterienspiel eines €schylos Ÿberwand, weil er dessen rein mythisches,
jenseitiges Einheitserleben einer Kultur in HochblŸte stŠrker als
vom Menschen ausgehend erfa§t. Als FrŸharistoteliker entrei§t er
das Geschehen dem nie erforschlichen Ratschlu§ der Gštter, begreift
er Welt und Persšnlichkeit als Seinsentfaltung. Bis es von Euripides
intellektualistisch entzaubert, entblš§t wurde, der Ð enttŠuscht
und verwundet - metaphysiklos war und nur noch die SchwŠche des
Menschen und die Leere der Gštter sah. Dann wurde der Deus ex machina
eingefŸhrt. Das UnerklŠrliche wird zur sinnlosen Maschine. Bei Sophokles
wird durch die Verschmelzung von Objektivem mit dem Subjekt aber
nicht der Wahrheitsgehalt relativiert oder verschleiert, sondern
zwar alles Menschliche zum Treibsatz der Geschichte, dieses Menschliche
aber als TrŠger der Kultur als Analogie objektiver Prinzipien begriffen
- das Spannungsfeld der Tragšdie.
Kreon
IST somit der Staat. Antigone wird dadurch eine zeitlose Parabel
des individuellen Gewissens, das in seinen jeweiligen figŸrlichen
BezŸgen und von diesen untrennbar steht. Der Staat wird dabei als
hšchste kulturelle Manifestation verstanden. Damit ist Platz fŸr
Auseinandersetzung, weil zwei Prinzipien des Guten an einem nur
gewaltsam lšsbaren Konflikt der Kultur scheitern, weil sie ein hierarchisches
GefŠlle zueinander haben.
Die
sophokleische Wirklichkeitsdeutung zeigt also das Objektive im Subjektiven,
ja dieses wird nicht einfach zufŠllig sondern im erwŠhnten Zusammenfall
zum Objektiven, und genau dadurch zeigt Sophokles da§ der Mensch
als Subjekt nicht auf sich geworfen bleibt, sondern da§ dieses sich
selbst trauen kann, ja mu§.
So
ist die Antigone bis heute eine der gro§en, gŸltigen und vielgespielten
Allegorien der Weltliteratur, geschrieben von einem wahren Kenner
der Menschen, einem der letzten, schon im †berhitzen der griechischen
Kultur, am Hšhepunkt Ð und am Beginn damit auch ihres Verfalls.
Einer der Propheten die ab und an den Menschen geschenkt sind, wie
Shakespeare, in Šhnlicher kultureller Situation.
Damit
wird auch klar in welcher Literatur sich Belegstellen Šhnlicher
Problematik finden kšnnten. Aber wo ist der Faden? Was verbindet
…dipus, Richard III., Ottokar, Ubu? "Monstren der Weltgeschichte"?
Kann nicht sein. Denn Ottokar war deren soweit wir wissen keines,
zum Gegenteil: Er war beliebt im Volk, was Rudolf spŠter nicht unerhebliche
Schwierigkeiten machte, die er nur mit Gewalt beseitigen konnte.
Worin Weichen fŸr eine Entwicklung …sterreichs gestellt wurde, die
wie eine Zeitbombe im 19. Jhd. losgingen, nicht zufŠllig schuf Grillparzer
dann diesen Habsburgermythos, zur Absicherung. Und …dipus als Monster
zu verstehen ist eine eigentŸmlich neue Sichtweise. Und Ubu ist
RevolutionŠr, die zitierte Textstelle kšnnte auch aus dem Munde
eines Robespierre (der wŠre zumindest ein Monster) kommen, die Thematik
eines Kreon ist aber genau entgegengesetzt, nŠmlich reaktionŠr.
Und Richard III. - Kreon? Naja. Die Weltgeschichte ist doch nicht
eine blo§e Aufeinanderfolge von Irgendwassen, da gab es lŠngst originellere
Deutungen.
Und
was um alles in der Welt hat Schneewittchen dort zu suchen? Etwa
ein nicht legitimer und hier nicht verstehbarer Bezug Mythos Ð MŠrchen?
Denn der Mythos deutet ja zum Sinnhorizont aus, entschleiert Ð das
MŠrchen stellt aber ein auch subjektives Numinosum dar. Und wenn
Antigone ihren Namen verkehrt in den Sand schreibt Ð soll das etwa
noch eine nŠchste Andeutung sein: Satanismus? Nun fehlt ja nimmer
viel im Kaleidoskop der Beliebigkeiten und ungeordneten subjektiven
Vorlieben.
Sollte
vielleicht einfach eine AtmosphŠre des Geheimnisvollen dargestellt
werden? Der schreitende Seher, dessen Oberkšrper mit Symbolen (scheinbar
sind auch kyrillische Buchstaben heute schon nur noch mysterišses
Symbol) vollgekritzelt ist lie§e darauf schlie§en. Das allerdings
ist denn doch einigerma§en gelungen. Wenn auch als Hinweis darauf,
da§ die Regisseurin sich selbst als KŸnstler verstehen mu§, der
sich ja vorerst ohne RŸckfrage an die Ratio seinem natŸrlichen Empfinden
Ÿberlassen darf Ð geputzte Orgelpfeifen vorausgesetzt. Dennoch bleibt
auch dieses VersatzstŸck ohne dramaturgischen Aufbau, ermŸdet letztlich
den Zuseher. Und IrrationalitŠt mit Genie zu verwechseln ist ein
anderes Thema. Aber: Dann bitte Ehrlichkeit: Es geht hier NICHT
um Sophokles, sondern z.B. um Isabella Feimer, die sich ihre Sporen
aber erst verdienen wird mŸssen. Als Autor.
Die
NŠhe von Gottesdienst und Theater wird wohl sichtlich heute neu
geahnt, auch das wie ein Trend, aber kaum verstanden. Und wenn auf
Deutung verzichtet wird wie in Schwechat Ð der Verdacht liegt immer
nŠher - dann wird alles schlicht ein esoterisches Gemengelage. Geheimnis,
als Irrationales mi§verstanden, wird mit neuer Religion gefŸllt,
mit einer dumpfen, unerklŠrlichen, dŠmonischen Esoterik, die nicht
mehr erhellt, sondern verschleiert, dazu auffordert. Denn da wird
vergeheimni§t, was kein Geheimnis ist, ins Reich der Esoterik verschoben,
was eben durch Sophokles ausgedeutet wird.
Gewi§:
Wir leben in einer Zeit, die wie aus dem Schlaf erwacht, in eine
Nacktheit hinein, vor der sie erschrickt. Wo der Traum sich verflŸchtigt,
man ihn immer weniger noch besitzt je mehr man danach greift. Aber
es war kein Traum, sondern Vision. Wie ein Nebel verzieht sich das
Licht des Abendlandes, und wir finden Bausteine vor, die scheinbar
kein Ganzes mehr ergeben. Scheinbar, denn es gibt eben viel mehr
Deutung als angenommen. Doch haben wir sie uns aus der Hand schlagen
lassen. Durch soziologistisch-psychologistische Plattheiten, durch
ein evolutionistisches Menschenbild das zwar nicht MEHR erklŠrt
und verifizierbarer als das "alte" ist, das gemeinhin
abendlŠndische, aber das es erlaubt, sich Emanzipiertheit vorzugaukeln,
weil es ohne Gott keine omniprŠsenten WŠchter des Gewissens mehr
gibt, wir endlich leben kšnnen ohne uns beobachet zu fŸhlen. Und
genau das ist eben die Problematik der Antigone: Die Person in ihrer
Notwendigkeit zum Gewissensstand, zur Entscheidung.
Feimer
und kultur.konstruktiv verzichtet also doch auf eine Ausdeutung?
Nimmt Sophokles nur zum Untergrund fŸr eine weitere Aussage? Aber
hier wie anderswo drŠngt sich der Verdacht auf, da§ dies aus dem
einfachen Grund geschieht: Weil die wirkliche Problematik der literarischen
Vorlage nicht mehr verstanden wird. Das ist bereits das Spiel einer
Generation, die die Tiefe der Tragšden nicht begreift (Langhoff,
WeidlŽ etc.), sich aber angezogen fŸhlt, ahnt, da§ da etwas ist,
aber sie kann es nicht mehr ausdeuten. Und wo die Ausdeutung auslЧt,
eigentlich vergessen ist, in IrrationalitŠt flŸchtet ... folgt die
Esoterik am Fu§.
Die
EinschŸbe ergeben somit keine wirkliche Aussage, wirken willkŸrlich,
krampfhaft, und auch Kreon wird nur Šu§erst eindimensional ausgedeutet,
von einer Problematik der Antigone bekommt man kaum etwas mit. Da
wirken die Ÿberaus problematischen akustischen VerhŠltnissen wie
eine weit zentralere Aussage: Man versteht nŠmlich auch akustisch
ganze Passagen nicht. Somit wird die AuffŸhrung klar zu dem was
sie ist, zum StŸckwerk, allem fehlt eine Klammer, die auch der Versuch
der Schaffung einer Stimmung eines dumpfen Ahnens nicht leistet.
Ahnen.
Mehr bleibt einem nŠmlich letztlich kaum, jede Brille versagt, es
bleibt: Hier wurde auf Deutung verzichtet um mšglichst viel anderes,
sogar Unbestimmtes zu sagen. Denn es ist nicht nur fast unmšglich,
den Texten zu folgen. Zerrissen ist auch die SpielstŠtte. So zu
inszenieren ist zwar Mode geworden, die Probleme aber werden in
Schwechat genausowenig gelšst wie anderswo. Es fehlt der Fokus,
der Strang, der einen binden kšnnte, man kann nur rŠtselnd jene
Szenerien suchen, die durch akustische Signale wohl gerade im Spiel
sind, denn alle Akteure bleiben wŠhrend der eineinviertel Stunden
am Platz, mŸssen somit etwas spielen, aber es kann nicht bedankt
werden. Dabei ist auch diese Vorgehensweise nicht neu, findet sich
z.B. in der Commedia dell'Arte, aber in einem launigen Wechsel von
Privatheit und Figur mit einer klaren Definition des Handlungsbodens,
die keine Zweifel aufkommen lЧt, wo die Musik spielt.
Dabei
sind die Zuseher heute eh so dankbar. Und freuen sich, wenn sie
etwas an Absicht erkennen - das alleine wird gerade vom Wiener Publikum
schon so dankbar und unkritisch fast goutiert. Aber jedes Publikum
bekommt wohl auch SEIN Theater. Denn die Menschen WOLLEN gar nicht
mehr staunen und "mehr" erkennen, Gewinn davon tragen.
Sie wollen bestenfalls BestŠtigung ihrer Ansichten, schon gar jene
die intellektualistisches (und nicht sinnliches) Theater (genau:
Eine Aporie!) suchen. Und solcherart, eingefroren, in den Ketten
der Vergemeinung einer neuen Gottheit "elitŠrer Rationalismus",
einer Diktatur gegen die sich Ÿberhaupt keiner mehr aufzumucken
wagt, zitternd vor Angst, sind alle froh da§ das Bild noch stimmt
(bestŠtigt wird) das sie zur Sicherung ihrer Existenz gezimmert
haben und das eine mi§brauchte Kunst wie Blockwarte, Umerziehungskapos,
immer wieder erinnern mu§ sonst verflŸchtigt sich vermeinte Sicherheit
durch das Leben selbst.
Und
diesen Kotau vollziehen auch die Regisseure ... vollzieht auch Feimer.
In einer nŠmlich sehr wohl erkennbaren furchtsamen Deklamation,
als welche Symbolik und eingeflickte Thematik hier dient: Seht her,
ich bin eh eine der Euren. Einerseits. Und in einem Entzug des Verstehbaren
in Flucht ins Irrationale. Nicht einmal dazu aber reicht der Mut,
wie ihn ein Nitsch mit seinen Mysterienspielen noch wenigstens hat.
Menschliche Machtmonster so irgendwie als Thematik, na das zieht
immer. Problematik wird damit aber zur Parodie (Soldat!), zur Aussage
der Aussage. Was man am Spiel der Akteure am deutlichsten merkt.
Es
wirkt zumeist schablonenhaft, keine Figur wird wirklich lebendig,
es fehlt sichtlich der innere Faden, der einen Charakter erweckt.
Das Spiel lЧt sich somit fast nur noch nach Aspekten einzelner
Elemente der Schauspieltechnik Ð Stimme, PrŠsenz usw. - beurteilen,
die nun verstŠrkt in den Vordergund treten. So beginnt man sich
sicher mehr als als notwendig an sprechtechnischen Fehlern zu stšren,
weil kaum noch ein Spiel erkennbar ist. Und dabei bemerkt man die
Durchmischung des Ensembles, das aus Amateuren wie Profis besteht.
Wobei
man sich auch tŠuschen kšnnte. Denn die Amateurin Sabine Stacher
spielt ihre Antigone tapfer und mit unerwartet gutem Handwerk, wenn
sie auch im Laufe des StŸcks die Kraft verlЧt. Da§ ihre Heldin
nicht lebt sondern bestenfalls "da ist" ist nicht ihr
zuzuschreiben.
Leider
Ÿberzeugt auch Manfred Stadelmann als Kreon zuwenig. Seine Figur
ist wie alle anderen durch das intellektualistische und doch irrationale
Theater gefesselt. Und somit auch die Mittel seiner Darstellung,
die nur zwei Klangfarben zu kennen, hier aber auch zu brauchen scheint.
Die Angst vor Kreon's WillkŸr (sofern sie das StŸck Ÿberhaupt hergibt)
die schon durch sein €u§eres ("Diktatorenbrille") aufdringlich
gezeigt werden soll, wird nicht wirklich greifbar, sein Kreon bleibt
eindimensional. Das mag aber auch mit der dramaturgisch bedingten
Flachheit zu tun haben, die einen ermattet und im Schlu§teil wechselnde
Nuancen nicht mehr erfassen lЧt.
Eingringlich,
gewi§, klar in der Intonation Gunter Matzka als Theiresias, und
beeindruckend in seiner Kšrperlichkeit Roman Binder, der die literarisch-historischen
BezugseinschŸbe leistet und jeweils blitzschnell eine Figur erstehen
lЧt, welche auch immer.
Aber
kann man Schauspieler, die wie hier ErfŸllungsgehilfen der Regie
sind, Ÿberhaupt kritisieren? Und: Kann jene solches "Spiel"
befriedigen? Denn mehr als "Talent" lЧt sich bei Marionetten,
zu denen der Akteur wird, wenn der der innere Lebensfaden fehlt,
von einem "Sagen" ersetzt wird, kaum feststellen. Das
ist der Tod des Schauspiels, denn der Akteur erweckt keine Figur
mehr zum Leben. Er deklamiert beweisend statt darzustellen. Da kann
man gleich jedem ein Manifest in die Hand drŸcken Ð ihn predigen
lassen. Und in der Tat: Es wird ja durchs Programmheft versucht.
Feimer
ist bemŸht Ð das meint man nun zu sehen - jedem Vorwurf mi§lungener
Deutung vorzubeugen, auch indem die AuffŸhrung von Symbolik und
Stimmungsmache erdrŸckt wird. Eine sublime Form von Machtrausch
bitteschšn! Die Schwechater Antigone wird zum Reden vom Reden des
Redens, die das Sophokleische StŸck mi§braucht wie ein Steinbruch,
wiewohl es als Zugpferd noch ausreichend scheint, denn niemand wagt
zu sagen es sein SEIN StŸck. Keine Gesamtdeutung der vorliegenden
Antigone wird erbracht, sondern das Scheitern einer solchen durch
Suhlen in irrationaler Stimmung theatralisch kaschiert. Ahnt die
Regisseurin gar mehr als sie zugibt?
Der
Verzicht auf Darstellung durch plakativ moralistische Deutung wird
zum Sandkastenspiel des Kindes, das nicht versteht und vorgibt,
da§ es nicht verstehbar sei. Die Explizierung von Inhalten, die
am Theater aber dem Handeln von Figuren immanent sind, nimmt diesen
alles Leben. Dem Spiel fehlt es somit an Grš§e, diese kann durch
Stimmung nicht ersetzt werden. Die Figuren werden zu Predigern und
statischen Schachfiguren. Alles ist zerrissen, zergliedert, erstickt
in euphemistischer Symbolik.
Der
Mensch ist sich selbst Symbol, und er kann sich nicht entleiben.
Das Theater mu§ leben, Ÿber nachvollziehbare, menschliche Identifikation
binden, und damit erlebt der Zuseher das, was die BŸhnenfiguren
erleben, macht deren Konflikte und deren Lšsung durch und stellt
sich dazu. Dem Schauspieler gehšrt deshalb die BŸhne (M. Reinhardt)
- nicht den Regisseuren. Menschliches Erkennen ist immer am Ma§
der Wirklichkeit orientiert. Zu verlangen dies zu verlassen ist
nicht neu oder Avantgarde sondern ein Inszenierungsfehler. Denn
man stellt auch durch Dekonstruieren eine weitere, nun aber irrationale
Aussage dar, der anders als z.B. im Dadaismus bzw. der Absurde hier
der geistig-rationale Untergrund abgesprochen werden kšnnte.
Isabella
Feimer und kultur.konstruktiv gibt in einer ausgedienten Lagerhalle
auf dem BrauereigelŠnde in Schwechat vor, auf eine gŸltige Sophokles-Ausdeutung
zu verzichten. Sie schafft sich aber damit nur Freiraum fŸr WillkŸr.
So wird die Inszenierung zur Leichenfledderei, deren BruchstŸcke
auch durch die schwierigen akustischen Bedingungen LŸcken erzeugen,
die nicht Spannung tragen sondern Leere sind und nach spŠtestens
einer Dreiviertelstunde gar Langeweile zur Folge haben: Man erwartet
noch etwas, das aber nicht kommt. Hšhepunktslos rauscht der Abend
auf vorgeblich hohem Niveau vorbei. Regisseure als StŸckemacher
bergen aber nicht mehr das StŸck, den Autor wird beliebig: "Nach
Sophokles" hei§t es deshalb auch in Schwechat: Eindeutig ein
weiterer Etikettenschwindel. Die Sandkiste als SpielflŠche wird
somit zur gewollten oder ungewollten Aussage: Einer kindhaften AufeinandertŸrmung
von VersatzstŸcken fast jeder Art. Und leider nicht Ÿber die Sophokleische
Antigone sondern Ÿber den eigentŸmlichen Zugang der Regie zur Antike.
Die Antigone selbst kommt gar nicht mehr vor, wird mi§braucht. Das
Publikum sitzt zum Schlu§ ratlos da, mit ein paar Bauklštzen im
Kopf, die aber nicht zusammengehen. Ausgeliefert einem Ratespiel,
welche der aufgedrŠngten einzelnen Gutgemeintheiten jene gewesen
sein kšnnte, die den Abend ohne es als Zuseher zu verstehen gruppierte.
Hoffentlich. Denn es gibt bereits genug Theatergeher, die das Theater
berechtigt frustriert lŠngst meiden.
Die
AuffŸhrungen "Antigone. Nach Sophokles" fanden vom 12.
bis 21. Juni 2003 in einer Halle der Brau Union Schwechat statt.