Begegnung mit Christina ZurbrŸgg

Ein Entwurf

Audio - I bi halt imma di lŠdschde

Christl's Wunderwelt - Alles ist tŠtig nach seiner Natur

"Arbeiten bis zuletzt, was?" Er beugt sich zu mir rŸber, der ich noch rasch Notizen mache ehe das Saallicht ausgeht. "Eckdaten festhalten." "Ja, das ist mit kreativer Arbeit halt so." Mitte drei§ig, das lange schwarze Haar zum Schweif zusammengefa§t, mit fast babyweichen Konturen einer von jedem als "fesch" eingestuften Grundklasse. Dann rŸckt er sich am Stuhl zurecht. So, da§ er wie im Zentrum sitzt, mit Abstand zu den umstehenden Tischen der "Vorstadt" und den Ÿbrigen Zusehern, gut auf die BŸhne Christina ZurbrŸgg - "I bi halt imma di ledschde ..." - MP3sieht. Und ... gut zu sehen ist? Warum kommt mir der Gedanke? Ich sehe mich um. Sehr gemischtes Publikum, ein bieder-adrettes PŠrchen, reife Damen, jeanstragende Twens, Mittvierziger-PŠrchen. Auch eine Aussage Ÿber das, das was mich erwartet. Denn von Christina ZurbrŸgg kenne ich nichts als ihr Photo. Noch nicht.

Und die Homepage. Gut strukturiert, trotz der Vielseitigkeit die sie vorstellt. So kšnnte man es zumindest sehen. Kraft ihrer Talente, wobei sie sich im GesprŠch dann als klar musikzentriert bezeichnen wird. BŸcher werden prŠsentiert, fŸr Wiener VorstadtsŠngerin Ð Dudlerinnen - hatte sie offensichtlich lŠnger eine Vorliebe, in deren Festgewurzeltheit, mit der sie aus ihrer Umgebung heraus fŸr diese lebten und einfach sangen. CD's, mit verschiedenen Musikern gemacht, darunter Martin Auer, und in den Filmen taucht zuletzt der Name Hudicek šfter auf. Jodeln sei ihre ganz besondere Art des Ausdrucks, sie und die Zuhšrer wŸrden dabei FlŸgel bekommen, so berichten Zeitungen in vorgestellten Artikeln. SŸdamerikanische, spanische Musik, Vertonungen von Gedichten von F.G. Lorca hŠtten sie besonders lange gefangen, und viel Schwitzerdytsch. Die Hšrproben sind weitgespannt, von Tango bis Reflexionstexten. Weiblich, denke ich dabei, irgendwie wollen sie fliegen und verlieren sich dabei wenigstens tendenziell leicht in sich, wie die Bachmann. Auch jetzt, wo ich dies schreibe, hšre ich aber vor allem aber ein Lied, immer wieder. "I bi hold imma di ledschti .." Und dazu das Photo. Schweizer ZŠhne, schweizer Mund, denke ich, wie die damals, aus Bern. Bezaubernd. Etwas von Kindlichkeit. Ich wollte sie unbedingt kennenlernen. Und wie lЧt sich das besser auf die Schnelle als mit einem Interview?

Mitochondrien sind jene Zellbestandteile, die die Entfaltung der Erbanlagen bestimmen, von ihnen hŠngt die Entwicklung ab. Bei Frauen spielen sie eine wesentlich grš§ere Rolle. So bildet sich ein Wechselspiel ab von Formgebung und der Verantwortung fŸr ihre Entfaltung. IdentitŠt ist im wesentlichen das Festigen bestimmter Eigenschaften, anhand derer Identifikation und damit Gestalt mšglich wird. Das Handeln eines Menschen wird dann durch seine Bezeichnung, seinen Rang in der Umgebung in einen Sinn gehoben. So kšnnte man es vereinfacht darstellen, geht man nach den noch unveršffentlichten Schriften von Antonio della Caraffa.

†ber ihr Alter schweigt Christina ZurbrŸgg, wie sie Ÿberhaupt ruhig und zurŸckhaltend, aber fest wirkt, als ich nach der Vorstellung mit ihr alleine am Tisch sitze, zu dem sie ihre Pressereferentin gefŸhrt hat, die uns dann vorstellt. Sehr schlank, kurzes Haar, anders als am Bild, brunett mit roten StrŠnchen. Ich plaziere das Tonband. "Ah, beschtens equipped." Schwitzerdytsch, wie zu den Filmprojektionen, die verbindendes Element ihrer Performance darstellen, mal nimmt sie direkt darauf bezug, mal tragen sie das Programm weiter, wenn sie hinter dem Vorhang verschwindet um sich der jeweiligen Lebensphase gemЧ umzuziehen. Wenn die Stimmung auszudŸnnen droht taucht dann auch mal ihr Kopf auf und gibt einen Kommentar ab, um das Publikum nicht aus der Hand zu geben. WŠhrend sie weiter an ihrer Kleidung nestelt, um dann als Teenie der siebziger Jahre aufzutauchen, oder in Jeans oder Lackhose, oder in diesem goldenen Kleid, wo der Stoff Metallringe wie trŠgt. Metallringe. Von den SchlŸsselbeinen bis unter die Knie, die Schultern bleiben frei. Ihr Kšrper bewegt sich wie dem Rhythmus Ÿberlassen, ob Reggae oder Tango oder in "I bi imma di ledschdi ..." wo sie sogar Orgelpfeifen einsetzt. Sie habe ja auch in der Kirche gespielt, erzŠhlt sie im Programm und entlockt einem befreites Schmunzeln wenn sie komšdiantisch das VerhŠltnis zu ihrer Wollstrumpfhose beim Blasen der Altflšte zur Orgelsonate vorspielt. Es fŠllt der Schwerpunkt Kindheit und Jugend auf, Ÿber ihre letzten Jahre schweigt sie eher. Doderer sagt ja einmal, man kšnne nur Ÿber AbgehŠngtes kŸnstlerisch arbeiten.Christinia ZurbrŸgg

Das Programm ist eine charmante SelbstprŠsentation, wie ein RŸckblick. Versuchtes Lebensfazit? Neubeginn? Wenn halt nur noch Staunen bleibt, weil man irgendwie alle gescheiten ErklŠrungen, die doch viel zu kurz greifen, aufgegeben hat. Seit einem Jahr tingelt Christina ZurbrŸgg mit "Christl's Wunderwelt" durch die Lande. Sie sei viel in Spanien gewesen, von 79 bis 84 Ÿberhaupt durch SŸdamerika, Mexiko, Kalifornien gezogen, die 68er-Bewegung hŠtte die Schweiz ja erst zehn Jahre spŠter erreicht, bemerkt sie im Programm. Wenn auch noch frŸher als Wien, wo sie die Liebe zum Spanisch entdeckt, 1984, als sie nach Wien kam um im dramatischen Zentrum Schauspielunterricht zu nehmen, u.a. bei Hilde Berger, Jutta Schwarz, bis 1987 die paritŠtischen PrŸfungen ablegte. Sehr bewegungsorientiert, mit vielen Querverbindungen zur Volksmusik. Erst habe sie ja naiverweise geglaubt, nach ein paar Vorsprechen sei ihre Karriere beschlossen. Nicht ganz. Wie selbstverstŠndlich aber sei sei in die Musik hineingewachsen, mit erstem Ensemble, in die "Volkslieder vom Frauenleben." Die Geschichte von Menschen, die eigentlich keine Stimme hŠtten, Geschichten die spannend seien, ohne aufs Mitleid zu pochen, das hŠtte sie interessiert. Es folgten Engagements mal hier, mal dort, freie Szene, aber auch 1988 ein halbes Jahr Berlin in der "Bluthochzeit." Dann erster Kontakt mit ihrer gro§en Liebe F.G. Lorca und Ð wieder in Wien - der spanischen Renaissancemusik. 2 CD's folgen, wochenlang Lorca in der Drachengasse, das gebe es heute nicht mehr, kammermusikalisch. Eine tolle Zeit sei es gewesen. Und viel in der Provinz, hŠufig in Kulturclubs, aber vieles gibt es nicht mehr, oder wird absehbar aufhšren, auch die Drachengasse. Zusammengespielt hat sie mit vielen, auch mit Kurt Ostbahn.

Sie habe nie MŠdchen sein wollen, Frau, sondern ein Bub, als Einzelkind, das in einem Gro§familienverband in Kiental im Berner Oberland aufgewachsen ist. Dort, wo Lenin Geheimsitzungen abhielt und DŸrrenmatt seinen "Besuch der alten Dame" entwarf. Idyllisch sei es dort. Mit 16 sei sie von zuhause weggegangen, habe dann 1981 an einem Berner Gymnasium maturiert. "Wirtschaftsgymnasium," setzt sie nach. Ihren Vater hat sie nie gekannt, nie kennengelernt, und die Mutter hatte es schwer, so mit einem ledigen Kind, ohne Mann, damals, vor vierzig Jahren. Ob sie Feministin sei? Nicht mehr. Sie halte den kŠmpferischen Feminismus von vor 20 Jahren fŸr veraltet, meint sie. Es mŸsse heute feiner, subtiler passieren. Aber habe sie es als Frau nie schwerer aufgrund ihres Geschlechts gehabt? Nein. Sie habe sich auch bei den Musikern immer fŸr die besseren entschieden. "Sicher, Frauen haben es schwerer, im Parlament, Einkommensverteilung. So allgemein." Das klingt leicht vorsichtig. Sie selbst? "Ich habe es nur mit mir schwer." Ruhig spricht sie, fest. NŸchtern, ernŸchtert, vielleicht wie man wird wenn man zur Erwachsenheit resigniert hat, begriffen hat da§ man die Grundeinsamkeit nie Ÿberwinden kann. "Ich habe mich abstrahiert von der Schweiz. Ich habe keinen Vater, kein Vaterland." Aber immer eine SchwŠche fŸr die, die sich nicht so durchsetzen kšnnen.

Goethe sagt einmal zu Eckermann, da§ sein Durchbruch zum Werk gekommen sei als er begriff, da§ der Schriftsteller schreibt weil es seine Natur ist. Alles aber ist nach seiner Natur tŠtig, sagt Aristoteles. Daran wird es erkennbar: Was es an Wirkung hinterlЧt. Und dann kann man es lieben.

Christina liefert bis auf manche schwytzer "R" akzentfreies Hochdeutsch, ist auch im Wienerischen daheim, in allem aber schwingt ein Grundzauber mit den sie wie einschalten kann, und der im Programm vor allem gegen Schlu§ regelrecht aufstrahlt. Vielleicht auch weil wir das Schitzerdytsch als "niedlich" empfinden. Dazu dieser elastische, schlanke Frauenkšrper. Einen Mittvierziger rechts hinten rei§t es zu wahrer Begeisterung hin. Als sie singt "I bi imma die ledschti" ist es zum Greifen, ein Funke springt Ÿber. Zugabe, Zugabe wird skandiert, auch von mir. Sie bringt noch ein Couplet Christina ZurbrŸgg - Eine Schweizerin in Wienvon Martin Auer. Alles kann man am Menschen ersetzen, es gibt Holzbeine und Prothesen und Glasaugen. Aber nicht das Herz, nicht das Hirn.

"Kunst ist Lebenskunst," sagt sie wŠhrend sie in ihrem hautengen schwarzen Overall dasitzt. Und sei es ein gutes Essen zuzubereiten. Sich eben auszudrŸcken. Was sie tue mache sie nicht, um "gro§e" Kunst zu machen, sondern einfach weil sie es halt mache. Sie habe es schlie§lich nicht mehr ertragen, mit einer Richtung Ð spanische Musik, oder Jodeln Ð reduziert weil festgelegt zu sein. DafŸr sei sie zu vielseitig, dazu habe sie zu viele Ideen. Drum "Christl's Wunderwelt."

Sie sei gerne in Mexiko gewesen, habe im letzten November wieder eine Tournee dort abgespielt. Selbst im kleinsten Kaff 400 Leute, und sie habe einfach musiziert. Sie spiele auch auf Engagement. Einlagen zum Beispiel, und sei es auf Firmenfesten, erhalte freilich auch groteske Anfragen. Mit ihrem ersten Kleinkunsprogramm wolle sie viel Tournee gehen, auch gro§e HŠuser seien im Visier. Politisch? Sie erzŠhle Geschichten, wolle Politisches nicht direkt aussprechen. Glaube mir, sagt sie: Wenn ich es darauf abgesehen hŠtte und berŸhmt werden wollte, im Hauptprogramm des ORF und so, dann wŠre ich es. Aber es sei nicht ihre Vision. Was sei ihr Ziel? Etwas, wie sie es in Mexico erlebe: Wo Menschen kŠmen und alles nŠhmen, wie es sei, sich einfach am So-Sein freuten.

Er hei§e Berthalan, BartholomŠus, ungarisch. Ob er sich zu mir setzen kšnne, nachdem ich mit dem Interview offensichtlich fertig sei. Der mit den schwarzen langen Haaren. Er spricht kraftlos, was mich unruhig macht, denn eine nervende TrŠgheit fa§t einen da an. Ich mšchte solchen gerne den berŸhmten Tritt in den Arsch geben. Wenn er auch nicht unklug redet. Aber viel. Er photographiere seit zwanzig Jahren, jetzt aber nur noch Landschaften. Und verdiene sein Geld als Weinbauarbeiter. Der nŠchste von denen, denke ich, die noch mit vierzig nur von Zukunft und unausgelebten Talenten sprechen.

Die ZurbrŸgg sitzt am Nebentisch, an den sie von einem PŠrchen gebeten wurde Ð beide um die vierzig, er hager, ich sehe seinen Šlteren Volvo vor mir. GHalbgatze, grauer Bart, Brille mit Metallfassung, Pfeifenraucher. Dann kommt auch der Techniker, Halbglatze, etwa Mittvierziger, eher schmŠchtig. Michael Hudicek hat sich in den letzten zwanzig Jahren einen Namen in der Film-Postproduktion gemacht, so mancher Preis wurde ihm verliehen, und Filme von beachtlichem Rang finden sich auf seiner Referenzliste. Einmal legt Christina ihren Kopf auf seine Schultern. Berthalan durchfŠhrt es. "Sie ist verheiratet," sage ich zu ihm. Sein Mund verzieht sich zu einem resignierten Grinsen.

SchrŠg gegenŸber zwei MŠdchen an einem Tisch. Nicht unhŸbsch die eine, sage ich. Sie sieht herŸber, sagt Berthalan sarkastisch. Warum sprechen einen nicht die Frauen an, meint er. Warum mu§ man immer als Mann den ersten Schritt tun. Zwischen deren Tisch und jenem, an dem ZurbrŸgg den legendŠren Backhendlsalat der "Vorstadt" mit Appetit i§t, sitzt ein bekannter Wiener Castingregisseur. Ich erkenne ihn erst jetzt, gehe zu ihm kurz hin, begrŸ§e ihn, ob auch er die ZurbrŸgg ... Nein, er sei zufŠllig hier. Drei junge MŠdchen sitzen bei dem schmŠchtigen Mittdrei§iger. Er hat kaum noch Haare am Kopf und seinen obligaten Dreitagesbart. Ich gehe wieder an meinen Tisch.

Er glaube an ZufŠlle, es sei nicht alles ein Zueinander. Berthalan redet ununterbrochen, wŠhrend wir gegen zwei Uhr zum Westbahnhof zur N6 gehen. Gestern zum Beispiel sei ihm in der Stra§enbahn eine Platte aufgefallen, die im TŸrbereich an die Wand gelehnt war. Er habe geglaubt, da§ jemand sie vergessen habe, sei aufgestanden um sie dem Fahrer zur Aufbewahrung zu bringen. Als er sie aufnahm entdeckte er, da§ auf der Christina ZurbrŸggabgewandten Seite ein Frauenakt gemalt war. Da habe ein alter, gebrechlicher Mann protestiert, denn das Bild habe er gemalt. "Stell Dir vor: Vielleicht wird das Bild nie mehr jemand zu Gesicht bekommen. HŠtte ich es nicht gesehen." Dabei fŠhrt er sich durch sein krŠftiges Haar.

Ich singe noch die ganzen nŠchsten Tage "I bi hoid imma di ledschdi ..." Die Anfangsbuchstaben, deretwegen sie in der Schule, wo alles alphabetisch ablief, stets zum Schlu§ drankam. Z und dann noch U. Freude ist stets einfach. Aber sie trŠgt die Welt. "Das Programm ist das erste, wo meine Mutter nichts zu meckern hatte," sagt Christina ZurbrŸgg. Ihr Haar trŠgt sie anders als am Photo. Und auch ihr Gesicht wirkt viel erwachsener. Kind ist sie aber mit ihrem Gesang. (Christina ZurbrŸgg: "Christl's Wunderwelt"; Termine: "www.zurbruegg.at"

Photos "Christina ZurbrŸgg": Copyright Joseph Gallauer, Abdruck bei Namensnennung honorarfrei

 
 
     
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