| Vielleicht
lese ich doch noch das StŸck
Zwillinge, 28, Mann und
Frau, haben sich entschlossen, sich von der Welt abzuwenden, Kinder
zu bleiben, und leben in Schokoladen- und BarbituratenabhŠngigkeit
ein auf sich geworfenes Leben, in welchem Fiktion und RealitŠt verschwimmen,
das Leben zu einer Inszenierung des †ber-Ich wird. Aus der Konfrontation
von AlptrŠumen und SehnsŸchten entwickelt sich ein gefŠhrliches
Spiel um Leben und Tod, um Gewalt und Besessenheit, deren tšdlicher
Ernst in dem ungelšsten RŠtsel um das Verschwinden der Eltern evident
wird. Philip Ridley, der in London East-End lebt, stellt das SelbstgefŸhl
der Generation der Neunziger Jahre dar, in ihrer Geworfenheit auf
sich selbst, aus der verzweifelte Inversion des Bewu§tseins entsteht,
das Šu§ere Welt nur noch als bedrohlich empfinden kann und Erkenntnisbilder
aus ungesŠttigter Lebensgier unter RŸckgriff auf dŠmonische weil
langweilige EindrŸcke geglŠtteter Kindheit evoziert. Mit psychologistischen
Dialogen, wo SchuldfŠhigkeit zwar geleugnet, anderseits UnglŸck
zur Schuld der anderen erklŠrt wird. Klingt spannend, das gŠbe was
her, da kšnnte sich Seelenforensik abspielen, mit viel viel Selbsterkenntnis
weil Wiedererkennen. Meine ich. Woher ich diese Hoffnung aber hatte,
die Information, auf der sich fŸr mich diese Interpretation als
die wahrscheinlichste, mšglichste ergab? Aus dem , was ich aus dem
Internet Ÿber das StŸck recherchiert hatte. Nicht aber aus dem,
was ich in Schwechat gesehen habe.
Denn
die Inszenierung von DER DISNEY KILLER (Urauff. London 1991) durch
kultur.konstruktiv mit Isabella Feimer als Regisseurin
im Theater Forum Schwechat (8.-17. Mai 2003) ist langweiliges
Pseudo-Theater, das darauf hofft da§ Effekte mangelnde Aussagedistinktheit
kaschieren. Weil genau das nicht gelingt, was Theater ist: Ausdeutung
in der Darstellung. Darstellung scheint Ÿberhaupt kein Thema der
Regisseurin zu sein, der man zumindest hier das geteilte Auge absprechen
mu§, das jemand braucht, der inszeniert: Hier Zuschauer, dort gŸltiges
StŸckinterpretat. Weil man aber nichts Arges denkt frŠgt man sich
erst, ob das StŸck ein Nichts ist. Dann reduzierte sich alle Kritik
auf die Frage, weshalb man sowas auf die BŸhne bringen will. Warum
aber hat dieses Etwas seit 12 Jahren so einen Erfolg, wird so oft
gespielt? Kšnnte man etwas Ÿbersehen haben? Aber nein, man kommt
nicht rein, so sehr man sich konzentriert. Ob es vielleicht dann
doch von der Inszenierung her hapert? Sofortige Gegenprobe: Exposition.
Die verrŠt alles, weil sie das Einhaken in einen dramaturgischen
Konflikt ermšglichen mu§. Aber: Keine Identifikationsmšglichkeit,
von Anfang an wird plump verfremdet, das Ich kann sich nie orientieren.
So berŸhrt einen bald gar nichts mehr, alles wird zur unverstehbaren
und langweiligen Suppe, nur da und dort durch ein paar Effekte aufgerissen
(z.B. im berŸhrenden Geschrei von Pitchfork, das mehr erzŠhlt als
das ganze StŸck.) Ein Spiel um inzestušse Spannung? Gibt es nicht.
Nur aus Gesprochenem kann man rekonstruieren, was darstellend abgehen
kšnnte. GefŠhrlichkeit? Beklemmung? Alpdruck? Gewalt? Tšdliches
Duell zwischen Presley und Cosmo? Bangen ob der Latenz des Schreckens
Ÿber die offenen Fragen nach dem Verschwinden der Eltern? Das und
noch mehr sollte wohl da sein. Sollte wohl. Symbolistischer Verfremdungspurismus
garantiert aber noch keinen Albtraum. Ahja: Verschwimmen von RealitŠt
und Traum. Aber wenn Traum von Anfang an gleichrangig dasteht ist
alles RealitŠt. Man gibt auf, schaut ungeduldig auf die Uhr, Ÿberlegt
einzuschlafen. Oder Ÿbertreibt verschŠmt im VerfŠcheln der Hitze
im ehemaligen Kino, um den Gesichtsausdruck zu entschŠrfen. SpŠter
erst entdeckt man wievielen Zusehern es bei der Premiere gleich
erging.
Da
nŸtzt es wenig, da§ ausnahmslos das gesamte Ensemble Ð Marion
Baier, Martin Gesslbauer (leider viel zu harmlos), Roman Binder,
Astrid Schweighofer Ð so spielt da§ man erkennt, was die drauf
haben, Versprechen fŸr die Zukunft abgeben. Ja sie wirken individuell
besser vorbereitet als die gesamte Inszenierung. Denn sie sind auf
ihre Art in ihren Rollen sehr gut, aber die Figurenfama selbst ist
nicht stimmig. Keine Handlung wirkt nachvollziehbar aus einem StŸckflu§
motiviert, die Text-Einspielungen (Sprecher K. Wozek, der
sich aber zu bedeutungsschwanger-undistanziert auf die dramaturgisch
unergiebigen Assoziations- und subjektivistischen Reflexionsschlaglichter
draufsetzt.) deuten nichts aus, und man hšrt irgendwann nicht einmal
mehr zu, hofft nur noch auf das baldige Ende des Einakters.
Da§
DER DISNEY-KILLER offenbar leicht mi§- oder nicht verstanden werden
kann beweisen die sehr unterschiedlichen Inszenierungskritiken der
Vergangenheit. Langeweile wird z.B. auch der amerikanischen ErstauffŸhrung
1999 attestiert, das StŸck freilich bleibt selbst in Oslo und Rom
sakrosankt. Vielleicht tut man deshalb Feimer ein wenig Unrecht,
sie ist ja noch jung. Aber wer nicht wohlwollend bereit ist, Psychopathologiekataloge
danach abzuhaken, was wohl gemeint gewesen sein kšnnte, wer nicht
beim Zusehen innerlich Freud etc. mitliest, sich sagt: Aha, das
wŠre dieser Komplex, diese Neurose, dieses Klischee ... dem kšnnte
sogar die Bereitschaft abhanden kommen, die eineinviertel Stunden
zu ertragen.
VerstŸmmelung
des DER DISNEY-KILLER/The Pitchfork Killer? HŠtte ich nicht im Internet
Ÿber den fŸr KinderbŸcher, Filme und StŸcke preisgekršnten Philip
Ridley recherchiert - nie hŠtte ich den Rang des Autors im englischsprachigen
Raum vermutet. Denn die Inszenierung durch Isabella Feimer
am Schwechater Theater Forum ist stinklangweiliges Scheintheater.
Das auf Darstellung zugunsten eines lŠngst uninteressanten, symbolistischen,
effektverlorenen, sinnlich unnachvollziehbaren Patchwork-Regie-Hysterismus
verzichtet. Nur die Schauspieler wie der junge Roman Binder sind
sehenswert, dessen Cosmo man gerne zusieht. Aber was das
StŸck sein kšnnte, worum es Ridley geht, wird man sich erlesen mŸssen.
Was man vorhat wenn man aus vorliegenden Inszenierungskritiken jenen
Gewinn erhofft, den kultur.konstruktiv nicht bietet: Immerhin
soll "marvellous" Ridley das LebensgefŸhl der 90er-Jugend
erfa§t haben. So TheGuardian. Was sagte da eine Schwechater
Kulturpolitikerin vorsichtig? "Naja, vielleicht fŸr die Jugend
..." †brigens: Brauchen wir dazu EnglŠnder? (ew)
DER
DISNEY-KILLER von Philip Ridley, Theater Forum Schwechat & kultur.konstruktiv,
Ehrenbrunngasse 24;
Karten:
+43 1 707 82 72. Vorstellungen: 8.-17. Mai 2003, Beginn 20.00 Uhr. |