DER DISNEY-KILLER

Die Inszenierung von Isabella Feimer, Theater Forum Schwechat im Mai 2003

Originaltitel: "THE PITCHFORK KILLER" von Philip Ridley (London)

Vielleicht lese ich doch noch das StŸck

Zwillinge, 28, Mann und Frau, haben sich entschlossen, sich von der Welt abzuwenden, Kinder zu bleiben, und leben in Schokoladen- und BarbituratenabhŠngigkeit ein auf sich geworfenes Leben, in welchem Fiktion und RealitŠt verschwimmen, das Leben zu einer Inszenierung des †ber-Ich wird. Aus der Konfrontation von AlptrŠumen und SehnsŸchten entwickelt sich ein gefŠhrliches Spiel um Leben und Tod, um Gewalt und Besessenheit, deren tšdlicher Ernst in dem ungelšsten RŠtsel um das Verschwinden der Eltern evident wird. Philip Ridley, der in London East-End lebt, stellt das SelbstgefŸhl der Generation der Neunziger Jahre dar, in ihrer Geworfenheit auf sich selbst, aus der verzweifelte Inversion des Bewu§tseins entsteht, das Šu§ere Welt nur noch als bedrohlich empfinden kann und Erkenntnisbilder aus ungesŠttigter Lebensgier unter RŸckgriff auf dŠmonische weil langweilige EindrŸcke geglŠtteter Kindheit evoziert. Mit psychologistischen Dialogen, wo SchuldfŠhigkeit zwar geleugnet, anderseits UnglŸck zur Schuld der anderen erklŠrt wird. Klingt spannend, das gŠbe was her, da kšnnte sich Seelenforensik abspielen, mit viel viel Selbsterkenntnis weil Wiedererkennen. Meine ich. Woher ich diese Hoffnung aber hatte, die Information, auf der sich fŸr mich diese Interpretation als die wahrscheinlichste, mšglichste ergab? Aus dem , was ich aus dem Internet Ÿber das StŸck recherchiert hatte. Nicht aber aus dem, was ich in Schwechat gesehen habe.

Denn die Inszenierung von DER DISNEY KILLER (Urauff. London 1991) durch kultur.konstruktiv mit Isabella Feimer als Regisseurin im Theater Forum Schwechat (8.-17. Mai 2003) ist langweiliges Pseudo-Theater, das darauf hofft da§ Effekte mangelnde Aussagedistinktheit kaschieren. Weil genau das nicht gelingt, was Theater ist: Ausdeutung in der Darstellung. Darstellung scheint Ÿberhaupt kein Thema der Regisseurin zu sein, der man zumindest hier das geteilte Auge absprechen mu§, das jemand braucht, der inszeniert: Hier Zuschauer, dort gŸltiges StŸckinterpretat. Weil man aber nichts Arges denkt frŠgt man sich erst, ob das StŸck ein Nichts ist. Dann reduzierte sich alle Kritik auf die Frage, weshalb man sowas auf die BŸhne bringen will. Warum aber hat dieses Etwas seit 12 Jahren so einen Erfolg, wird so oft gespielt? Kšnnte man etwas Ÿbersehen haben? Aber nein, man kommt nicht rein, so sehr man sich konzentriert. Ob es vielleicht dann doch von der Inszenierung her hapert? Sofortige Gegenprobe: Exposition. Die verrŠt alles, weil sie das Einhaken in einen dramaturgischen Konflikt ermšglichen mu§. Aber: Keine Identifikationsmšglichkeit, von Anfang an wird plump verfremdet, das Ich kann sich nie orientieren. So berŸhrt einen bald gar nichts mehr, alles wird zur unverstehbaren und langweiligen Suppe, nur da und dort durch ein paar Effekte aufgerissen (z.B. im berŸhrenden Geschrei von Pitchfork, das mehr erzŠhlt als das ganze StŸck.) Ein Spiel um inzestušse Spannung? Gibt es nicht. Nur aus Gesprochenem kann man rekonstruieren, was darstellend abgehen kšnnte. GefŠhrlichkeit? Beklemmung? Alpdruck? Gewalt? Tšdliches Duell zwischen Presley und Cosmo? Bangen ob der Latenz des Schreckens Ÿber die offenen Fragen nach dem Verschwinden der Eltern? Das und noch mehr sollte wohl da sein. Sollte wohl. Symbolistischer Verfremdungspurismus garantiert aber noch keinen Albtraum. Ahja: Verschwimmen von RealitŠt und Traum. Aber wenn Traum von Anfang an gleichrangig dasteht ist alles RealitŠt. Man gibt auf, schaut ungeduldig auf die Uhr, Ÿberlegt einzuschlafen. Oder Ÿbertreibt verschŠmt im VerfŠcheln der Hitze im ehemaligen Kino, um den Gesichtsausdruck zu entschŠrfen. SpŠter erst entdeckt man wievielen Zusehern es bei der Premiere gleich erging.

Da nŸtzt es wenig, da§ ausnahmslos das gesamte Ensemble Ð Marion Baier, Martin Gesslbauer (leider viel zu harmlos), Roman Binder, Astrid Schweighofer Ð so spielt da§ man erkennt, was die drauf haben, Versprechen fŸr die Zukunft abgeben. Ja sie wirken individuell besser vorbereitet als die gesamte Inszenierung. Denn sie sind auf ihre Art in ihren Rollen sehr gut, aber die Figurenfama selbst ist nicht stimmig. Keine Handlung wirkt nachvollziehbar aus einem StŸckflu§ motiviert, die Text-Einspielungen (Sprecher K. Wozek, der sich aber zu bedeutungsschwanger-undistanziert auf die dramaturgisch unergiebigen Assoziations- und subjektivistischen Reflexionsschlaglichter draufsetzt.) deuten nichts aus, und man hšrt irgendwann nicht einmal mehr zu, hofft nur noch auf das baldige Ende des Einakters.

Da§ DER DISNEY-KILLER offenbar leicht mi§- oder nicht verstanden werden kann beweisen die sehr unterschiedlichen Inszenierungskritiken der Vergangenheit. Langeweile wird z.B. auch der amerikanischen ErstauffŸhrung 1999 attestiert, das StŸck freilich bleibt selbst in Oslo und Rom sakrosankt. Vielleicht tut man deshalb Feimer ein wenig Unrecht, sie ist ja noch jung. Aber wer nicht wohlwollend bereit ist, Psychopathologiekataloge danach abzuhaken, was wohl gemeint gewesen sein kšnnte, wer nicht beim Zusehen innerlich Freud etc. mitliest, sich sagt: Aha, das wŠre dieser Komplex, diese Neurose, dieses Klischee ... dem kšnnte sogar die Bereitschaft abhanden kommen, die eineinviertel Stunden zu ertragen.

VerstŸmmelung des DER DISNEY-KILLER/The Pitchfork Killer? HŠtte ich nicht im Internet Ÿber den fŸr KinderbŸcher, Filme und StŸcke preisgekršnten Philip Ridley recherchiert - nie hŠtte ich den Rang des Autors im englischsprachigen Raum vermutet. Denn die Inszenierung durch Isabella Feimer am Schwechater Theater Forum ist stinklangweiliges Scheintheater. Das auf Darstellung zugunsten eines lŠngst uninteressanten, symbolistischen, effektverlorenen, sinnlich unnachvollziehbaren Patchwork-Regie-Hysterismus verzichtet. Nur die Schauspieler wie der junge Roman Binder sind sehenswert, dessen Cosmo man gerne zusieht. Aber was das StŸck sein kšnnte, worum es Ridley geht, wird man sich erlesen mŸssen. Was man vorhat wenn man aus vorliegenden Inszenierungskritiken jenen Gewinn erhofft, den kultur.konstruktiv nicht bietet: Immerhin soll "marvellous" Ridley das LebensgefŸhl der 90er-Jugend erfa§t haben. So TheGuardian. Was sagte da eine Schwechater Kulturpolitikerin vorsichtig? "Naja, vielleicht fŸr die Jugend ..." †brigens: Brauchen wir dazu EnglŠnder? (ew)

DER DISNEY-KILLER von Philip Ridley, Theater Forum Schwechat & kultur.konstruktiv, Ehrenbrunngasse 24;

Karten: +43 1 707 82 72. Vorstellungen: 8.-17. Mai 2003, Beginn 20.00 Uhr.

 
 
     
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