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Edgar Wallace Reminiszenz als Psychodrama
Ein junger Rechtsanwalt erhŠlt den Auftrag, die Verlassenschaft
einer schrulligen alten Dame zu regeln, die im Norden Englands in
einem abgelegenen Haus gelebt hatte. Was wie ein langweiliger Routineauftrag
fŸr ein paar Tage aussieht entpuppt sich aber als Horrortrip: Der
rachsŸchtige Geist der Schwester der Verstorbenen treibt dort seit
vielen Jahren sein Unwesen, und mit diesem bekommt es nun auch eben
Mr. Kipps zu tun. Was auch die Beschreibung eines dieser herrlichen
Schinken von Edgar Wallace oder eines Dramas von Charles Dickens
sein kšnnte ist eine Bearbeitung eines Romans von Susan Hill durch
den Amerikaner Stephen Mallatratte und wird derzeit in der Gruppe
80 gegeben. Premiere war am 25. November. Und gleich vorweg: Ein
durchaus bezaubernder Theaterabend.
Der Regisseur Ð Erhard Pauer, auch fŸr das BŸhnenbild verantwortlich
- als Magier, das ahnt man durchaus. Und man frŠgt nicht nach den
GrŸnden fŸr die Effekte, weil man das bei einem Zauberer auch nicht
tut. Alles in allem werden viele Mšglichkeiten der BŸhne handwerklich
sauber und prŠzise ein wenig ausgereizt. Mit der interessantesten
Frage: Mit wie wenig kommt man aus, um einen tragfŠhigen Sinnhorizont
Ð und das leistet eben dessen Phantasie Ð im Betrachter anzustiften,
soda§ ein Kosmos entsteht. Wobei es mir schwerfŠllt zu glauben,
da§ jemand der NICHT Wallace gesehen hat immer ausreichend Material
fŸr diese Bilder hat. Zu offenkundig spielt die Inszenierung mit
dem Genre des guten alten englischen Horror-Krimis, wie er vom Bildschirm
bekannt ist. Freilich, wer mag ihn nicht. Offensichtlich auch Pauer,
dessen Freude an und Liebe zur Illusion jeden Moment spŸrbar ist.
Man genie§t es als Zuseher, sich in seiner eigenen Phantasie zu
rŠkeln, die sich nur an den oft wenigen gebotenen Sinnesdaten sofort
entzŸndet.
Inkonsequent ist, da§ manche (akustische) Mittel zu opulent eingesetzt
werden, so fertige Bilder hŠtte es nicht gebraucht. Es wŠre reizvoll
gewesen, auch hier z.B. nur mit menschlichen Stimmen zu arbeiten.
Ansonsten: Spannend, ja, wenn auch die Geschichte dŸnn ist, man
immer wieder knapp davor steht gedanklich abzuschweifen. Sie fŠngt
als Darstellung eines Psychodramas an und lЧt zuerst viel erwarten,
denn die Spannung wird gut aufgebaut. Es hŠtte vielleicht geholfen,
ohne Pause und kŸrzer zu inszenieren. Denn der zweite Teil hŠlt
nicht mehr, was der erste verspricht: Die Spannung wird nicht noch
einmal so kompakt sich steigernd aufgebaut, man entdeckt sogar da§
man wesentliche SŠtze zuvor beinahe Ÿberhšrt hat, deren Sinn sich
nun herausstellt, weil sie zuwenig herausgearbeitet wurden. Man
ahnt aber immer mehr da§ nicht viel rauskommt, und wirklich: Das
Ende der Geschichte ist etwas schwach. Die Schlu§pointe Ð die schwarzgekleidete
Frau, die Kipps dauernd gesehen hatte, war dieser Geist, dem nun
auch Kipps' Familie zum Opfer fŠllt Ð geht ebenso unter wie manche
andere.
Das liegt auch an den Schauspielern. Oliver Huether als Schauspieler,
der Mr. Kipps helfen soll, die Geschichte anderen zu erzŠhlen, damit
er sich von den Gespenstern der Erlebnisse durchs Psychodrama befreit,
beginnt gut, handwerklich sauber und sprechtechnisch Ÿberzeugend.
Als er jedoch anfŠngt, Mr. Kipps in seinen Erlebnissen zu spielen
verliert er an GlaubwŸrdigkeit, die er durch outrierte Emotionen
zu retten versucht. Ohne Erfolg, soda§ er als SpannungstrŠger schlie§lich
ausfŠllt. Man nimmt diesem Kipps nicht mehr ab, da§ er Schreckliches
erlebt haben soll.
Jšrg Stelling kann die komšdiantischen Mšglichkeiten nur selten
ausschšpfen, die sein Part bšte. StŠndig von einem Charakter in
den anderen zu wechseln ist doch fŸr einen Schauspieler mit Spielfreude
ein aufgelegter Elfer. Aber Stelling verwandelt nicht, der Ball
holpert am Tor vorbei. So kommt im Publikum auch kaum mehr als wohlwollendes
LŠcheln auf Ð man ahnt mehr als man sieht, was an Humor mšglich
wŠre.
Der stumme Geist, von Melanie Waldbauer heroisch gespielt, war vielleicht
etwas zu grell geschminkt um immer gruselig zu sein.
Fazit: Erhard Pauer hat gezeigt, da§ er technisch-handwerklich was
drauf und Liebe zum Detail hat, verliert sich aber ein wenig in
den Trickzauberer. Man hŠtte sich mehr dramaturgisches Profil gewŸnscht.
Die Inszenierung, das StŸck, ist eine nicht unbedingt neue doch
gelungene und spannende Auseinandersetzung mit den Mšglichkeiten
von Theater. Die Hauptdarsteller Ð Oliver Huether und Jšrg Stelling
- enttŠuschen ein wenig. In jedem Fall zu loben ist die PrŠzision
des Zusammenspiels auch mit der Technik. Der gesamte Abend ist zumindest
fŸr jene empfehlenswert, die Edgar Wallace-Filme lieben, die auch
nicht von gro§er Welterkenntnis leben und wo man schon im Vorspann
das Ende kennt. Und wer mag diese Filme nicht. Darum: Ein lohnender
weil wirklich unterhaltsamer Theaterabend.
Gruppe 80, Gumpendorfer Str. 67, 1060 Wien, Stephen Mallatratte,
DIE FRAU IN SCHWARZ, vom 25.11. bis 21.12.2002, Di-Sa 20 Uhr, (ausgen.
29./30.11.) Kartenreservierungen: 01/586 52 22
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