DIE FRAU IN SCHWARZ

von Stephan Mallatratte; Inszenierung: Erhard Pauer; Wien, 23. Nov. 2002

 

Edgar Wallace Reminiszenz als Psychodrama


Ein junger Rechtsanwalt erhŠlt den Auftrag, die Verlassenschaft einer schrulligen alten Dame zu regeln, die im Norden Englands in einem abgelegenen Haus gelebt hatte. Was wie ein langweiliger Routineauftrag fŸr ein paar Tage aussieht entpuppt sich aber als Horrortrip: Der rachsŸchtige Geist der Schwester der Verstorbenen treibt dort seit vielen Jahren sein Unwesen, und mit diesem bekommt es nun auch eben Mr. Kipps zu tun. Was auch die Beschreibung eines dieser herrlichen Schinken von Edgar Wallace oder eines Dramas von Charles Dickens sein kšnnte ist eine Bearbeitung eines Romans von Susan Hill durch den Amerikaner Stephen Mallatratte und wird derzeit in der Gruppe 80 gegeben. Premiere war am 25. November. Und gleich vorweg: Ein durchaus bezaubernder Theaterabend.

Der Regisseur Ð Erhard Pauer, auch fŸr das BŸhnenbild verantwortlich - als Magier, das ahnt man durchaus. Und man frŠgt nicht nach den GrŸnden fŸr die Effekte, weil man das bei einem Zauberer auch nicht tut. Alles in allem werden viele Mšglichkeiten der BŸhne handwerklich sauber und prŠzise ein wenig ausgereizt. Mit der interessantesten Frage: Mit wie wenig kommt man aus, um einen tragfŠhigen Sinnhorizont Ð und das leistet eben dessen Phantasie Ð im Betrachter anzustiften, soda§ ein Kosmos entsteht. Wobei es mir schwerfŠllt zu glauben, da§ jemand der NICHT Wallace gesehen hat immer ausreichend Material fŸr diese Bilder hat. Zu offenkundig spielt die Inszenierung mit dem Genre des guten alten englischen Horror-Krimis, wie er vom Bildschirm bekannt ist. Freilich, wer mag ihn nicht. Offensichtlich auch Pauer, dessen Freude an und Liebe zur Illusion jeden Moment spŸrbar ist. Man genie§t es als Zuseher, sich in seiner eigenen Phantasie zu rŠkeln, die sich nur an den oft wenigen gebotenen Sinnesdaten sofort entzŸndet.
Inkonsequent ist, da§ manche (akustische) Mittel zu opulent eingesetzt werden, so fertige Bilder hŠtte es nicht gebraucht. Es wŠre reizvoll gewesen, auch hier z.B. nur mit menschlichen Stimmen zu arbeiten.

Ansonsten: Spannend, ja, wenn auch die Geschichte dŸnn ist, man immer wieder knapp davor steht gedanklich abzuschweifen. Sie fŠngt als Darstellung eines Psychodramas an und lЧt zuerst viel erwarten, denn die Spannung wird gut aufgebaut. Es hŠtte vielleicht geholfen, ohne Pause und kŸrzer zu inszenieren. Denn der zweite Teil hŠlt nicht mehr, was der erste verspricht: Die Spannung wird nicht noch einmal so kompakt sich steigernd aufgebaut, man entdeckt sogar da§ man wesentliche SŠtze zuvor beinahe Ÿberhšrt hat, deren Sinn sich nun herausstellt, weil sie zuwenig herausgearbeitet wurden. Man ahnt aber immer mehr da§ nicht viel rauskommt, und wirklich: Das Ende der Geschichte ist etwas schwach. Die Schlu§pointe Ð die schwarzgekleidete Frau, die Kipps dauernd gesehen hatte, war dieser Geist, dem nun auch Kipps' Familie zum Opfer fŠllt Ð geht ebenso unter wie manche andere.

Das liegt auch an den Schauspielern. Oliver Huether als Schauspieler, der Mr. Kipps helfen soll, die Geschichte anderen zu erzŠhlen, damit er sich von den Gespenstern der Erlebnisse durchs Psychodrama befreit, beginnt gut, handwerklich sauber und sprechtechnisch Ÿberzeugend. Als er jedoch anfŠngt, Mr. Kipps in seinen Erlebnissen zu spielen verliert er an GlaubwŸrdigkeit, die er durch outrierte Emotionen zu retten versucht. Ohne Erfolg, soda§ er als SpannungstrŠger schlie§lich ausfŠllt. Man nimmt diesem Kipps nicht mehr ab, da§ er Schreckliches erlebt haben soll.
Jšrg Stelling kann die komšdiantischen Mšglichkeiten nur selten ausschšpfen, die sein Part bšte. StŠndig von einem Charakter in den anderen zu wechseln ist doch fŸr einen Schauspieler mit Spielfreude ein aufgelegter Elfer. Aber Stelling verwandelt nicht, der Ball holpert am Tor vorbei. So kommt im Publikum auch kaum mehr als wohlwollendes LŠcheln auf Ð man ahnt mehr als man sieht, was an Humor mšglich wŠre.
Der stumme Geist, von Melanie Waldbauer heroisch gespielt, war vielleicht etwas zu grell geschminkt um immer gruselig zu sein.

Fazit: Erhard Pauer hat gezeigt, da§ er technisch-handwerklich was drauf und Liebe zum Detail hat, verliert sich aber ein wenig in den Trickzauberer. Man hŠtte sich mehr dramaturgisches Profil gewŸnscht. Die Inszenierung, das StŸck, ist eine nicht unbedingt neue doch gelungene und spannende Auseinandersetzung mit den Mšglichkeiten von Theater. Die Hauptdarsteller Ð Oliver Huether und Jšrg Stelling - enttŠuschen ein wenig. In jedem Fall zu loben ist die PrŠzision des Zusammenspiels auch mit der Technik. Der gesamte Abend ist zumindest fŸr jene empfehlenswert, die Edgar Wallace-Filme lieben, die auch nicht von gro§er Welterkenntnis leben und wo man schon im Vorspann das Ende kennt. Und wer mag diese Filme nicht. Darum: Ein lohnender weil wirklich unterhaltsamer Theaterabend.

Gruppe 80, Gumpendorfer Str. 67, 1060 Wien, Stephen Mallatratte, DIE FRAU IN SCHWARZ, vom 25.11. bis 21.12.2002, Di-Sa 20 Uhr, (ausgen. 29./30.11.) Kartenreservierungen: 01/586 52 22

 
 
     
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