Theater: Von Regieeinfall zu Regieeinfall

 

VON KLAUS DERMUTZ (Die Presse) 22.05.2004

 

Wenige gro§e StŸcke, verspielte Stoffe und Schauspieler beim 41. Berliner Theatertreffen. Eine Bilanz.

 

Die gro§en StŸcke scheinen ausgedient zu haben. Das 41. Berliner Theatertreffen stand im Zeichen eines gro§en Umbruchs. Textcluster wie in Elfriede Jelineks "Das Werk" (Akademietheater Wien) oder impressionistisch geprŠgte Erinnerungswelten wie Armin Petras' "We are camera" (Thalia Theater, Hamburg) ersetzen die klassische dramatische Literatur. Auch das soziologisch orientierte BegrŠbnis-Spektakel "deadline" von Rimini Protokoll (Koproduktion des Deutschen Schauspielhauses mit dem Schauspiel Hannover, dem Hebbel am Ufer und dem Burgtheater Wien) verzichtet weitgehend auf Figuren. Die Folge dieser dramatischen AusdŸnnung ist meist ein spannungsloser Ablauf der Inszenierung, in der sich RegieeinfŠlle an RegieeinfŠlle reihen. 

Mit der Abkehr von den gro§en Dramen und Stoffen geht eine Hinwendung zur kleinen Form einher. Bei diesen Produktionen, die die Schauspieler-Profession nicht sonderlich fordern, kann der Zuschauer seine Aufmerksamkeit treiben lassen und an der einen oder anderen Passage mehr Interesse finden. Hšchst selten sieht man eine intensive Durcharbeitung des Konfliktes. Selbst die BeschŠftigung mit den Riten und Regeln der Bestattung in "deadline" lŠsst einen mit kalten Augen auf die sich in ErklŠrungen ergehende Darbietung blicken.
Auch Alain Platels Tanztheater-Produktion "Wolf" (Ruhrtriennale, Les Ballets C. Gent, der OpŽra National de Paris) ist eine bunte Mischung aus Gesang, Tanz, Akrobatik, langsam einschleichender SentimentalitŠt und jŠh sich entladender Gewalt. Der Strom treibt trŠge dahin. Hin und wieder gibt es wundervolle Arien und Akrobatik-Einlagen, Kšrper-Theater, das sich aus den TŠnzen Lateinamerikas die Energien holt.

Es waren nur Koproduktionen mit gro§en Festivals und Inszenierungen von Theatern aus den Metropolen zu sehen. Die "Provinz" kommt nicht mehr vor. Zu schwach, so die EinschŠtzung, seien dort die Arbeiten. TatsŠchlich wurde bei HŠndl Klaus' Petitesse "Wilde - der Mann mit den traurigen Augen" (steirischer herbst, Schauspiel Hannover), dem Alptraum einer Verirrung, zu Recht nach der BegrŸndung der Einladung gefragt: Beim Theatertreffen ist man ein anderes Niveau gewšhnt.


Bisweilen ging es so forciert komisch zu, dass unter den Lachsalven alle anderen Emotionen begraben wurden. In Barbara Freys "Onkel-Wanja"-Bearbeitung (Bayerischen Staatsschauspiel) lachen die Schauspieler andauernd Ÿber sich, und als Zuschauer bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Die Figuren sind derma§en vereinzelt und vereinsamt, dass sie gar keinen Kontakt mehr zur Umgebung mehr aufnehmen und sich erleichtert und selbstvergnŸgt in solipsistischen Klamauk flŸchten.


Das 41. Theatertreffen hat auch gezeigt, welcher Verlust, vielleicht sogar Verfall im schauspielerischen Bereich stattfindet. Nur in wenigen Ausnahmen - wie Robert Hunger-BŸhlers Danton in Christoph Marthalers "Dantons Tod" (ZŸrcher Schauspielhaus) - wurden Rollen von Anfang bis zum Ende gestaltet. Oft findet ein Abdriften in ein burleskes Spiel oder in einen absurden Einfall statt, bei dem als Erstes die Figur verraten wird. Kurz: Wer am Theater das Geheimnis von Figuren und das Unbewusste seelischer VorgŠnge liebt, fŸr den war das Theatertreffen heuer wenig aufregend. Wer auf Thesen und Themen aus ist, der wurde reichlich versorgt.

 

Kritik Festwochen: Terror fŸr das Publikum

 

(Die Presse) 22.05.2004

 

"Terrorizm" strapazierte die Geduld bei den Festwochen.

 

Zwei Stunden, 20 Minuten. So leuchtet es auf dem Display. Die Spielzeit, ein Countdown - am Donnerstag bei der Forum-Nebenschiene der Festwochen wurde er zur sinnlosen Qual. Fast war man versucht, in Gedenken an den StŸck-Titel hysterisch zu kreischen: "Publikums-Terror!" Es wŠre im Ÿbrigen belanglosen Geschwafel nicht weiter aufgefallen.


In der Regie des russischen Regie-Enfant-Terribles Kirill Sebrennikow spielte das Moskauer Tschechow-Theater "Terrorizm" von Wladimir und Oleg Presnjakow. Die Schauspieler jedenfalls waren nicht schuld an den die Geduld zerfetzenden Minuten! Die von ihnen geforderte akrobatische Kšrpersprache bewŠltigten sie auf der Techno-Laufsteg-BŸhne beeindruckend. Das Problem waren der geschwŠtzige Text - noch dazu in lethargischer SimultanŸbersetzung - und die Null-Aussage: Terror gibt es auch im privaten Alltag. Eine Terror-Inflation ohne Mitleid. Nach der Pause lichteten sich die ohnedies nicht ausverkauften Reihen. Andere kippten schnell noch ein, zwei Wodka. sp

 
     
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