Synchronisation in Birkenwald

Viktor E. Frankl's dramatische Skizze - Kritik eines Umsetzungsversuches in Wien, Odeon Theater, 14. Mai 2003

Da schreibt man einfach keine Kritik mehr ...

Viktor E. Frankl's dramatische Skizze "Synchronisation in Buchenwald" - 1946 unmittelbar nach "Trotz  dem Ja zum Leben sagen" verfa§t und vor rund fŸnfzehn Jahren verfilmt - auf die BŸhne zu bringen: Daran sind nicht wenige bereits gescheitert. Und dennoch wird es immer wieder versucht, und mit Recht, der Text ist es bei aller dramaturgischen Untauglichkeit einfach wert. Und erstmals auch in Wien. Unter der Regie von Stefan Weber versucht sich art:phalanx, und man kann es gleich sagen: Scheitert wie alle zuvor. Aber an der Grš§e des Autors und am Thema kann man nur scheitern. Weil es Dinge gibt die sich menschlichem Gestalten lŠngst entziehen, die fŸr sich zu belassen sind. Das Heilige zum Beispiel. Das ganz Gro§e zum Beispiel.

Dabei verzichtet Weber wohltuend auf den hŠufigen Mi§brauch der Thematik zu politischen Statements. Man merkt den ganzen Abend Ÿber den Respekt vor den Texten, Eingang KZ-Dachau - Wo die Hoffnung bricht, bricht das Leben die der Bachmann-PreistrŠger JŸrg Amann aus etlichen Werken Frankl's zusammengestellt und zu einem Ganzen zu fŸgen versucht hat. Auch Amann scheitert, wohl aber am Gesamtkonzept. Kein StŸck soll letztlich entrollt werden, das Tragische fa§t einen von ganz alleine und vom Beginn weg an. Die SpielflŠche (Konzept: Gernot Sommerfeld) ist dreigeteilt, und bereits nach wenigen Minuten versteht man ihren Bezug zu den jeweiligen Ebenen, die Frankl vorgibt: Hier der Himmel, das Jenseits, dort das Lager, als Gesamt, als Baracke innen.

Kant, Sokrates und Spinoza unterhalten sich vom Jenseits aus Ÿber den Zustand der Erde. Und Ÿber ihren Jammer darŸber, da§ die Menschen nicht dazulernen, da§ was immer sie sagten nicht gehšrt wurde, beschlie§en sie das was die Welt letztlich lebenswert macht durch das Protokoll dessen, was in Buchenwald passiert, neu darzustellen. Gelebte Philosophie also, als Lebensprinzip aller. Gerade durch den Schrecken, die Grenzlage, in die der Mensch a  ls Oper wie TŠter kommt bleibt nur die Wahrheit, reduziert sich Existenzwille auf Sinn. Was naturalistisch darzustellen Weber gar nicht erst versucht, damit ein dramaturgisches Scheitern sowieso vorprogrammiert. Denn als einzige Klammer bleibt nur noch der Text. Aber der bleibt eben.

Frankl's Philosophie, deren Herkunft aus den Erlebnissen im KZ sowie deren Bezug zu dem dort vom Menschen und dem, was ihn auch diese Hšlle Ÿberleben lЧt Gesehenen im Odeon-Theater sehr deutlich wird, soll hier nicht lange kommentiert werden, niemand mu§ noch seine Stellung in der Welt der Psychologie kommentieren. Auch sie hat SchwŠchen, zweifellos. Der wahrlich abendlŠndische Grundgedanke aber ist das Schema des †berlebens in Buchenwald und fŠllt bereits zu Anfang in dem Satz: "... nicht was die Welt uns zu geben hat Ð sondern was wir der Welt schulden ..." Er lЧt aus irdischer Entsagung entstehende Hoffnungslosigkeit, deren TotalitŠt zu demonstrieren oder gar aufs Transzendente auszudehnen eines der grЧlichsten Elemente der Folter ist, die erst den Menschen wirklich zur Unmenschlichkeit bricht, Ÿberwinden. Hinter ihm steht das dringende und sogar unbewu§te Wissen und Glaubenwollen um die Sinnhaftigkeit allen Geschehens. "Was siehst du auf der BŸhne? Dunkelheit, nichts, denn die Scheinwerfer blenden. Dennoch darfst Du glauben, da§ es Zuseher gibt." (cit.) Es geht nicht um das Vermeiden von Schmerz (wie in der Figur des Karl, von RŸdiger Hentzsche verkšpert) sondern um die menschliche Grš§e, die sich Ÿber den Sinn Ÿber alles Irdische hinaus definiert. Darin zeigt sich Freiheit, im Verhalten-zu, und um DIE geht es, inmitten všlliger Aussichtslosigkeit. So wird der SS-Aufseher zum prŸfenden Engel deutbar, demŸtig nimmt Karl die PrŸfung an. WŠhrend sein Bruder Franz "  ;zum Leben verurteilt" Ÿberlebt, so sehr er sterben wollte. Frankl hat sich Ÿbrigens mit diesem Franz selbst ins StŸck geschrieben. Darin erkennt man unschwer die GrundzŸge seiner Psychologie, die des inneren Gleichgewichts, der personalen Unversehrtheit, das die Seele sucht. Seine ganze Neurosentheorie baut darauf auf, mit allen Bedenklichkeiten, weil vielleicht SEIN "Sinnbegriff" ... nur irgendwie akzeptablere Neurose ist.

So konzipierte und erdachte es Frankl. Das hat respektiert und bestaunt zu werden. Schon gar von jenen, die Buchenwald nicht erlebten und oft genug sogar noch LeichenschŠndung durch ideologische Instrumentalisierung des Unfa§lichen betreiben. Frankl sah aber, wie ruhig, wie gleitend menschliche Hšhe wie tiefste Tiefe ineinander Ÿbergehen kšnnen: "Drei Dinge (sind gro§; sinngem. Anm.) ... Kinder zu zeugen, Musik zu hšren, und das Sterben zu erleichtern," lЧt er den SS-"Engel" sagen, der widerwillig seinen Auftrag erfŸllt und Karl tštet.

Die Textauswahl ist leider nicht wirklich stringent und zuwenig pointiert, zu glatt. Selbst der konzentrierteste Zuhšrer kann nicht nachvollziehen, was die Wendung bei den KZ-HŠftlingen wirklich motiviert. Dargestellt wird es ja auch nicht. Wer solch ein Unterfangen betreibt mŸ§te die frankl'schen Aussagen anthropologisch-philosophisch-textlich besser unterfŸttern, um sie wenigstens gesagt zu machen. Also scheitert auch der schauspielerische Umgang damit, die Akteure werden nur in jenen Momenten glaubwŸrdig und Theater entfaltet sich, wo ... sie eben naturalistisch werden. Selten genug. Also schleichen die HŠftlinge als eine Art "doch Spiel spielenden" Hybridwesen Ÿber die SpielflŠche, zuwenig stilisiert um als Kunstfiguren, zu wenig naturali  stisch um darstellerisch zu Ÿberzeugen. Da scheitert auch das BŸhnenbild erstmals, das Herumsteigen zwischen den kleinen HŠuschen, die das "Lager" schreien, schafft es nicht mehr. Was will man machen: Der Mensch Schauspieler bleibt letztlich immer naturalistisch, kann nicht einfach zwischen den Ebenen herumjonglieren, und auch um Metapher, Symbolik zu erfassen braucht es die Identifizierbarkeit von Gestalt. Da hŠtten sie einem der zitierten SŠtze besser zuhšren sollen: "... real und wahr, weil im Realen mšglich ... wird Kunst wahrer als die RealitŠt."

Keiner scheint halt wirklich zu wissen, was er spielen soll. Das gestehen sie Ð beim entspannten Bier nach der Vorstellung Ð sogar von sich aus zu. Was wunder also, da§ wŠhrend der eineinhalb nie langweiligen Stunden hin und wieder auch die sprechtechnische QualitŠt eine gewisse Schwankungsbreite offeriert. Zwischen Deklamieren, ErzŠhlen und kšrperlicher PrŠsenz, in keine wirklich kompakte Handlung eingebunden Ð oder diese aus verweigertem Naturalismus verweigernd (denn wie wenig an "quantitativer Handlung" konnte in den Baracken Ÿberhaupt passieren ... wo war z.B. die Apathie?) Ð werden die Monologe sogar fast wesenlos, nicht Fisch, nicht Fleisch. Man spŸrt fšrmlich da§ der eine oder andere doch die inszenatorisch ungelšste Spannung zum Spiel, eine Gestalt geben zu sollen, nicht ganz verbergen kann. Besonders auch Paul Kšnig als Baracken-Kapo, der er mal zu sein versucht, dann aber doch nicht ist. Sie sind ja alle irgendwie auf sich zurŸckgeworfen. Dennoch wŠre es da und dort mšglich gewesen: Kant war allen Zeugnissen nach nicht so, wie ihn Willi Hšllerer spielte, und auch Baruch Spinoza wehte einen nicht an. Sokrates (Christoph KŸnzler) hatte da leichtes Spiel, das man auch gerne annahm, der  Grieche ist durch Plato und Aristophanes ohnehin nur Ÿber Aussagen Ÿberliefert. Nur Linde Prelog als "Mutter" (im Himmel) darf "Mutter" sein. Sie spielt sie so da§ man sie sich egal warum so vorstellen kšnnte, damalig, kennengelernt hat man aber wohl kaum solch eine Mutter. NatŸrlich mu§ zugestanden werden, da§ das Unfa§liche des Themas und der folgernde Imperativ (wobei als Seitenhieb gewŠhrt sei: Heutige mšgen sich vor Augen fŸhren, da§ das †bel das Anderen noch nicht das Bessere des Eigenen bedeutet!) jede Darstellung befangen machen mu§. Immer bleibt aber noch der Text selbst, sein geistiger Gehalt. †brigens dŸrfte die Akustik des Spieltempels vokaltechnisch nicht unproblematisch sein.

So ist der Abend im Odeon-Theater eine Hommage an Frankl und eine gŸltige Darstellung der KZ-Hšlle, die nur "entschŠrft" fŸr den Betrachter Ÿberhaupt ertragbar scheint. Als leidenschaftliches Bekenntnis zum Menschen und seiner Freiheit. Die in ihrer Kraft, in ihrem beeindruckenden Zeugnis von menschlicher Berufung sich Ÿber Sinn zu definieren, von seelischem "Dennoch" etwas Ÿber den Menschen aussagt, das seine mšgliche Grš§e andeutet und ihn in der SinnerfŸllung zum Sieger macht. Kant, Sokrates, Spinoza Ð sie alle sind wohl Voluntaristen, Spiritualisten, Sinnsetzer eher denn Sinnfinder, und letztlich kann man auch Frankl, wenn man seine Schriften kennt, nicht ganz davon freisprechen, da§ sein Glaube an Gott, seine Sinnsuche, ein Bein im verzweifeltem Trotz und im Fideismus hat. Frankl hat kein gro§es TheaterstŸck geschrieben, was Dramaturgie und Darstellungskunst anbelangt. Ob ein solches Ÿberhaupt von jemandem geschrieben werden kann der diese Hšlle erlebte ist sowieso fraglich. Man kann eben nur protokollieren. Und man verstummt. Weil man begreift, da  § es Dinge gibt, die man nicht mehr untersucht, die man nicht mehr kritisiert. Insofern war die textliche Collagierung mšglicherweise gerechtfertigt. Denn im Odeon wird es greifbar, wird es bei manchen inszenatorischen Ungelšstheiten dennoch manifest, was im Leid des Menschen Grš§e ausmacht, die fŸr sich steht und die einen betroffen macht Ÿber die Kleinheit des eigenen, wehleidig jammernden Spie§bŸrgertums. Auch dank der Ehrfurcht, mit der Frankl's Texte behandelt und mit der ihm treu geblieben wird Ð der nie schwarz-wei§ gemalt hat sondern um die Vielschichtigkeit des Menschen wei§. Und DAS macht den Abend allemal zum Gewinn. Ob die Gruppe art:phalanx unter Regisseur Stefan Weber es sich mit dem sicheren Elfer "KZ" vielleicht sogar leichtgemacht hat - dieser Frage soll aus PietŠt nicht nachgegangen werden. Und das sagt auch etwas aus Ÿber die Wirkung der Inszenierung im Odeon.

"Synchronisation in Buchenwald" nach Texten von V. E. Frankl, "Odeon," Taborstra§e 10, 1020 Wien,

6. bis 18. Mai 2003, 20.00 Uhr; Karten: 01/216 51 21

 
     
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