†ber das Schauspiel - Teil 6

 

(Aus einem Brief an M.) "... Mir ist bei dieser Arbeit ("Die Unterrichtsstunde" - Siehe: Theaterkritiken; Anm.) endgŸltig auch etwas aufgegangen: NŠmlich da§ man keine Rolle zufŠllig spielt, sondern da§ man Rollen bzw. Angebote genauso sehen mu§ wie das Leben an sich. Ich glaube da§ viele Probleme beim Spiel (v.a. das Finden eines Bodens) damit zu tun haben, da§ man oft so tut als wŸrde man da einen Job erledigen, als hŠtte diese Rolle halt mal nichts mit einem zu tun.  Das Spiel also zu trennen von eines Leben. Das gibt mir persšnlich auch eine weitere Festigkeit in der Frage, welche Rollen man spielen soll und welche nicht. So wie im Leben hat es damit nŠmlich wenig Sinn, Rollen zu Ÿbernehmen, die man mit aller Kraft quasi an sich rei§en will, um engagiert zu sein.

 
Wenn ich mir aber meine bisherigen Rollen ansehe so mu§ ich sagen, da§ ich immer den Eindruck hatte, da§ selbst die Texte die ich zu sprechen hatte etwas mit mir zu tun haben, mir etwas sagen wollen. Selbst beim Brighella, in derKomšdie voriges Jahr, da habe ich SŠtze gesagt oder es kamen im StŸck welche vor, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen, die auf mein Leben trafen.
 
Was mir umso mehr die †berzeugung festigt, wie wichtig literarisch gute StŸcke mit echten, organischen, lebendigen Menschen fŸr den Schauspieler sind. Unwahres lŠ§t sich eben nicht spielen, nur simulieren. Wer aber ein gutes StŸck schreibt, ja Ÿberhaupt: Wer Literatur schreibt, der hat ja die Personen leibhaftig vor Augen, und nur von dort aus treibt sich ein Werk, man ist ja als Schreibender lediglich eine Art Zuseher. In der Auseinandersetzung aber mit den StŸckfiguren wird in einem dann das befreit, das dann auf der BŸhne sichtbar wird.
 
So habe ich die Passage in meiner Arbeit zur "Unterrichtsstunde" Ÿbrigens gemeint, wo ich auf den Schauspieler einging. Wo es mir aufgeleuchtet ist: Man mu§ Ÿberhaupt nichts simulieren, also das machen, was man so oft als "spielen" bezeichnet. Man mu§ es nur in sich freilegen, damit es sich entfalten kann, dann wird es auch sichtbar. Alle Spannungen usw., die ergeben dann die Texte, die man spricht, und die Handlungen, die formellen Handlungen, die man laut StŸck setzt.
 
Man kann deshalb nur Rollen spielen, die man auch kapiert hat. Und kapiert hei§t nicht: ZusŠtzliches Wissen etc. aufgenommen, sondern eben FREIGELEGT.  Denn die Wahrheit ist ja nicht ein ZusŠtzliches, das man sich quasi anfri§t, sondern etwas, das frei macht. Also die Durchdringung eines Gedanken zur Klarheit.
 
Ich komme immer mehr zu einer Auffassung, die manches wie umkehrt, was ich zuvor dachte, aber einiges nun mehr zu einem Ganzen aufgehen lŠ§t. NŠmlich da§ jeder Mensch quasi alle Formen in sich trŠgt, und da§ so variabel in der Darstellung zu sein eine Frage der Freilegung ist, nicht eigentlich einer Formaufnahme, wie ich lange dachte. Die Rolle des Beobachtens liegt somit nur dort, wo man im Beobachten einer Bewegung nachgeht, deren HintergrŸnde sich dann in einem Ablšsen, somit dem Urteil sich entgegenrecken. Das fŸgt sich in jene Forderung, die ich mir selbst als die einzige Aufgabe des KŸnstlers sehe: Die Pflicht zur Wahrhaftigkeit. Das Wesentliche des Schauspielers bzw. seiner speziellen Begabung besteht dann nur im "Nicht-Festhalten" einer Rolle - was fŸr jeden anderen Menschen und fŸr die ganze Geselslchaft tšdlich wŠre. (Und die Psychologie hat dafŸr ja ein ganz bestimmtes Krankheitsbild.) Das habe ich gemeint, wenn ich von Mut sprach, ich wollte das aber nicht noch ausfŸhren, sonst wŠre es noch lŠnger geworden: Denn JEDE Rolle wieder loszulassen bedeutet auch, sich der Angst auf ganz andere Weise auszuliefern, der Todesangst nŠmlich. Weil man nichts hat, das einem jene Sicherheit gibt, wie es eine feste IdentitŠt (als Franz Birnstingl, der bei der V…ESt arbeitet, Dreher ist, Mitglied des TaubenzŸchterverbandes FC RŸdigerwacken und diese und jene Eigenschaften hat, die ihn berechenbar machen) tut. Der Versuchung zu widerstehen dem entsprechen zu wollen, was so als Mensch von einem normalerweise verlangt wird. (Was ich vor fast zwanzig Jahren ja zum Exze§ gemacht habe, indem ich vor dieser Angst davonlief.)
 
Das macht in meinen Augen das Schauspiel heute auch vielfach zu einem Problem, drum halte ich es fŸr die meisten fŸr sehr schwer, gute Schauspieler zu werden. Denn Ÿber allen Kšpfen hat sich eine diktatorische Blase aus Worten gebildet, die leeres Geplappere zwar ist, aber der zu entfliehen den meisten kaum mšglich ist. UND DAMIT SIND WIR BEIM IONESCO. Denn das ist seine Grundbotschaft. Das Leben ist eben ein Spiel, man verfalle nur nicht in falsche Ernsthaftigkeit. (Das lasse ich im Roman ja Bernhard bzw. Estlect denken/sagen.) Wenn man an den Formen hŠngt hat man schon verspielt, dann verbei§t man sich in jenen Schwanzteil, den die Eidechse Leben lŠngst abgeworfen hat und davonlief. Und da berŸhren sich die Enden wieder, nŠmlich an dem Punkt wo es zurecht hei§t, da§ Schaupiel von Persšnlichkeit nicht zu trennen ist. Denn Persšnlichkeit bedeutet nichts anderes als Selbststand, in dem man die Spannungen zur Welt hin auf seinem Gewissensurteil aufbauend austrŠgt. Und wenn einem noch so die Fetzen um die Ohren fliegen.
 
Das fŸhrt zu dem letzhinnigen Schlu§, da§ der "weiseste" Schauspieler auch der beste ist, bzw. umgekehrt. (Und ich habe ja oft gesehen, und mich immer wieder nach dem Grund gefragt, da§ gro§e, berŸhmte, alte Schauspieler auch oft sehr sehr weise sind.) Und Weisheit hat mit (formellem) Wissen eben so rein gar nichts zu tun. (Weshalb so manche Schauspieler - siehe Oscar Werner, wenn es politisch wird - zu manchen Themen einfach nicht das KlŸgste reden, weil sei nix davon verstehen bzw. noch gefangen sind.) Man mu§ nur das wissen, was einem als Gewu§tes begegnet und sich in einem verfŠngt, damit man es im wahren Urteil wieder los wird. Denn sonst wird man getrieben. (Es wird u.a. von der Duse, einer der grš§ten Schauspielerinnen, angeblich, des 19./20. Jhd., berichtet, da§ sie in ihren Wagen nur noch mit herabgelassenen VorhŠngen fuhr bzw. sich fahren lie§. Und Marcel Proust hat, als er sich zu seinem gigantischen Werk entschlo§, die Fenster seiner Bibliothek mit gro§en Platten zugenagelt. Freilich, Geldsorgen hatte der nie.) ..."
 
 
 
     
johannes
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