(Aus einem
Brief an M.) "... Mir ist bei dieser Arbeit ("Die
Unterrichtsstunde" - Siehe: Theaterkritiken; Anm.) endgŸltig
auch etwas aufgegangen: NŠmlich da§ man keine Rolle zufŠllig
spielt, sondern da§ man Rollen bzw. Angebote genauso sehen
mu§ wie das Leben an sich. Ich glaube da§ viele Probleme
beim Spiel (v.a. das Finden eines Bodens) damit zu tun
haben, da§ man oft so tut als wŸrde man da einen Job
erledigen, als hŠtte diese Rolle halt mal nichts mit einem
zu tun. Das Spiel also zu trennen von eines Leben. Das
gibt mir persšnlich auch eine weitere Festigkeit in der Frage,
welche Rollen man spielen soll und welche nicht. So wie im
Leben hat es damit nŠmlich wenig Sinn, Rollen zu Ÿbernehmen,
die man mit aller Kraft quasi an sich rei§en will, um engagiert
zu sein.
Wenn ich
mir aber meine bisherigen Rollen ansehe so mu§ ich sagen, da§
ich immer den Eindruck hatte, da§ selbst die Texte die ich zu
sprechen hatte etwas mit mir zu tun haben, mir etwas sagen wollen.
Selbst beim Brighella, in derKomšdie voriges Jahr, da habe ich
SŠtze gesagt oder es kamen im StŸck welche vor, die mir nicht
mehr aus dem Kopf gingen, die auf mein Leben trafen.
Was mir
umso mehr die †berzeugung festigt, wie wichtig literarisch
gute StŸcke mit echten, organischen, lebendigen Menschen fŸr den
Schauspieler sind. Unwahres lЧt sich eben nicht spielen, nur
simulieren. Wer aber ein gutes StŸck schreibt, ja Ÿberhaupt:
Wer Literatur schreibt, der hat ja die Personen leibhaftig vor
Augen, und nur von dort aus treibt sich ein Werk, man ist ja
als Schreibender lediglich eine Art Zuseher. In der Auseinandersetzung
aber mit den StŸckfiguren wird in einem dann das befreit, das
dann auf der BŸhne sichtbar wird.
So habe
ich die Passage in meiner Arbeit zur "Unterrichtsstunde"
Ÿbrigens gemeint, wo ich auf den Schauspieler einging. Wo es
mir aufgeleuchtet ist: Man mu§ Ÿberhaupt nichts simulieren,
also das machen, was man so oft als "spielen" bezeichnet.
Man mu§ es nur in sich freilegen, damit es sich entfalten kann,
dann wird es auch sichtbar. Alle Spannungen usw., die ergeben
dann die Texte, die man spricht, und die Handlungen, die formellen
Handlungen, die man laut StŸck setzt.
Man kann
deshalb nur Rollen spielen, die man auch kapiert hat. Und kapiert
hei§t nicht: ZusŠtzliches Wissen etc. aufgenommen, sondern eben
FREIGELEGT. Denn die Wahrheit ist ja nicht ein ZusŠtzliches,
das man sich quasi anfri§t, sondern etwas, das frei macht. Also
die Durchdringung eines Gedanken zur Klarheit.
Ich komme
immer mehr zu einer Auffassung, die manches wie umkehrt, was
ich zuvor dachte, aber einiges nun mehr zu einem Ganzen aufgehen
lЧt. NŠmlich da§ jeder Mensch quasi alle Formen in sich trŠgt,
und da§ so variabel in der Darstellung zu sein eine Frage der
Freilegung ist, nicht eigentlich einer Formaufnahme, wie ich
lange dachte. Die Rolle des Beobachtens liegt somit nur dort,
wo man im Beobachten einer Bewegung nachgeht, deren HintergrŸnde
sich dann in einem Ablšsen, somit dem Urteil sich entgegenrecken.
Das fŸgt sich in jene Forderung, die ich mir selbst als die
einzige Aufgabe des KŸnstlers sehe: Die Pflicht zur Wahrhaftigkeit.
Das Wesentliche des Schauspielers bzw. seiner speziellen Begabung
besteht dann nur im "Nicht-Festhalten" einer Rolle
- was fŸr jeden anderen Menschen und fŸr die ganze Geselslchaft
tšdlich wŠre. (Und die Psychologie hat dafŸr ja ein ganz bestimmtes
Krankheitsbild.) Das habe ich gemeint, wenn ich von Mut sprach,
ich wollte das aber nicht noch ausfŸhren, sonst wŠre es noch
lŠnger geworden: Denn JEDE Rolle wieder loszulassen bedeutet
auch, sich der Angst auf ganz andere Weise auszuliefern, der
Todesangst nŠmlich. Weil man nichts hat, das einem jene Sicherheit
gibt, wie es eine feste IdentitŠt (als Franz Birnstingl, der
bei der V…ESt arbeitet, Dreher ist, Mitglied des TaubenzŸchterverbandes
FC RŸdigerwacken und diese und jene Eigenschaften hat, die ihn
berechenbar machen) tut. Der Versuchung zu widerstehen dem entsprechen
zu wollen, was so als Mensch von einem normalerweise verlangt
wird. (Was ich vor fast zwanzig Jahren ja zum Exze§ gemacht
habe, indem ich vor dieser Angst davonlief.)
Das macht
in meinen Augen das Schauspiel heute auch vielfach zu einem
Problem, drum halte ich es fŸr die meisten fŸr sehr schwer,
gute Schauspieler zu werden. Denn Ÿber allen Kšpfen hat sich
eine diktatorische Blase aus Worten gebildet, die leeres Geplappere
zwar ist, aber der zu entfliehen den meisten kaum mšglich ist.
UND DAMIT SIND WIR BEIM IONESCO. Denn das ist seine Grundbotschaft.
Das Leben ist eben ein Spiel, man verfalle nur nicht in falsche
Ernsthaftigkeit. (Das lasse ich im Roman ja Bernhard bzw. Estlect
denken/sagen.) Wenn man an den Formen hŠngt hat man schon verspielt,
dann verbei§t man sich in jenen Schwanzteil, den die Eidechse
Leben lŠngst abgeworfen hat und davonlief. Und da berŸhren sich
die Enden wieder, nŠmlich an dem Punkt wo es zurecht hei§t,
da§ Schaupiel von Persšnlichkeit nicht zu trennen ist. Denn
Persšnlichkeit bedeutet nichts anderes als Selbststand, in dem
man die Spannungen zur Welt hin auf seinem Gewissensurteil aufbauend
austrŠgt. Und wenn einem noch so die Fetzen um die Ohren fliegen.
Das fŸhrt
zu dem letzhinnigen Schlu§, da§ der "weiseste" Schauspieler
auch der beste ist, bzw. umgekehrt. (Und ich habe ja oft gesehen,
und mich immer wieder nach dem Grund gefragt, da§ gro§e, berŸhmte,
alte Schauspieler auch oft sehr sehr weise sind.) Und Weisheit
hat mit (formellem) Wissen eben so rein gar nichts zu tun. (Weshalb
so manche Schauspieler - siehe Oscar Werner, wenn es politisch
wird - zu manchen Themen einfach nicht das KlŸgste reden, weil
sei nix davon verstehen bzw. noch gefangen sind.) Man mu§ nur
das wissen, was einem als Gewu§tes begegnet und sich in einem
verfŠngt, damit man es im wahren Urteil wieder los wird. Denn
sonst wird man getrieben. (Es wird u.a. von der Duse, einer
der grš§ten Schauspielerinnen, angeblich, des 19./20. Jhd.,
berichtet, da§ sie in ihren Wagen nur noch mit herabgelassenen
VorhŠngen fuhr bzw. sich fahren lie§. Und Marcel Proust hat,
als er sich zu seinem gigantischen Werk entschlo§, die Fenster
seiner Bibliothek mit gro§en Platten zugenagelt. Freilich, Geldsorgen
hatte der nie.) ..."
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