Was bewog
mich, 1984 mein Leben innerhalb einer halben Stunde
všllig zu verŠndern? Wenn ich hier erzŠhle, da§ mich
in meiner Jugend das Buch von Andre Frossard "Gott existiert
- ich bin ihm begegnet" merkwŸrdig und still berŸhrt hat,
so soll es zugleich mein VerhŠltnis zu diesen VorgŠngen mit
beleuchten. Die ich wie Frossard nie aufgebauscht habe, und
denen ich eigentlich sehr ruhig und nŸchtern gegenŸberstehe.
Mšglicherweise sogar zu nŸchtern weil distanziert, denn es kšnnte
sein, ihnen damit auch nicht gerecht zu werden. Das ist wohl
der Hauptgrund, da§ ich hier davon berichte, ich habe es auch
schon bei seltenen Gelegenheiten an anderen Orten getan.
Aber weder
habe ich je das BedŸrfnis gehabt, irgendjemandem zu beweisen,
was mir Gewi§heit war, die auszudrŸcken ich mir nie MŸhe gab,
noch zŠhlt mir die Meinung anderer dazu. Und Frossard erging
es nicht wirklich anders, er tat in den 1950er Jahren €hnliches,
wie ich es hier tue, ohne da§ ich mich auch nur im Entferntesten
mt ihm vergleichen mšchte. Es war einfach so.
Was? Nein,
ich meine nicht das "Erleuchtungserlebnis"
im Winter 1979/80 im Stift Zwettl, wo ich mich seinerzeit hŠufig
aufhielt, das ich gleich bei meinem ersten der dort als "Katholisches
Bildungsangebot" bis heute angebotenen Zen-Seminare
bei Prof. Hungerleider am Abend erlebt hatte. Es war ein Schweigeseminar,
denn Hungerleider machte gleich am ersten Tag allen klar, da§
das Seminar ernst zu nehmen sei, sonst wŠre es sinnlos. Abends
denn, im Schlafsaal, zurŸck von den ersten "Sazen",
den Meditationssitzungen, wo Hungerleider in buddhistischer
Manier mit einem (zugegeben: nicht wirklich bedrohlichen) PrŸgel
durch die Reihen von uns Knieenden gegangen war, um jeden, der
den Weg všlliger Unbeweglichkeit und Selbstauslšschung durchbrach,
mit einem Stockhieb zu zŸchtigen, erlebte ich mitten im GesprŠch
mit meinem damaligen Freund, wie sich plštzlich etwas in meinem
Gehirn ablšste, das sich wie das Abziehen einer Folie anfŸhlte.
Etwas, das ebenso schmatzte, wobei ein helles Licht mich durchzuckte.
Im nŠchsten Moment sagte ich das, was zuvor fŸr mich undenkbar
gewesen war, ich wei§ warum ich das so sicher sagen kann, ich
sagte es mitten in das GesprŠch hinein, mein Jugendfreund starrte
mich unverwandt an:
"Es
gibt keinen Gott!"
Noch ein
halbes Jahr zuvor hatte ich in Sindelfingen bei Stuttgart, wo
ich bei Mercedes am Flie§band mehrere Sommerferien verbrachte,
in der Diskussion mit einem (sehr sympathischen) Japaner "Yoshihalu"
erleben mŸssen, wie dessen Nihilismus fŸr mich schlicht nicht
nachvollziehbar war. Erstmals in meinem Leben war mir damals
ein Atheist, ein wirklicher Atheist, begegnet, und was er mir
sagte war mir všllig unbegreiflich gewesen: Wie konnte man sagen:
"Es gibt keinen Gott!"? Das ging 1979 nicht in meinen
SchŠdel rein, ich wei§ es noch als wŠr's gestern gewesen. Dabei
vertrat ich damals lŠngst seit Jahren marxistische Thesen, da§
jeder SED-KaderfunktionŠr an mir seine Freude gehabt hŠtte.
Aber das mit dem Gott ...
Ob das Ereignis
vom Vorabend zum Karfreitag 1984 damit korrespondierte?
Ich sehe es nicht so. Eigentlich sehe ich zwar gewisse "Dramatisierungstendenzen"
bei mir, doch zum einen: die hat heute wohl jeder, und au§erdem
gehšrt das ja wohl zu meinem Handwerk. Ein Hysteriker war ich
sonst nie, selbst Hysterie mu§te ich planen. Aber irgendeiner
Redlichkeit wegen fŸhre ich halt an, da§ ungefŠhr am Anfang,
ganz klar aber am Ende der mehrjŠhrigen dezitierten Abwendung
von (erst) Kirche und (dann) Gott ein Ereignis stand. Und man
mag es drehen und wenden wie man will - keine Psychologisierung
vermag das auch nur annŠhernd ausreichend zu erklŠren, hšchstens
zu diffamieren.
Wie gesagt:
Ohne jemals jemandem etwas beweisen zu wollen oder je gemeint
haben, dies zu mŸssen, erschien mir also am Vorabend zum Karfreitag
1984 Gott.
Erschien?
Eher war es nŠmlich so: Er hob mich, der ich viele Jahre nun
als Ÿberzeugter Nihilist, zumindest aber Agnostiker, gelebt
hatte, zu sich empor. Um sich mir in seinen Šu§ersten Schichten
(zu nahe wurde ich nicht geholt, ich wu§te, da§ ich trotz der
†berwŠltigung immer noch erst "am Rande" eines "Kerns"
unfa§lichen Lichts war) zu offenbaren.
Was war damals
genau passiert? Ich war am Abend - spŠter erst wu§te ich, da§
es der GrŸndonnerstag war - eher frŸh ins Bett gegangen, und
hatte - nach einer zuvor erlittenen DemŸtigung durch einen vermeinten
Freund, nach dem Erleben von Ohnmacht, in der ich mich gezwungen
sah, diese DemŸtigung zu ertragen - seit wer wei§ wie langer
Zeit wieder ein "Vaterunser" gebetet. Diese DemŸtigung
war sicher nicht ohne Auswirkung, denn wer verdemŸtigt wird,
befindet sich in einer hšrenden Haltung - er legt, vorausgesetzt,
seine Vernunft ist stark genug um sich nicht von sinnlosem JŠhzorn
ŸberwŠltigen zu lassen, seine Waffen aus der Hand. VerdemŸtigung
hei§t ja immer zu erfahren, da§ eines Lebenswerkzeuge nicht
reichen.
WŠhrend ich
dieses Vaterunser sprach, mu§ wohl auch meine damalige LebensgefŠhrtin
zu mir ins Bett gekommen sein, ich habe daran keine Erinnerung,
denn ich wurde rasch in dieses Erleben vollauf hineingezogen.
Sie lag jedenfalls wŠhrend der folgenden Geschehnisse neben
mir, wie sie dann bestŠtigte, und kann als Au§enstehende alles
soweit bezeugen, als es fŸr Au§enstehende feststellbar war.
Und das bezieht sich auf meine Worte und Reaktionen.
Ich sah -
langsam beginnend und immer intensiver - Bilder vor mir: wie
ich aufstieg, in die Luft, in die LŸfte, hoch, hšher, an die
Grenzen der Erde, der AtmosphŠre. Von dort an in den Weltraum,
hinaus schwebte ich dieses schwarze Dunkel. An Sterne kann ich
mich nicht dezitiert erinnern. Das Tempo meines Aufsteigens
steigerte sich aber allmŠhlich.
Aus der Erinnerung
wŸrde ich eher sagen, ich hŠtte die ersten Bilder auf eine Art
imaginiert, vielleicht mit hervorgerufen, ich kann das nicht
ausschlie§en, vielleicht aber war das schon Antwort. Sehr bald
und nahtlos nŠmlich waren diese Imaginationen in real gesehene
VorgŠnge au§erhalb von mir Ÿbergegangen, oder: ich nahm sie
als solche wahr. Das einzige eigene GefŸhl, an das ich mich
an diesem Anfang noch erleben kann, war eine enorme Sehnsucht
nach irgendetwas Namenlosem, wie ein Hort des Trostes aus einer
noch viel weitergehenderen Verzweiflung als sie die vorhin erlebte
DemŸtigung auszulšsen vermocht hatte. Diese VerdemŸtigung war
ja nur wie das Wachrufen eben dieser dahinterliegenden Verzweiflung,
was auch die fehlende Gegenwehr erklŠrt. Die VerdemŸtigung war
mir, wie ich heute wei§, nur Hinweis auf etwas anderes.
Immer weiter
also schwebte ich - so erlebte ich das zunehmend - ins Weltall.
Je weiter ich mich von der Erde weg, und ins Weltall hinaus
bewegte, umso rascher wurde das Tempo meines Hinfliegens, es
war bald schon ein Rasen. Gleichzeitig verstŠrkte sich eine
VerŠnderung meiner Befindlichkeit, wo mich etwas mehr und mehr
und ganz durchdrang, bald bis in die letzte Zelle regelrecht
durchglŸhte. Alles ging immer schneller, ich raste gar nicht
mehr, man konnte das bald nicht mehr als Bewegung bezeichnen:
es war kein "Bewegen in Geschwindigkeit" mehr, es
war immer mehr ein "Auf etwas hin SEIN" - auf ein
erst fernes, dann immer nŠheres, kreisrundes Licht,
das vor mir wie aus einem von nicht ganz so hellem Licht umhŸllten
Stern auftauchte.
Dieses aus
dem Kern auftauchende Licht wurde immer heller, immer glei§ender,
immer unbeschrieblicher. Blitzschnell, rundum war tiefe Stille,
war ich vor ihm, wŠhrend mich lŠngst ein Zustand durchstršmte,
wie mir erst am Hšhepunkt klar wurde, der ebenfalls unbeschreiblich
war in seiner GlŸckseligkeit. Ich wu§te einfach: Ja, so ist
es, wenn man unsterblich ist, wenn man ewig lebt.
Všllig anders ist man da, všllig verŠndert. Kein ins Unendliche
verlŠngertes Kontinuum des Hierseins, nein, eine všllige VerŠnderung
von innen heraus, die alles durchstršmte, verwandelte, durchtrŠnkte
- denn ich blieb schon derselbe, das wu§te ich.
Schlie§lich,
als das Licht in einer nicht mehr sagbaren Helligkeit und IntensitŠt
vor mir stand, hšrte ich eine (mŠnnliche, klare, sachliche)
Stimme.
"Wer
an mich glaubt, wird ewig leben."
Jetzt
erst gewahrte ich, da§ ich mich in einer ungeheuren Gepacktheit
befand. Der Zustand war noch mehr also ein Gepacktsein denn
ein einfaches Verwandeltsein. Jetzt erst, weil im nŠchsten Moment
dieses Erfa§tsein schlagartig endigte. Ich fŸhlte, wie ich mich
lšste weil losgelassen wurde, zugleich der nicht beschreibbare
GlŸckszustand des "im Zustande des ewigen Lebens seiend"
schwŠcher wurde, die Entfernung zum Licht wuchs, ich wu§te,
ich wŸrde nun wieder "zurŸck" kommen. Ich wollte aber
nicht, hatte das GefŸhl, da§ auch ich etwas beitragen kšnnte,
um in diesem GlŸck, das mit keinem irdischen GlŸckszustand auch
nur annŠhernd vergleichbar ist, weil seine QualitŠt všllig anderer
Natur ist, zu verharren. Doch was auch immer ich versuchte,
es gelang nicht, ich wurde allmŠhlich wieder "normal"
und sank zurŸck ins Kissen ... ein wenig enttŠuscht und traurig
zwar, weil ich diesen Zustand wieder verloren hatte. Aber auch
glŸckselig vom soeben Erlebten.
Nun
wurde mir auch bewu§t, da§ ich mich (wie lange wu§te ich nicht)
an meine neben mir liegende Freundin geklammert hatte, diese
fest an mich, mich an sie drŸckte, als wollte ich mich eben
auf der Erde halten. Und wollte doch fort, bei diesem Licht
sein, in diesem Zustand aber vor allem ...
Es
hatte wŠhrend dieses Ereignisses kein Zeiterleben gegeben. Meine
Freundin hat mir dann gesagt, da§ alles etwa eine halbe Stunde
gedauert habe.
Am
nŠchsten Morgen stand ich um halb sechs Uhr auf und ging in
die (vermeinte) FrŸhmesse in die Klosterkirche in Amstetten.
Irgendwie war mir, als erinnerte ich mich, da§ dort um diese
Zeit Messen seien. Aber es war ja Karfreitag! Daran konnte ich
mich nicht mehr erinnern, da§ dies der einzige Tag im Jahreskreis
der Katholischen Kirche ist, wo keine Messe zelebriert wird.
Lange sa§ ich da und hšrte also den Schwestern bei ihrer Laudes
zu. Da betrat der ehemalige Dechant, der langjŠhrige Pfarrer
der Kirche meiner Kindheit, der in seinem hohen Alter noch spiritus
rector der Nonnen war, den Kirchenraum, ein Šu§erst frommer
Mann, von dem man fast sagen kšnnte, da§ er im "Rufe der
Heiligkeit" stand. Solcherart waren manche Geschichten,
die man sich von ihm erzŠhlte. Er hatte erst irgendetwas zu
erledigen, kam dann zu mir an die Kniebank und teilte mir mit,
da§ heute keine Messe sei. Ich nickte stumm, blieb aber sitzen.
Da schien ihn etwas zu durchfahren, plštzlich wachte er auf.
"Wollen Sie beichten?" Immer aufgeregter wurde er.
"Wollen Sie beichten?" Ich sah ihn an. "Kommen
sie, kommen Sie!" Fast zog er mich aus der Bank, ging eilig
in den Beichtstuhl, der sich rŸckwŠrts in der Kirche befand.
Als ich ihm dort erzŠhlte, da§ ich all die letzten Jahre von
Gott nd Kirche getrennt gewesen war, nun erstmals seit vielen
jahren wieder beichtete, gab es fŸr ihn kein Halten. mehr. Mit
betend-ringenden HŠnden richtete er den Blick nach oben, TrŠnen
standen ihm in den Augen, und immer wieder stie§ er den Satz
aus: "Ja ist das denn nicht eine Gnade? Ja ist das nicht
eine Gnade? Wenn ich Sie nicht ... Ja ist das denn nicht eine
Gnade???"
Von
Stund an begann ich mit energischer Entschlossenheit, mein Leben
nach dem auszurichten, was mir als Ordnung der Kirche gegenŸbertrat,
und Šnderte schlagartig und radikal mein gesamtes Šu§eres Leben.
Daneben aber suchte ich nach Mšglichkeiten, mehr vom Glauben
der Kirche zu erfahren. Ich wollte alles wissen! Endlich wieder
... alles hšren!
Ich
kann mich heute an diesen Zustand nicht mehr emotional erinnern,
ich fŸhle ihn nicht mehr, so sehr ich mich auch zuweilen bemŸht
haben mochte. Aber zweifellos ist in mir seither eine Gewi§heit
geschenkt, die alle Verdienstlichkeit des Glaubens bei mir infrage
stellen kšnnte. In jedem Fall bin ich skeptisch von mir
zu behaupten, ich wŸrde "glauben". Wer wei§ denn,
was er fŸr wahr hŠlt? Glaube definiert sich mir so, da§ ich
glauben mšchte, weil mir die Vernunft sagt, da§ das katholische
Glaubensgut mehr als plausibel ist, und zwar derartig rational
und vernŸnftig, da§ es schon regelrecht Bos- und Dummheit brŠuchte,
es nicht fŸr wahr zu halten.
Mein
Leben verlief seither auch nicht gerade friktionsfrei, und auch
meine manchen eigenartig anmutende Geschichte mit der Kirche
wurde nicht von ihrer Charakteristik durch dieses Ereignis befreit.
Vielleicht aber wurde ich doch noch mutiger. Zugleich ist immerhin
wahr, da§ ich mich auf den Tag freue, an dem ich sterben kann.
Die Charakterisierung der Welt als "vallis lacrimosa",
als Tal der TrŠnen, finde ich sehr zutreffen.
Es
wird das Sterben sicher nicht leicht, nicht locker - es wird
hart, ganz gewi§, auch spŠter. Aber der Lohn der Klarheit, diese
Konfrontation mit der ganzen Wahrheit, Geist vor Geist, die
einem alle diese elenden SelbsttŠuschungen entrei§t, mit denen
man sich zeitlebens herumschlŠgt, wird schmerzhaft, ich wei§.
Aber diese Gewi§heit dieses fŸrdere Eintauchens in das Licht
der Wahheit - dazu die Hoffnung auf die neue Schšpfung, das
Ÿberstrahlt alles. Soda§ ich auf eine Weise diese Welt nicht
ganz so ernst nehmen kann, ohne ihren ewigen Ernst zu verkennen.
***
Zweite
Fassung - Wien, am 28. JŠnner 2008 |